Monster im Ozean

She She Pop & zeitkratzer: The Ocean is Closed, Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin / Münchner Kammerspiele

Von Sascha Krieger

Zuweilen fragt man sich ja, wenn an Theaterabenden von erhöhter Lautstärke die rede ist und Ohrstöpsel ausgegeben werden, wie empfindlich manche Gehöre sein müssen – oder ob man selbst bereits am Ertauben ist. An diesem Abend, den das Performancekollektiv She She Pop mit dem avantgardististischen Musikensemble zeitkratzer bestreitet, ist der Besucher gut beraten, vorher in die Schalen mit den kleinen Gehörschützern zu greifen. Dabei schält sich zunächst ganz sacht eine anfangs kaum hörbare zarte Klangwolke aus der vollkommenen Stille, schwillt behutsam an, immer auf dem einzigen Ton verweilend, angetrieben von Schlagzeug, Cello, Klavier, Horn, Posaune, und sich stetig emporschwingend, bis die Klangfäche ohne eingesetzte Stöpsel die Schmerzgrenze bei den meisten überschritten hätte. Von der Stille zum Lärm – durchaus ein Motto für das ungewöhnliche Ensemble, das sich gerade in der Noise-Musik zu Hause fühlt und Stücke unterschiedlichster Provenienz dekonstruiert, seine Klangbestandteile auseinanderbaut und neu zusammensetzt, Musik physisch begreift, wie einen Baukasten, einen Werkzeugsatz, Klang als Präsenz in den Raum gestellt. Da wird schon mal mit einem Schlägel auf die Klaviersaiten eingeprügelt, ein Becken mit Geigenbogen bearbeitet oder selbiger auf dem Cello zum Schlaginstrument umfunktioniert.

Bild: Sascha Krieger

zeitkratzer befragt die Musik auf das nicht Hinterfragte, nimmt Konvenbtionen der Klangerzeugung nicht als gegeben hin, verweigert die Gewissheit, wie etwas – ein Instrument, ein Stück – zu klingen habe. Das ist nicht neu und doch von ungeheurer Konsequenz, weil es eben auch den Status des Komponisten als zentraler Instanz verneint und ihn zu einem der vielen Bausatzteile reduziert. Wie zeitkratzer die Musik befragt She She Pop sein 20 Jahren das Theater, dekonstruiert Konventionen von Spiel und Erzählung, von Repräsentation und Fiktion. In einem postdramatischen Labor fragt die mit einer Ausnahme komplett weibliche Gruppe die Art und Weise, wie das Theater kommuniziert, in dem es Kommunikationsmuster aufbricht, vorführt, zerlegt und neu zusammenfügt. Eigentlich sind beide Kollektive also logische Partner. Wobei das mit der Partnerschaft so eine Sache ist. Die Rivalität ist von Beginn an gegeben: zwischen Musik und Theater, Klang und Wort, aber auch Ordnung und Chaos. Wie viele Regeln braucht Spiel und wer legt sie fest?

Darüber entspinnt sich ein gut zweistündiger Dialog, der auf allen verfügbaren Ebenen geführt wird: Sprache und Musik, Argument und diktatorische Bestimmung, körperliche Dominanz und stilles Beharren. Das Spiel wird zum Möglichkeitsraum: Halbsätze, die mit „Wenn…“ beginnen und kein „Dann…) finden, bilden das textliche Fundament. dabei geht es um Möglichkeiten der Kunsterzeugung, Transparenz gegenüber dem Publikum, Scheitern und Anerkennung, um Befindlichkeiten einzelner Instrumentalistengruppen, aber auch um Machtgefüge: „Wenn all das hier gar kein Konzert, sondern ein Hintergrundgeräusch für meine Bewegung über die Bühne wäre“, träumt Sebastian Bark einmal und lässt es darauf ankommen. Die Spannung zwischen Spieler und Ensemble ist spür-, die Reibung hörbar. Auch patriarchale Strukturen scheinen auf und werden durch weibliche Monster angeklagt. Und dann ist da die Sehnsucht der Gleichwertigkeit, die auch mal in die nach der Ablösung des Anderen umschlägt. So kapert Ilia Papatheodorou wiederholt das Schlagzeug von Maurice de Martin, erklärt Sebastian Bark der Cellistin Nora Krahl ihr Instrument. Worauf sie mit einer zarten Vergemeinschaftung selbigen reagiert, während die Spieler*innen mit immer groteskeren Kostümierungen ein selbstironisches Aufmerksamkeitsspiel wagen. Das sie natürlich gewinnen. Und verlieren.

Denn der Möglichkeitsraum ist auch ein utopischer Ort der Verständigung. Gerade die Musiker*innen ersehnen sich immer wieder ein Mit-, statt des Gegeneinanders. Und so stellt man sich Fragen, kommt  wiederholt zur Kernfrage „Wie fängt man an?“ zurück, die mal persönlich, mal universell, mal spezifisch auf die Bühnensituation, mal konkret auf den eigenen Lebensweg beantwortet wird. Eine kollektive, sich langsam zusammenfügende Geschichte der Anfänge, Abbrüche, Neustarts, die auch den Abend auszeichnet, der immer wieder ansetzt, sich unterbricht, aufs Neue loslegt. Ein Experiment im zweckfreien Spiel, das sich nur langsam von dem Mechanismen der Anerkennung, des Gefallenwollens, des Leistungszwangs und Unterhaltungsdrucks befreit und darüber denn doch so etwas wie Gemeinschaftlichkeit wenn nicht findet, so doch zumindest andeutet. Da sitzen sie am Ende, nach dem sie sich zwei Stunden lang umspielt, belauert, um die Macht des Mikrofons duelliert haben, einträchtig zusammen – als ein Ensemble und erzeugen Klänge. Ozeanische, ein wellenartiges Rauschen, Der Klang einer in sich ruhenden Welt. Pures Spiel. Zeit, das Licht zu löschen und zurückzukehren in die Stille, die nun eine gemeinsame ist. Ob mit oder ohne Regeln.

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