Himmel aus Eis

Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut, Deutsches Theater (Box), Berlin / Ruhrfestspiele Recklinghausen (Regie: Alexander Riemenschneider)

Von Sascha Krieger

Es ist der Himmel: Unten freundliche weiße Wolken, gemischt mit zartem Hellblau, im Hintergrund ein klarer Sternenenhimmel. Oder ist es doch eine kalte Welt, der Boden aus harten, tödlichem Eis, die Kulisse nicht ändern wollender Schnellfall? Und diese Figuren, vorsichtig weiß geschminkt, in neutral gedecktern Nichtfarben, Verschwindende, kaum Sichtbare? Gespenster, (Un)Tote? Frierende Kinder? Gar Engel? Eine Zwischenwelt haben Regisseur Alexander Riemenschneider und Bühnenbildnerin Juliane Grebin in Michael Köhlschneiders 2016 erschienenen Roman Das Mädchen mit dem Fingerhut entdeckt und auf die Bühne gebracht. Es ist die Geschichte des namenlosen Mädchens, das alle Yiza nennen, weil dies das erste Wort ist, das sie spricht, allein in einer fremden Welt, durch diese driftend, zunächst mit zwei, später einem älteren Jungen, den sie nicht versteht, schließlich allein, am Ende wiedervereint über einer monströsen Tat. Schattenwesen, Unsichtbare, Nichtgewollte in einer Welt des Überflusses. Eine Fluchtgeschichte vor einer Hänsel-und-Gretel-Folie. Doch wer ist die Hexe und wo die Rettung? Wo Niedlichkeit die Währung ist und zu männliche Augenbrauen ein gesellschaftliches Todesurteil: Wo ist die Hoffnung, der Silberstreif, der Punkt, an dem aus dem Fremdem das Menschliche wird?

Bild: Arno Declair

Köhlmeier beschreibt eine kalte, unverständliche Welt aus den und durch die Augen der Kinder. Wir, das weiße Europa, der Nabel der Welt, sind das Fremde, Bedrohliche, Undurchdringliche. Kotti Yuns verständisloser Blick, stets bereit zurückzuschrecken, eine Mischung aus Staunen und Angst, bildet das Fundament dieses Abends. Riemenschneider dramatisiert nicht, er erzählt. Die Geschichte, das dunkle Märchen ist auch ein Akt der Sprachfindung und -werdung der Sprachlosen. Es entsteht erst durch die Sprachlichkeit, erst wer eine Stimme hat, kann von sich behaupten zu existieren. Eine klare Sprache und eine doppelbödige. Wenn am Ende die Rede davon ist, dass sich beide aufmachen zu den „Freunden“, eine „Horde von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Rührung und Mitleid“, ist das eindeutig und widersprüchlich zugleich, Hoffnung und Verderberben, Sicherheit und Bedrohung, Geborgenheit und Angst. Die stille Kotti Yun und der hibbeligere Thorsten Hierse beschreiten diese sprachliche Reise als Erzähler*innen aber auch Erzähltes eines Textes, der Prosa ist, aber ein lyrisches Herz hat. Ein melodischer Text, ein rhythmischer auch, zu dem Musiker Tobias Vethake mit allerlei elektronischen Gerätschaften und E-Cello tritt. Sprache und Musik treten in Dialog, geben einander Resonanzräume. Das Klangfundament verstärkt, bietet Halt, bricht auf. Die multiplen Fluchtbewegungen intoniert er als Crescendi am Rande des Schmerzempfindens. Das Licht wandelt zwischen Wärme und Kälte.

Und dann die Körper: Sie finden ihre eigenen Sprache. Mal unisono mit dem Text, mal gehen ihn. Sie schrecken zurück und ziehen einander an, scheinen sich zuweilen selbst abstoßen zu wollen, ringen mit sich, wie ihre Träger*innen mit dem Hunger ringen, der Kälte, der existenziellen Bedrohung. Irgendwann wird Kotti Yun zu Yiza und Thorsten Hierse zu Arian, klammert sich die Erzählung an ihre Ob-/Subjekte, um sich nicht zu verlieren – und umgekehrt. Die Doppelbödigkeit bleibt, das Spiel ist minimalistisch, angedeutet, oft leicht zu verpassen und doch das körperliche Gegengewicht zur Sprache, ihre Lebendigmachung, ein Hauch der Hoffnung auf Leben. Alexander Riemenschneider, seinem Team, den Darsteller*innen ist ein poetischer Theatertraum gelungen, unendlich zart, eine ungeheure Sogwirkung entwickelnd, ein federleichtes Gewebe aus Sprache, Spiel und Klang, aus Wort, Körper und Musik, flüchtig, zerbrechlich, kaum sichtbar – wie die, von denen es erzählt. Den Fremden. Oder uns?

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