Nur Mut!

Tracy Letts: Eine Frau – Mary Page Marlowe, Berliner Ensemble (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Eine Frau? Nein, vier! Oder eigentlich noch mehr, elf, wenn der Rezensent richtig gezählt hat. Um Identität geht es in Tracy Letts‘ Stück, weibliche Identität genau genommen. Wie entsteht sie, wie setzt sie sich zusammen, wie wird sie konstruiert und von wem? Denn wer das Ich über die Jahrzehnte, die ein Mensch (im Regelfall) lebt, beobachtet, erkennt schnell: Es gibt mehr als eines davon. Und wenn es eine Vielzahl von unterschiedlichen Ichs geben, wie kann dann das eine existieren, von dem wir immer hören, dass wir es finden und sein sollen? Ist es nicht unausweichlich, wie Letts‘ Titelfigur vom „Ich werde ich sein“ zum „Ich bin nicht die, die ich bin“ zu gelangen? Und wenn ja, was passiert auf dem Weg? Wo liegt die Verantwortung? Denn das ist das zweite Thema dieses Stücks: der Mythos der Verantwortlichkeit des/der Einzelnen für das eigene Schicksal. Und das trotz all der gesellschaftlichen Zwänge, Vorgaben, Rollen, die man zu erfüllen hat. „Du bist verantwortlich“, sagt die Freundin der 19-jährigen Mary, worauf diese antwortet: „Ach, du Scheiße!“ Später wird sie Sagen: „Ich habe nie Einfluss genommen“ und behaupten, immer nur Rollen gespielt zu haben. Ihr Leben sei ein Zufall gewesen. Was stimmt?

Bild: Julian Röder

Bei Tracy Letts setzt sich Identität nicht aus einem stringenten, linearen Narrativ zusammen, sondern aus disparaten Einzelmomenten, Lebensfragmenten, selektiv erinnert und subjektiv eingefärbt. Momenten der Entscheidung. Wer trifft sie? Keine einfache Frage. Die Schlüsselszenen, aus denen sich dieses Leben konstruiert, sind meist ambivalent, Kombinationen aus Fremd- und Selbstbestimmung. Denn Mary Page ist eine, die handelt, ihr Leben in die Hand nimmt, und doch immer glaubt, Spielball zu sein. Als sie in der ersten Szene des Stücks den Kindern erzählt, dass ihr Mann und sie sich getrennt haben, ist sie Handelnde und rekurriert in ihrer Erzählung doch immer wieder auf den Willen des Mannes. Ein selbstbestimmtes Individuum, das sich als Fremdbestimmte sieht. Die Folgen: Therapie, Alkoholsucht, Gefängnis. Hier liegt der eigentliche Kern des starken Textes: die Gebrochenheit einer exemplarischen Frau unserer Zeit, gefangen zwischen Selbtverwirklichungs-Dogma und Rollenerwartung.

Letts zersplittert die Geschichte dieser Frau, die Mary Page Marlowe hieß und heißt, zwischendurch den Namen Gilbert trug. Er zerreißt sie in Einzelszenen aus sieben Jahrzehnten, beginnt am Anfang des so genannten mittleren Alters und endet an dessen Schluss. Dazwischen erleben wir sie als schreienden Säugling und als Sterbende. Es sind Momente der Entscheidung, dramatische, schmerzliche, aber auch freudige, leichte, alltägliche. Das Banale steht neben dem Tragischen, hautnah, nicht voneinander zu trennen. Vier Darstellerinnen teilen sich in David Böschs deutscher Erstaufführung die Rolle und legen sie durchaus unterschiedlich an. Wilhelmina Mischorr (die sich die Rolle mit Elisabeth Moell teilt) ist das unsichere Mädchen mit eigenem Willen, Carina Zichner die zwischen Selbstsicherheit und einsetzender Panik schwankende junge selbstbewusste Frau, Bettina Hoppe die trockene Kämpferin und rau Resignierte, Corinna Kirchhoff die gern ins Infantile kippende spät Liebende. Schwankende Gestalten allesamt, miteinander und in sich selbst nicht zusammenpassend. Der Abend bricht die Zersplitterung des Ichs auf die Darstellerinnen herunter und zeigt doch auch: ja, das ist eine Frau, die sich durchwurstelt, durchkämpft, scheitert, aufgibt, weitermacht. Und am Ende ganz nah an dem ist, was der Küchenpsychologe „bei sich selbst“ nennen würde.

Böschs Inszenierung ist behutsam. Patrick Bannwart hat ihm identische Pressplattenwände auf die Drehbühne gebaut, die unterschiedlichste Räume andeuten, semi-private, vor allem aber solche des Durchgangs, der Flüchtigkeit: ein Diner, ein Motelzimmer, eine Reinigung. Die Bühne dreht sich von einer Szene, einem Jahr, einem Leben ins nächste, während sie das tut, passiert der Zuschauer*innen-Blick die anderen, meist bewohnten. Ein Ritt durch die Zeiten, eine Betrachtung des Ungleichzeitigen als Gleichzeitiges. Denn die vergangenen wie die zukünftigen Ichs sind stets angelegt im jeweils gegenwärtigen, sind stets mit dabei. Gegen Ende bleibt die jeweilige Darstellerin zuweilen außerhalb der Drehbühne stehen, betrachtet ihre anderen Welten, tritt gar in eine von ihnen ein. Ein stilles, unaufdringliches, starkes Bild.

Und doch wirkt der Text  ein wenig stärker, als es der Abend in seiner Gesamtheit tut. Das liegt nicht an den Darsteller*innen, die bis in die Nebenrollen Leben atmen, allen voran Martin Rentzsch, der gleich zwei von Marys Ehemännern spielt. Nein, der Grund liegt eher darin, dass David Bösch etwas tut, was Mary Page Marlowe fremd ist: Er geht auf Nummer sicher. Er lässt die Szenen naturalistisch spielen, dreht aber vor allem die zerbrochenen Charaktere gern ein wenig ins Karikatureske und erzwingt so Lacher, welche die Intensität wiederholt ein wenig herausnehmen. Er tritt gern ein wenig auf die Bremse – immer wieder ein Problem in Böschs Inszenierungen – erlaubt seinen Figuren nur genau dosierte und dramaturgisch gut ausgewählte Ausbrüche, deren Timing stark ans Boulevardtheater erinnern – die Szenen sind mitunter so konstruiert, dass sie ein wenig zu eindeutig auf den Effekt schielen. Er neigt zur Illustration, etwa in der Musikauswahl, die zur Einleitung der Szenen dient und immer sowohl Zeitkolorit als auch thematischen Kommentar injiziert. So beginnt der Abend mit Blacks „Wonderful Life“. Die Botschaft: Wir sind in den 1980ern und hier sehen wir ein, wie es Dramaturgin Sibylle Baschung im Programmheft ausdrückt, „normal verkorkstes Leben“. Ganz am Ende verlässt Kirchhoff ihre letzte Szene, geht zu ihrem Krankenbett und setzt sich drauf, dort, wo Mary Page sterben wird. Dazu noch einmal „Wonderful Life“. Das ist zu plakativ und harmlos für diesen zerrissen lebenssatten Text, das ambivalente Spiel und die innerhalb der Szenen oft feinfühlig zurückhaltende Regie. So bleiben intensive, bewegende Bruchstücke voll der Widersprüchlichkeit, die Leben heißt und Identität will, die sich leider nicht zu einem spannungsreichen Ganzen zusammen setzen, weil dem Regisseur ein wenig der Mut fehlt. Den kann er sich bei Mary Page abschauen.

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Ein Gedanke zu „Nur Mut!

  1. […] in äußerst dröges Behauptungstheater verwandeln lässt. Das Nachfolgestück Eine Frau – Mary Page Marlowe, ein schon an allen Ecken knirschendes Lebensporträt über mehrere Jahrzehnte hinweg, überließ […]

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