„Knietief im Amalgam“

Alexander Eisenach: Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft, Berliner Ensemble (Regie: Alexander Eisenach)

Von Sascha Krieger

„Wenn das Theater den Biß verliert, besetzen Zahnärzte den Zuschauerraum.“ Man mag Heiner Müllers Schreckensszenario, nachzulesen im Programmheft, zustimmen, ohne sein Diktum auf die Bühne auszudehenen. Denn spätestens seit Peter Moltzens erstem Auftritt als Zahnarzt und Syndikatschef (heißt: Bösewicht) Jupiter Kingsby ist klar: Wir brauchen mehr Zahnärzte im Theater. Doch der Reihe nach: Alexander Eisenach, einer der Jungregisseure, die BE-Neuintendant Oliver Reese in seinem Frankfurter Regiestudio gefördert hat, will in seinem Berlin-Debüt nichts weniger, als den Zustand Europas zu analysieren und herauszufinden, ob dieser Kontinent als Idee eine Zukunft hat. Dazu nimmt er sich – das ist so etwas wie sein Markenzeichen – eine Genrefolie zu Hilfe, in diesem Fall den Film Noir, mit seinen resigniert-harten Antihelden und den überall lauernden menschlichen Abgründen. Christian Kuchenbuch gibt einen perfekten Bogart als Ermittler auf der Suche nach der entführten Europa. Daniel Wollenzins Bühne ziert ein durchgängiges Schachbrettmuster, sie verjüngt sich in mehrenden Richtungen, was dem Raum in seiner gebrochenen Perspektivverzerrung einen surrealistischen Einschlag gibt. Ein bisschen Malewitsch meets Dalí.

Bild: Julian Röder

Womit wir schon beim Namedropping wären, denn ein Zitatejäger hätte an diesem Abend seine Helle Freude. Da ist zunächst und in erster Linie Heiner Müller, bis zu seinem Tod 1995 selbst Intendant an diesem Haus. Den Namen der Detektivfigur Max Messer (der natürlich an Brecht angelehnt ist), entlieh sich Eisenach von Müller selbst: Er schrieb in 1960er Jahren unter diesem Pseudonym einen düsteren Hörspielkrimi. Seine Begegnung mit der Gegenwart, die immer nur stattfand, um eine Zukunft denkbar zu machen, geschah immer durch die Vergangenheit, die Auseinandersetzung mit den Lebenden bedingte für ihn die Ausgrabung der Toten. Und voilà: Schon haben wir das Kernthema des Abends erreicht. Es geht um die Bedeutung von Geschichte – im doppelten Wortsinn als Bewusstwerdung der Vergangenheit und seiner Formung in Narrative – für die Möglichkeit einer Zukunft.

Zwei Pole kristallisieren sich heraus: Da sind die Verfechter der Vergangenheit und durch sie der Zukunft: allen voran Messer und seine grotesk durchgeknallte Verlegerin Margaret (Messer ist natürlich ein schreibender Detektiv, der Geschichte(n) nicht nur entdeckt, sondern auch verfasst, weitergibt, verlebendigt), gespielt von Kathrin Wehlisch. Sie sind im schwarz-weißen Noir-Stil gekleidet und bekommen auch in den zahlreichen Video-Passagen – mal live, mal aufgezeichnet – schwarz-weiß als ästhetische Grundlage zugesprochen. Die Gegenseite, vor allem Kingsby als Dentist und Verbrecherboss, lebt in Farbe, in einer Gegenwart, die Effizienz und Funktionalität hochhält und mit Geschichte nicht viel anfangen kann. Wer das Fundament, auf dem unsere Gegenwart fußt, anerkennt, sieht sich gestört in seinem Weiter-so.

Interessanterweise gehören Moltzen-Kingsby die großartigsten Momente des Abends. Da ist zum einen der bereits angesprochene Auftrittsmonolog mit Kingsby als Mischung aus zerstreutem Professor, pardon, Doktor, und durchgeknalltem Cartoon-Bösewicht, ein orientierungslos dahinüpfenden, weil nicht geeredetes Stück geschichtsloser Gegenwart. „Knietef“, sagt er, stehe er „im Amalgam“. Und zum anderen ist da sein Duell mit Margaret, ein wilder slapstickkhafter diskursiver Schlagabtausch im Pollesch-Stil, komplett mit gezogener Waffe – die metatheatral natürlich als nutzlos entlarvt wird – und Versteckspiel unter der Tischdecke. Da ist ein bisschen von der anarchischen Schärfe, dem bitteren Witz der Denkmuster zu spüren, die Eisenach hier recyclet, moniert, collagenhaft zusammenklebt.Denn Müller ist überall: Messer fährt in seinem Fahrstuhl, geht mit Mommsen um den Block und sucht nach seinem „Herzstück“. Wobei Eisenach eine wohl wesentliche Inspirationsquelle seiner Müller-Beschäftigung nicht verhält: die Castorfsche Volksbühne. Er schmeißt mit Anspielungen zum Haus und dem dortigen „Streit“ nur so um sich: Das beginnt beim berühmten Kartoffelsalat, der, wie Margaret meint, aufgrund seines Fettgehalts heute wohl nicht mehr ginge, und hört beim angeblich von Chris Dercon René Pollesch gegenüber geäußerten Satz „Ich mache dich weltberühmt“ noch lange nicht auf.

Aber zurück zu Müller und den Zitaten. Alexander Eisenach ist bemüht, seine – Müllers – These von der Vergangenheit als Bedingung der Zukunft, der Gleichzeitigkeit des Vergangenen und gegenwärtigen auch auf der Diskurs- und Materialebene zu spiegeln. Wenn es also um die titelgebende Entführung Europas geht, meint er die Perversion der „Europäischen Idee“ als reine ökonomische Funktion und ihre Verstümmelung durch Auslassung ihrer dunklen Seite. Denn ist die Erfolgsgeschichte (mit Abstrichen) der europäischen Demokratie und Freiheit, ihre Friedensfunktion, nicht teuer erkauft und erst ermöglicht durch den Ausschluss des, der, Anderen, durch Kolonialismus, Ausbeutung, Krieg, bedingt das harmonische Innere nicht die Zerstörung des Außen, ist Europa also nur zu denken als Resultat seiner, pardon, ihrer Leichenberge?

Da ist es nur folgerichtig, dass Müller-Eisenachs Fahrstuhl Messer, der zwischendurch auch Walter Benjamins Engel der Geschichte – in Form von Messers toter Geliebten Grace, gekleidet wie eine 20er-Jahre Revuetänzerin (mehr Präsenz der Gegenwart geht nicht) – begegnet, im Kongo landet und sich Europa (Stephanie Eidt, die sich ein großartiges Argumentationsduell mit sich selbst als Grace liefert) als Wiedergängerin von Joseph Conrads durchgeknalltem Dschungeldiktator Kurtz entpuppt, der/die den ganzen Schmutz unter der europäischen Oberfläche als ihre eigentliche Essenz, den Kern eines geschichtsvergessenen Europas anerkennt.

Man kann an diesem Abend wahnsinnig viel kritisieren: Die Pollesch-inspirierte Diskursschleife schaltet schnell in den Leerlauf, die Argumente sind bald ausgetauscht, Assoziationen, falsche Fährten, lustvoll verfolgte Ablenkungen Mangelware. Das inhaltliche Konzept ist klar, überdeutlich ausbuchstarbiert und kippt irgendwann ins repetitive. Die Krimigeschichte wird nicht konsequent verfolgt, ist mehr effektheischendes Stilmittel als gewinnbringende Folie, der Zitatenschatz reichlich plakativ vorgeführt und zuweilen sehr erdrückend, teilweise auch in seiner Ausgestelltheit ärgerlich. Alles, die ganze überbordende Symbolik – die Metaebene aus Film und Theaterreflexion, das Schwarz-weiß, die zitathaften Spielweisen – der genüsslich sich feiernde Aufwand, erscheinen nicht übermäßig tiefgehend. Pollesch ohne Kalorien.

Und doch gelingt es dem Abend immer wieder zu packen. Nämlich dann, wenn er spielt, wenn er – wie in den angesprochen Szenen mit Moltzen – anarchisch einfach mal ausschert, das Geschichtenerzählen und -erfinden ernst nimmt und als Selbstzweck, wenn er den ausgestampften Weg verlässt und dem linearen Diskurs infantil Steinchen ins Getriebe wirft. Auch sprechen die ästhetische Stringenz – die zitatstarke und traditionsschwangere Lichtregie von Steffen Heinke ist besonders zu nennen – die Vermischung und Multiplizierung der (auch visuellen) Ebenen – zuweilen sehen wir eine Szene gleichzeitig dreifach – eine erheblich komplexere, assoziationsstärkere Sprache als der Text, machen sie die sehr plakativen Thesen von der Bedeutung des Vergangenen sicht-, vor allem aber auch spür-, fühl-, erlebbar und atmosphärisch lebendig. Die surreale Gleichzeitigkeit des Heute und des Gestern, des Realen und des Imaginierten, der Utopie und des Albtraums findet immer wieder theatrale Möglichkeiten aufzuerstehen aus dem Totenreich, das Europa aufgebaut hat. Und auch sein Scheitern, das unzweifelhaft ist, und wohl auch konsequent angesichts des Vielzuviel, das er versucht, passt irgendwie ins Bild und macht den Abend auf seltsame Weise stärker. Gibt es einen Weg aus diesem Herz der Finsternis? Der eher schwache, blutleer uninspirierte, an seinen behaupteten Hoffnungsschimmer selbst nicht glaubende Schluss stimmt nicht optimistisch. Vielleicht hilft nur der Gang zum Zahnarzt.

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