Friede, Freude, Michael Jackson

Du kannst nicht mehr warten?, Theaterjugendclub von GORKI X „Die Aktionist*innen“ am Maxim Gorki Theater, Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Leitung: Theresa Henning)

Von Sascha Krieger

„The waiting is the hardest part.“ Das wusste schon der kürzlich viel zu früh verstorbene Tom Petty. Und doch besteht ein Großteil unseres Lebens daraus zu warten. Auf die Liebe, die Freiheit zu tun und zu lassen, was man selbst will, eine Zeit, in der Geschlechterrollen tot sind und die Hautfarbe oder „Herkunft“ keine Rolle spielen. Und während man wartet, geht das, was das eigenen Leben hätte sein sollen, einfach weiter. Ziemlich gemein das. Damit wäre der inhaltliche Rahmen der aktuellen Arbeit des Gorki-Jugendclubs „Die Aktionist*innen“ schon weitgehend umrissen. Es geht um das Leiden am Warten, das ein Leiden an der Welt und an sich selbst, vor allem der internalisierten wie externen Erwartungen an dieses mythische Ich, das wir irgendwie werden sollen, ist. Zunächst sitzt ein junger Mann auf einem Hocker, den Rücken zum Publikum. Still. Irgendwann fängt er an zu zucken, daraus wird ein Wutanfall, ein Anrennen gegen den Wartemodus, körpergewordene Verzweiflung über ein Leben, das endlich anfangen soll. Das Zucken bleibt, es wird immer und immer wieder exerziert, mit jeder weiteren Darsteller*in, die auf die Bühne kommen. Mal physisch, mal verbal, mal in stiller Verzweiflung, mal in wütendem Brüllen von einer Überzogenheit, dass selbst Frank Castorf die Schamesröte ins Gesicht stiege.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Die ganzen Frustrationen junger Menschen werden wie mit einer Checkliste abgehakt: die Sehnsucht nach Liebe, der alltägliche Rassismus gegenüber People of Colour, die Ungleichbehandlung Deutscher, nur weil deren Eltern womöglich woanders geboren wurden, Geschlechterrollen – schön paritätisch: es geht um die Rollenmuster von Mädchen wie Jungen –die Schule als Warteraum, die Karriere als gesellschaftlich vorgeschriebener Regelfall, am Ende kommt noch der Nationalismus ins Spiel (als Zweikampf eines Armeniers und eines „Deutsch-Türken“). Man rennt gegen Wände und panisch im Raum herum, erobert sich selbigen gegen Schluss, entschließt sich letztlich, etwas zu tun, was in einer albernen Michael-Jackson-Gruppenchoreografie (ja, „Black and White“, nein, das ist kein Scherz) gipfelt, an der sich das Publikum nach dem Schlussapplaus beteiligen darf. Friede, Freude, fehlt nur der Eierkuchen.

Jeder kriegt seinen Monolog, es wird Deutsch, Russisch, Türkisch, arabisch und französisch gesprochen (wir sind schließlich am Gorki), alles ist divers und didaktisch wertvoll. Wutasbrüche und Verzeweiflungsanfälle führen unweigerlich in den Selbstentblößungskitsch, der wieder im Zeigefinger-schwangeren Frontalunterricht mündet. Man will ja schließlich etwas lernen. Rassismus schlecht, Geschlechterrollen böse, Nationalismus doof. Eine Nummernrevue der „gewichtigen“, schön metatheatral mit gespielten Einwürfen aus dem Publikum, wo sich einige Spieler*innen zunächst platziert haben, gespickt. Eine Parade der plakativen Selbstzweifel einer überdeterminierten jugen Generation, die sich übermächtigen Erwartungs- und Druckszenarien von überall ausgesetzt sieht, der jeder vorschreiben will, wie, wer, was sie zu sein und wie sie zu leben hat. Das klingt simpel, platt, plakativ und beschönigt diesen Abend doch nur. Komplexität ist hier nicht erwünscht, Nachdenken nicht nötig. Und versucht es doch einer, wird es einfach weggetanzt. Vielleicht ist das auch ironisch gemeint? Und wenn ja, macht es noch einen Unterschied? Der Gorki-Jugendclub hast sich einen Namen gemacht mit herausfordernden, komplexen, ambivalenten, aggressiven Arbeiten über (jugendliche) Identität. Diese Erwartung zumindest gelingt es diesem Abend zu unterlaufen.

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