Ein Weg. Eine Welt.

James Levine dirigiert die Staatskapelle Berlin mit Mahlers dritter Symphonie

Von Sascha Krieger

Ein Comeback und ein Debüt: Etliche Jahre hat James Levine nicht mehr in Europa dirigiert, längere Zeit musste der an Parkinson erkrankte Dirigent ganz pausieren, im vergangenen Jahr nach 40 Jahren Amtszeit die musikalische Leitung der New Yorker Metropolitan Opera niederlegen. Und doch lässt sich der lockenköpfige Mann nicht von der Bühne fernhalten – kein Wunder, wenn man Bilder und Videoaufnahmen von seinen unzähligen Auftritten kennt, die vor allem eines zeigen: die unbändige Freude an der Musik und ihrer Erschaffung. Da überrascht es kaum, dass Levine die Einladung seines alten Freundes Daniel Barenboim angenommen und lange Versäumtes nachgeholt hat: Die altehrwürdige Staatskapelle Berlin, wie der Klangkörper, dem Levine vier Jahrzehnte lang vorstand, im Hauptberuf Opernorchester, hatte er noch nie dirigiert. Jetzt sitzt der Mann, für dessen Rollstuhl eigens eine Rampe in die Philharmonie gebaut wurde, endlich an ihrem Pult. Als er den Taktstock hebt, ist seine Leidensgeschichte schnell vergessen. Stattdessen macht sich gut zwei Stunden lang, in Hans Scharouns Saal etwas breit, das auch hier nicht jeden Tag zu Gast ist: pures musikalisches Glück.

Dabei kann Levine eigentlich nur scheitern. Es ist ein monströses Werk, das er sich und dem Orchester für gerade ein einziges Konzert aufgeladen hat: Gustav Mahlers dritte Symphonie. Über eineinhalb Stunden lang (und damit selbst unter Mahlers Riesenwerken mit einigem Abstand das umfangreichste), sechs Sätze umfassend, eine Ansammlung musikalischer Ideen und Formen, die auch große Dirigenten Mühe haben, halbwegs zusammenzuhalten. Levine verfolgt dabei zwei Ansätze: Zunächst trennt er den kolossalen, gut halbstündigen ersten von den kürzeren, kleinteiligeren restlichen fünf Sätzen, eine Entscheidung, die der Balance des Gehörten gut tut. Zweitens und wichtiger noch: Sein Blick gilt dem Detail, der einzelnen musikalischen Komponenten, dem individuellen Mosaikstein. Diese setzt er Stück für Stück zusammen, bis so etwas Absurdes wie ein großes Ganzes entsteht. Levine, der auch Filmmusik dirigiert hat, zoomt ganz nah heran, lässt jedes Detail in Lebensgröße aufscheinen.

Das gilt gerade für den monumentalen Kopfsatz. Hier ist das ganze Universum – Mahler verglich das symphonische Komponieren ja einmal mit dem der Erschaffung einer Welt – präsent: von der herausfordernden Affirmation des recht voluminösen Hornrufs zu Beginn bis zur Stille, dem Nichts, aus dem alles kommt und in das alles führt. Diese sucht Levine immer wieder, lässt lange Pausen machen, dehnt die Passagen, in denen außer einem hier aufs Minimum reduzierte Paukengrummeln nichts mehr zu hören ist – außer einer ohrenbetäubenden Stille. Levine sucht – und findet – für jedes musikalische Element, für jede Passage den passenden Ausdruck. Mal erschafft das Orchester einen lichten, hellen, farbenreichen, hochtransparenten klang, dann wieder spielt es erdig, dunkel, verdichtet. Extreme Ausdruckskontraste stehen direkt nebeneinander, schaffen das Gefühl einer widersprüchlichen Welt, führen aber nie zu einem fragmentierten Eindruck. Intimes, unendlich Zartes steht neben kraftvoll Aggressivem, zuweilen fast Gewalttätgen. Wobei Levine die Polarität vermeidet: Die zwei Grundelemente des Satzes – Trauer- und Militärmarsch – vermischt er zu aufregenden Ambivalenzen. So kann der Trauermarsch bedrohlich, der Militärmarsch für Momente lebensbejahend klingen.

Das führt zu musikalischer Unruhe, zumal Levine dazu tendiert, die Vielzahl der Stimmen gleich zu gewichten. Das führt zu einem Klang, bei dem alles Substanz, manches Widerspruch, nichts Oberfläche ist, der den Zuhörer hineinführt, -saugt, -reißt. Dies gilt für massive orchestrale Passagen wie für die Dialoge der Soloinstriumente, etwa wenn Wolfgang Brandls hauchzarte Violine das Zwiegespräch mit den Blechbläsern sucht. Gesanglichkeit ist für den Dirigenten, der die Vokalmusik besonders liebt, Fundament und Lebenselixir zugleich, bedeutet aber nie ein Sich-Verlieren in purem Lyrismus. Der schatten gehört zum Licht und so arbeitet er die kleinen wie großen Verdunkelungen und Schattenwürfe mit einer Klarheit und Subtilität heraus, wie es auch Mahler-Kenner vielleicht noch nie gehört haben. Zwischen intimstem Tröpfeln und härtestem, aggressivstem Zug, ist alles vorhanden in diesem Kopfsatz. Eine ganze Welt aus Lebensfreude und Schmerz. Und sie hat erst begonnen.

Denn James Levin und der Staatskapelle gelingt es nach der Pause, nahtlos an das Vorige anzuknüpfen. Wobei das Erstaunlichste ist: Bei aller Detailschärfe, allem Fokus auf das Einzelne gelingt es eine Atmosphäre zu schaffen, eine Stimmung, die über mehr als zwei Stunden hält und die ganz persönlich, zu jedem Ohr, Hirn, Herz im Saal spricht. Denn Levine gelingt etwas Magisches: Er nähert sich dem Werk mit kompromissloser analytischer, zuweilen mikroskopisch erscheinender Schärfe – und erschafft etwas, das ungeheuer persönlich, intim, emotional klingt und das Individuelle weit überschreitet, weil es jeden, der das spielt oder hört, verbindet. Und so ist auch in den knapperen Folgesätzen die ganze Welt stets vorhanden. Etwa im zweiten, der leichtfüßig und höchst lebendig anhebt und in seinem Verlauf mit so mancher Schärfe überrascht. Oder der dritte: auch er zunächst tänzerisch schwungvoll, die Posthornsoli (Christian Batzdorf) von fern heranwehend, voller zartester Melancholie, später auch hier bedrohliche Unruhe, ein brodelnder Vulkan.

Dann die beiden Vokalsätze: der vierte geprägt von orchestraler Vereinzelung: Levine schiebt die Soloinstrumente in den Vordergrund, frei schwebende Inseln, deren eine Violeta Urmanas dunkel grundierter, eindrunksvoll zurückgenommener Mezzosopran über düstere Nietzsche-Worte ist, ein schattenhaftes Geisterspiel, das ungeheuer nahe geht. Etwas weniger gelungen der fünfte, auch weil die Damen des Staatsopernchors seltsam gedämpft klingen, im unscharf Ungefähren bleiben (der Kinderchor bleibt leider ganz im Hintergrund), während sich das Orchester weiter ins Zwielicht bewegt. Ein unruhiger, unentschiedener Satz mit reichlich Spannung.

Und dann das Finale: Hauchzart lässt Levine die Streicherdecke weben, die den Hörer aufnimmt und einen langen, ruhigen Fluss entlang führt, traurig, fragil, zögernd. Ein intimer Gesang über die allerletzten Dinge. Ins Mark fahrend die unendliche Zartheit des Zwiegesangs von Solovioline und Hörnern, von unfassbarer Schönheit die Aufhellung der Welt durch die hellen Holzbläser, erschütternd das unvermittelte Kippen des Klangs in Aggression und Schärfe. Ein zweiter Versuch organischen Wachsens. Und siehe da: Die Gewalt zieht sich zurück, das Leben lugt scheu hervor, seiner Endlichkeit und seinem dunklen Grund bewusst. Und so singt sich dieses kosmische Werk in ungeheuer berührendem Lebens- und Todesgesang zu Ende, knüpft ein Band mit dem Publikum, das Orchester, Dirigent und Zuhörer den weg gemeinsam gehen lässt. Den letzten. den ersten. Jeden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: