Ausverkauf im Familienkonflikt-Klischee-Katalog

Tracy Letts: Eine Familie, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Zahn Jahre ist es schon alt, Tracy Letts‘ Erfolgsstück August: Osage County, das im deutschsprachigen Raum eingeschränkt inspiriert Eine Familie heißt. Was natürlich nicht falsch ist, schließlich geht es darin um, nun ja, eine Familie – und natürlich auch „die“ Familie als solche, als gesellschaftlicher Prototyp, Keimzelle einer Idee namens Amerika. Um all die Überfrachtungen, Mythisisierungen, all den Ballast, den dieses Konzept tragen muss, um seiner Grundaufgabe nachkommen zu können, denen, die keinen Halt haben, solchen zumindest vorzugaukeln, einer Gesellschaft, deren Fundamente längst zerbröselt sind, den Schein zu geben, sie wäre noch fest im Boden verankert. Die Familie also Heimat des – individuellen wie kollektiven – Selbstbetrugs. Damit steht Letts natürlich in der Tradition der großen amerikanischen Dramatiker – O’Neill, Williams, Miller, Albee – die wiederum Teil einer noch längeren Tarditionslinie sind, die zurückreicht zu Tschechow, Strindberg, Ibsen.

Bild: Birgit Hupfeld

Es ist die Geschichte der Familie Weston: Vater Alkoholiker, gescheiterter Dichter, Mutter medikamentenabhängig, mit schwerer Kindheit, drei Tüchter – ja, auch drei Schwestern – die sich mit gescheiterten Ehen, wechselnden Liebhabern oder der selbst auferlegten Verpflichtung zu bleiben, konfrontiert sind, die weggelaufen oder erstarrt sind, eigentlich immer beides gemeinsam. Es gibt reichlich Leichen im Keller, Geheimnisse, die, wenn sie an die Oberfläche kämen, die imaginierten Ankerpunkte wegspülen würden – was sie denn natürlich auch tun. Natürlich standen Tschechows Drei Schwestern für den sehr ungleichen, doch gleichermaßen ramponierten Weston-Nachwuchs Pate, ebenso wie Who’s Afraid of Virginia Woolf in seiner Vivisektion der Familieneinheit als animalisch instinkthaftes Kränkungsareal genüsslich in immer neuen Zweierkonstellationen, in denen man sich mit dem Ziel der seelischen Auslöschung des anderen begegnet, neu belebt. Die bürgerliche Fassade als Lügengeflecht und Symbol einer sich selbst untergrabenden Gesellschaft ist bei Letts so lebendig, wie sie es schon bei Ibsen und Tschechow und erst recht bei Williams oder Albee war. Yasmina Rezas bürgerliche Metzeleien sind dagegen Telenovelas im Nachmittagsprogramm.

Das muss man wissen, um zu verstehen, was einem in den dreieinhalb Stunden von Oliver Reeses Inszenierung, die im Januar in Frankfurt Premiere hatte und nun, in leicht veränderter Besetzung und etwas deutlicher variierter Bühnensituation in Berlin angekommen ist, entgeht.  Zitathaft hebt sie an. Eine fünfköpfige Band spielt angenehme Americana-Klänge im Hintergrund, dazu sind auf einer Cinemascope-Leinwand amerikanische Sterotype zu sehen, zunächst eine leere Wüste, später gibt es landschaftliche Idylle, Kleinstadtszenen oder endlose Highways. Schnell verschwinden beide, so dass der geneigte Zuschauer den Klischee-Einstieg als ironisch zu interpretieren geneigt ist. Eine schöne Illusion, die der Fortgang des Abends leider nicht bestätigt. Stattdessen sind wir gleich in Albee-Zitaten: Wolfgang Michel ist als Beverly ein gealterter George mit Whiskystimme, zynisch, sarkastisch, resigniert.  Corinna Kirchhoff gibt als Violet eine Martha, die deren Schlampenhaftigkeit und lallendes Schwanken so weit überdreht, dass sie zunächst an Joanna Lumleys dauerbesoffene Patsy aus der britischen Kult-Comedy Absolutely Fabulous erinnert.

Stereotype, Abziehbilder – wie der Rest der Familie. Constanze Becker beweist, dass sie im komödiantischen Fach einfach nicht zu Hause ist. Ihre Barbara, Violets älteste Tochter und Gegenspielerin, ist dauerfrustriert und sarkastisch und dabei von einer Eindeutigkeit, die mitunter so holzschnitthaft wirkt wie die Figur einer Seifenoper, von der Letts Stück natürlich auch inspiriert ist. Die anderen Darsteller*innen sind da eher in ihrem Element. Bettina Hoppe ist ein wunderbar reduzierte s Mauerblümchen Ivy, das an Trockenheit mit der Mutter mitzuhalten vermag, und mit minimalen Veränderungen im kontrolliert stets auf der Hut befindlichen Gesicht enorme emotionale Spektren abdeckt, die ihrer Umgebung natürlich verborgen bleiben sollen. Franziska Junges Karen ist ein überdrehtes Paradebeispiel eines personifizierten Selbstbetrugs, Oliver Kraushaars Bill, Barbaras Noch-Gatte, ein sachlich larmoyanter Zyniker von einiger Zerstörungskraft, Martin Rentzsch als Violets Schwager Charlie ein gutmütiger Klischee-Onkel, der die eigene Leere und Unzufriedenheit mit besagter Rolle stets mitspielt. Lediglich Josefin Platts Mattie Fae, Violets unerbittliche Schreckschrauben-Schwester und Carina Zichners Teenagerin Jean sind ein wenig gröber gezeichnet und können kaum interessieren. Eindrucksvoll natürlich auch Kirchhoff: Wie sie in Sekundenbruchteilen die Register wechselt, wie sie mit kältester Nonchalance fast beiläufig den anderen tödliche Verletzungen beibringt, wie sie mit militärischer Präzision Worte wie Stichwaffen einsetzt – in Duellen, in denen ihr nur Hoppe wirklich das Wasser reichen kann – ist eine Lehrstunde in Schauspielkunst, die mühelos zwischen Naturalismus und Karikatur wandelt und stets den Weg zurückfindet.

Nur stellt sie eben ihre Fähigkeiten der Verwandlung so plakativ aus, wie das der ganze Abend tut. Hansjörg Hartungs Bühne ist eigentlich eine tolle Spielfläche: Eine leichte Schräge in warmer, erdiger, einschmeichelnder Farbgebung, beherbergt sie Inseln bürgerlicher Einruichtungsfragmente, reste einer Fassade, die längst eingestürzt ist. Ein wunderbares Symbol, das der Abend nicht nutzt. Stattdessen gibt es plakatives, meist ungeheuer statisches Stehtheater, zeichnet Reese Konfrontationsstandbilder aus dem Discount-Teil des Familienkonflikt-Klischee-Katalogs. Alles ist ausbuchstabiert, jede Enthüllung, jede zusammenpurzelnde Illusion. Jede Pointe ist überbetont, so dass kein Nadelstich entgeht, je länger der Abend dauert, desto mehr feiert die Karikatur ermüdende Urständ. Man spielt mit Ausnahmen, als würde man spielen zu spielen. Die Figuren geraten damit zu Ausstellungsstücken, stereotype Wachspuppen, die keine Wahrheiten zu enthüllen vermögen, weil sie selbst keine in sich tragen. Und so bleibt das weit weg. Es amüsiert, aber es trifft nicht, es belustigt, aber es schmerzt nie. Die amerikanische Familie sitzt in einer Vitrine und lässt sich begaffen. dabei ist das Glas zu dick, um irgendwelche gesellschaftlichen Diskurse aufmachen zu können. Die bröckelnden Fassade, die ausgestellten Brüche sind selbst wieder sorgfältig gemalte Klischeebilder.  Da bricht nichts, sondern wird das Brechen nur vorgespielt. Dieser Abend steht für sich selbst und das zugegeben qualitativ hochwertigste Handwerk seiner Beteiligten. Und für nichts sonst.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: