Wenn der Text zum Körper wird

Peter Handke: Selbstbezichtigung, Berliner Ensemble / Volkstheater Wien (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

So ganz frisch ist der Text ja nicht mehr. Selbstbezichtigung stammt aus dem Jahr 1966 und gehört zu den „Sprachstücken“ des jungen Peter Handke, ist also ein Schwesterwerk der ungleich berühmteren Publikumsbeschimpfung. Wie dieses attackiert es die damals geltenden Grundprinzipien des Theaters frontal. Es wird nicht gespielt, sondern gesprochen, und es ist die Sprache selbst, um die es kreist, nicht Handlung oder (politische) Botschaft. Der frühe Handke ist von Ibsen genau so weit entfernt wie von Brecht. Sein Theater beschäftig sich mit sich selbst, seinen Mechanismen und Gewissheiten, seinen Illusionen und seiner Arroganz. Publikumsbeschimpfung mag in seiner Aggression gegen den passiven Teil des traditionellen Theatererlebnisses, den Zuschauer, seiner beinahe gewalttätigen Aufbrechung des Konsenses zwischen Theater und Publikum über deren jeweilige Rollen das radikalere Stück sein – Selbstbezichtigung ist womöglich das modernere. Hier ist das Publikum wieder passiv, schaut und hört zu, mag mal angesprochen werden, aber rezipiert vor allem auf fast schon klassische Weise.

Bild: Ulrike Rindermann / Volkstheater Wien

Und ist doch Akteur. Denn was Handke da spielen lässt – ursprünglich von zwei Darsteller*innen, heute wird es oft als Solo gegeben – ist eine Seltstunterwerfung unter ein kollektives Urteil, unter Regeln, welche die Gesellschaft vorgibt, eine freiwillig-erzwungene Kleinmachung des Individuums gegenüber einer übermächstigen Instanz namens Gesellschaft. Und diese repräseniert das Publikum. Der Zuschauer ist hier also passiv konsumierender Rezipient und kontrollierender Akteur zugleich – ein ungleich vielschichtigeres, ambivalenteres, spannungsvolleres Verhältnis als die vergleichsweise einfach Konstellation in der PublikumsbeschimpfungSelbstbezichtigung ist ein Sprachstrück, es arbeitet mit und über Sprache, dreht sich um Sprache, macht sie zu Mittel und Thema. Es ist die Sprache von Verurteilung und Schuld, gerichtet gegen den, der sie spricht. Eine formelle, rituelle Sprache, eine von Wiederholungen lebende, in ein enges Korsett eingezwängte, bestehend aus einem klar abgesteckten kleinen Reservoir aus bis zur Ermüdung durchvariierten Satzstruckture, die bei „Ich bin (…) geworden“ beginnen und bei „Ich habe (…) noch“ lange nicht enden. Das werden des Menschen ist in ihnen eine De-Emanzipation – vom Wunder des entstehenden Lebens zum sich selbstkasteienden Spielball gesellschaftlicher Kräfte, fremdbestimmt durch Regeln, Vorschriften, die nur eines vermögen: sicherzustellen, dass der Mensch schuldig wird. Im Großen oder im Mikroskopischen, Banalen. Egal, Übertretung ist Übertretung.

Der Text verortet den modernen Menschen (wir sind in den mittleren 196o0ern!) als gesellschaftlich determinierte Manövriermasse. Darüber ist er heut längst hinweg, oder? Manipulierbar geworden durch Informationsfragmentierung und einer unüberschaubaren Selbstoptimierungsindustrie – zwischen Super-Foods, Ratgeber-„Literatur“ und Fitnesswahn – gegenüber stehend, lässt sich das nicht ohne weiteres bejahen. Der Druck sich anzupassen, sich einem allgemein akzeptierten Konformismus zu unterwerfen, mag in andere Bereiche geschwappt sein, er mag auch ganz anders daherkommen – etwa in ironischer Paradoxie als ins Extreme gekehrter Individualismus – nachgelassen hat er kaum. Und so geht es heute vielleicht weniger darum, mit wem man in welcher weise reden – oder nicht reden darf, auch wenn selbst dieses Thema in Zeiten politischer Polarisierung ein Comeback zu feiern beginnt – dafür ist der Druck, wie man auszusehen, sich zu präsentieren hat, was man gelernt haben sollte und wie man lebt, nicht wirklich geringer.

Regisseur Dušan David Pařízek legt den Text einer Schauspielerin in den Mund, die und das macht sie gleich zu Beginn nur mit einer Unterhose bekleidet, sehr deutlich, dieser Normierung nicht entspricht. Stefanie Reinsperger beginnt den Abend auf der neutral weißen Spielfläche, in verschiedenen Liegepositionen, zunächst den Rücken zum Publikum, später eine embryonale Haltung andeutend. Sie formt die Worte plastisch, affirmativ, als hätten sie ein Eigenleben und nichts mit ihr zu tun. Dabei zeigt ihr Gesicht mit gezwungen enthusiastischem Dauergrinsen die normativ vorgeschriebene Zuversicht eines Siegertypen. Schnell wird klar, dass Regisseur und Schauspielerin Handkes Text gegen den Strich bürsten. Wo er formell unpersönlich daher kommt, kippen sie ihn ins Gegenteil. Reinsperger sucht das größtmögliche Ausdrucksspektrum – sprachlich, mimisch, gestisch, körperlich – wechselt ständig die Modi,  vom naiv Lebensfreudigen zum gehetzt Panischen, vom komödiantisch Verwirrten zum schuldhaft Verzweifelten. Sie spielt die gesellschaftlich vorgegebenen Rollen auf dem Weg zum Eingeständnis des Nichtgenügens, still an einer Bühnenecke sitzend und die Zuschauer*innen mit einer Taschenlampe anleuchtend. Eine Revue des Selbstoptimierungswahns, die der obersten Maxime unserer Zeit entspricht: nicht langweilen. Also präsentiert sie szenische Fragmente, kippt immer wieder in karikaturesk überzogenen Wiener Dialekt, steigert sich eindrucksvoll in einen in unzähligen Wiederholungen implodierenden Strudel der Selbstauflösung, der weniger berührt als belustigt.

Das ist beabsichtigt, denn auch die „Personalisierung“ des Stoffs ist reines Spiel. Da mögen selbst gebastelte Projektoren verschwommene Kinderbilder an die Rückwand werfen oder Reinsperger auf Videoschnipsel aus früheren Inszenierungen reagieren – die Figur, die wir sehen, ist natürlich nicht Stefanie Reinsperger, sondern ein Bild von ihr, eine ihre Form annehmende Verkörperlichung von Handkes Text, gelesen aus einem anderen und doch so ähnlichen Heute heraus. Die weiß, was wir erwarten. Ganz freundlich bietet sie den Zuschauern beim Einlass Apfelstückchen an, die Frucht der (Ur-)Sünde, Symbol der Schuld, welcher der Mensch nicht zu entrinnen vermag. Die ironische Brechung ist stets mitgedacht, als Ausdruck des Unwohlseins mit diesem apodiktischen Text, dem wir längst entwachsen sein wollen und von dem wir merken, dass wir es nicht sind.

So richtig abheben will der Abend in seiner Spannung aus überpersönlichem Textkonstrukt und radikaler Personalisierung nicht, weil er keinen Weg findet, letztere auf Augenhöhe zu bringen. Zu bemüht sind diese Versuche, zu deutlich als ironisch distanziert zu erkennen, als aufgestülptes Kontrastmittel, welches den zwingenden Determinismus der Vorlage nur verstärkt. Als vermeintlich gegenläufiger Widerspruch, der sich als perfides Instrument entpuppt, den ausgestellten Konformismuszwang im Zeitalter des vermeintlichen Individualismus durchzudrücken. Oder besser: All das wäre der Fall, stünde da nicht Stefanie Reinsperger auf der Bühne. Die Ausnahmedarstellerin zittert, windet, grimassiert sich mit jeder Faser von Körper und Geist durch die Textberge, wehrt sich gegen das Korsett, in dem sie steckt, macht den Kampf des halbwachen Ichs gegen den omnipräsenten Kollektivzwang spür-, sicht-, fühlbar. Sie gibt dem Text Körper und damit (Theater-)Realität. Und das jenseits jeglicher Personalisierungsbehauptung. Wer ihr zusieht, realisiert, welche Kräfte tagtäglich auf den nicht-normativen Menschen einwirken, so sehr, dass am Ende der Text in die zweite Reihe tritt. Er ist auch nur Symptom, vor uns sehen wir das Krankheitsbild. Und vergessen es nicht so schnell.

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