Oase des guten Gewissens

Junges DT – Hier.Stehe.Ich, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

„Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Es sind Martin Luthers berühmteste Worte und sie sind womöglich nie gefallen. Zumindest scheint diese Möglichkeit heute so wahrscheinlich wie die, dass der Reformator seine 95 Thesen an die Pforte der Wittenberger Schlosskirche nagelte. Basiert einer der bekanntesten – und folgenschwersten – Akte der Rebellion im vergangenen Jahrtausend also auf Mythen? Eine spannende Frage, der dieser Abend nicht nachgeht. Luther ist nur der Anlass, zynisch könnte man auch sagen: der Geldgeber, schließlich lebt das Projekt auch von Geldern, die anlässlich des Reformations-Jubiläums bereitgestellt wurden. Diesem Abend geht es um anderes: um den Akt des Widerstands als solchen, seine Quellen, seine Schwierigkeit, seine Notwendigkeit. Wer rebelliert wann, warum, wogegen? Wogegen lohnt es sich aufzustehen, wogegen muss man es tun? Und wofür sind wir bereit aufzustehen? All das soll verhandelt werden in diesem „Laboratorium des Widerstands“, das für gerade drei Tage in der Box des Deutschen Theaters geöffnet hat. Dabei sind diese wenig mehr als ein Epilog, hat die eigentliche und wesentliche Arbeit zuvor stattgefunden.

Bild: Charlotte Grief

Wenn es jemals einen Theaterabend gab, bei dem es vor allem um seine Entwicklung und Entstehung ging und erst an letzter Stelle um sein fertiges Ergebnis, ist es dieser. Wie schon bei Jugend.Erinnerung 1945/2015, einer Arbeit anlässlich des 70. Jahrestags der Beendigung des Zweiten Weltkriegs kamen 18 Jugendliche – je sechs aus Berlin, Warschau und St. Petersburg, zusammen, um gemeinsam Fragen von Haltung, Verantwortung und dem Möglichkeiten des Zusammenlebens zu klären. In allen drei Städten wurden Workshops durchgeführt, traf man sich mit Menschen, die in der einen oder anderen Form Widerstand geleistet haben oder noch leisten, arbeitete man an Facetten des Widerstands auf Basis mehr oder weniger ikonischer Vorbilder: Martin Luther für Deutschland, der Friedensnobelpreisträger und sowjetische Dissident Andrej Sacharow für Russland und Irena sendler, Krankenschwester, Widerstandskömpferin und Retterin von etwa 2.500 jüdischen Kindern aus Warschau während der deutschen Besatzung. Gemeinsam versuchte man der Frage näher zu kommen, was Menschen motiviert, sich zu erheben, aber auch der, was das eigentlich bringt. Und am ende der entscheidenden: Wo stehe ich? Stehe ich über überhaupt? Und wenn nicht, sollte ich mich erheben? Wofür? Wogegen?

Viel Material, das – das Ganze ist schließlich als Theaterprojekt konzipiert und eingereicht – in 90 Bühnenminuten gegossen werden will. Das geht natürlich schief. Dabei gibt es durchaus lohnende Momente: Etwa, wenn sich die drei Ländergruppen wiederholt separieren und wetteifern darum, wer die besten, ersten, erfolgreichsten Widerständler*innen hervorgebracht haben, was gegen Ende in einer „Battle of the Heros“ kulminiert, die in der von diesem Rezensenten besuchten Vorstellung im Publikumsvotum eine polnische Kämpferin für Frauenrechte knapp „gewinnt“, unter anderem gegen einen Priester, der die Menschenrechte höher bewertet als kirchliche Disziplin, eine mutige russische Theatergründerin und eine Landsfrau, die sich für Obdachlose einsetzt. Da wird das Publikum zum Komplizen eines Reality-TV-affinen Aufmerksamkeitswettkampf. Ein knapper, aber hochpräziser Kommentar zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Engagement. Ebenfalls auf dem positiven Konto zu verbuchen sind einige Spielszenen, gesellschaftliche Miniaturen über Widerstand und Angst, den Mut des Einzelnen und die Feigheit der vielen. Da gibt es mild satirische Spielszenen, beispielsweise um eine russische Durchschnittsfamilie, symbolische Choreografien, die Machtverhältnisse auf eindrucksvolle Weise durchspielen und körperlich andeuten, wie schnell eine*r, der/die aufmuckt, sich isoliert finden kann.

Doch bleibt das Stückwerk, dem die Klammer fehlt, das Narrativ, das zusammenhält oder gar weiterführt. Viel zu vieles an diesem Abend ist Frontalunterricht, eine Nummernrevie didaktischer Versatzstücke, immer mit Blick auf den möglichst kleinen gemeinsamen Nenner serviert. Biografien werden referiert, Porträts gezeichnet – mit Worten und Edding – und persönliche Staments abgegeben. Der Abend beginnt mit 18 kurzen „Hier stehe ich“-Monologen, die selten über das Reflexionsniveu „weil Sitzen etwas für Schwache ist“ hinausgehen und endet mit individuellen Widerstandsprojekten wie dem von Gabriel, der sich ein Kreuz auf die Brust malt und verspricht, mit Regenbogenflaggen zu einem „Heilungszentrum“ für Schwule zu ziehen, wozu er das Kreuz mit Regenbogenfarben übermalt. Alle haben – natürlich – ihre Schlussfolgerungen gezogen, ihren Widerstandswillen gestählt und sich bereit, hinauszuziehen in die Welt. Wobei, und das ist ein inhärentes Problem des Abends, die Vermengung der eben doch sehr unterschiedlichen politischen Situation der drei Länder – mit Russland als dem autokratischen und Deutschland als dem demokratischsten Pol – zu einer gefährlichen Beliebigkeit führt. Wenn das Eintreten für die Wahrheit unter akuter Lebensgefahr auf gleicher Ebene verhandelt wird wie eine Berliner Theaterbesetzung (den erwähnten polnischen und russischen Aktivist*innen stehen im „Battle“ auf deutscher Seite ein Volksbühnenbesetzer und ein subversives Performancekollektiv gegenüber), ist der Widerstand schon fast gebrochen. Da fühlt man sich gemeinsam wohl im schönen Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, sonnt sich in der Oase des guten Gewissens und muss nicht so schwierige Dinge tun wie zu differenzieren, Widerstandsgrade abzuwägen oder wirkliche Gefahren zu bewerten. Hauptsache man hat seinen Kampf, steht auf, wofür oder wogegen ist sekundär.

Ist das Projekt also ein Fehlschag? Als Theaterabend ja, als Prozess der Begegnung keinesfalls. Denn sein wahrer Wert liegt eben nicht im Ergebnis, nicht im vermeintlichen Ziel, das nur ein künstliches, der Notwendigkeit geschuldetes ist, sondern im Weg dorthin. Er liegt in der Begegnung junger Menschen aus Ländern, die sich derzeit politisch wie ideologisch wieder von einander weg bewegen, deren Verhältnis in allen bilateralen Relationen von zunehmender Feindseligkeit geprägt ist, und der Erkenntnis, dass die werte, die diese Jungen, Mädchen, junge Frauen und Männer umtreiben gar nicht so weit auseinander liegen, dass die „Helden“, die vergangenen wie die heutigen mehr eint als trennt, dass es sich lohnt sich zu engagieren, auch wenn es nicht so harmonisch zugeht, wie das allzu harmlos verpackte Bühnengeschehen, diese Nummernrevue der Widerstandsklischees vermuten lässt. das eigentliche „Labor“ befindet sich nicht auf der Bühne, sondern im Kennenlernen, im gemeinsamen Reisen und erleben, im Austausch und den Versuch, den Anderen zu verstehen, mehr noch, zu akzeptieren, dass da gar keine „Anderen“ sind, sondern nur weitere von der gleichen Art, mit dem gleichen Herz und Hirn. Eine Gemeinschaftlichkeit, die Unterschiede anerkennt, weil sie Gemeinsamkeiten sucht. Und so ist Hier.Stehe.Ich ein Erfolg – für die 18 Jugendlichen, die weiteren Beteiligten und die Welt, in die diese eindrucksvollen jungen Menschen hinausgehen. Nur eben nicht für das Theaterpublikum in der Box.

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