Wahrheit. Macht. Nichts.

Ilja Trojanow: Macht und Widerstand, Deutsches Theater, Berlin / Schauspiel Hannover (Regie: Dušan David Pařízek)

Von Sascha Krieger

Die Wahrheit. Ein Wort, das so leicht über die Lippen kommt. Ein vermeintlich einfaches Konzept. Wahrheit ist, was ist. Oder war. Und da beginnt es schon. Nicht nur ist die Erinnerung ein eher unzuverlässiger Freund, sie gehört auch noch selten einem allein. Das ist schon in Zweierbeziehungen so und potenziert sich, wenn es ums Große geht. Kollektive Erinnerungen, den Kampf um die gesellschaftliche Wahrheit. Hier setzt Macht und Widerstand an, der Roman des gebürtigen Bulgaren Ilja Trojanow über die Vergangenheitsbewältigung – oder besser, deren systematische Verweigerung – in Bulgarien im Besonderen und dem ehemaligen so genannten „Ostblock“ im Allgemeinen. Zwei Protagonisten stehen im Mittelpunkt: der Widerständler Konstantin Scheitanow, zehn Jahre in Lagerhaft, weil er eine Stalin-Statue gesprengt hatte, und Metodi Popow, Geheimdienstler, Konstantins Vernehmer und auch jetzt, in der „neuen Zeit“ noch gut im Geschäft der Macht. Sie begegnen einander nie – außer in den Erinnerungen, die sie in mehr als einem Sinn teilen – und sind doch stets präsent. Der eine braucht den Anderen zur Selbstdefinition – und zur (Ver-)Formung seiner Wahrheit.

Das Deutsche Theater (Bild: Sascha Krieger)

Der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek hat aus dem zweistimmigen Roman einen ebensolchen Theaterabend gemacht. Die Bühne ist weitgehend leer. Hinten steht allerhand Material, Stühle, Tische, eine Garderobe. Warteraum für die vier Akteur*innen, aber auch die Figuren, die Kräfte, die sie repräsentieren, die im Schatten warten, auf ihre Gelegenheit, die Kontrolle zu übernehmen. Einziger Aufbau ist ein Quadrat, das ein wenig in den Zuschauerraum ragt (Bühne: Pařízek). Ein Würfelskelett, bei dem nur der Boden Substanz hat, der Rest nur durch Holzleisten angedeutet ist. Boxring, Gefängniszelle, Verhörraum, die Erinnerung, der Zwang zur Wahrheit, der den, der ihm unterliegt, nicht herauslässt. Ein nüchterner, improvisiert wirkender, fast virtuell erscheinender Raum, der Individuum und Gesellschaft einschließt. Wer hier drin ist, will raus und kann doch nicht. Ein Raum, der übersteht, hineinragt in andere Leben, die kollektive Wahrheit.

Samuel Finzi ist Scheitanow. Nervös, dickköpfig, vom Zwang erfüllt, zu erinnern, sich und andere, immer und immer weiter zu reden, im Bewusstsein, dass, wenn er verstummt, seine Erinnerung, seine Wahrheit verschwindet. Ein allen auf die Nerven gehender Stur- und Trotzkopf, unerbittlich, abweisend, den Körper gespannt, wie ein Bogen, der jederzeit seinen Pfeil abzuschießen droht. Oder zusammenfällt, wenn die Spannung nachlässt. Markus John ist sein Gegenspieler, ein jovialer Politiker, der ansatzlose ins Drohende kippt, ein bisschen vulgär, seine Brutalität kaum verbergend, ein Meister der Manipulation, der genau weiß, wie er seine Autorität einsetzt, wie er die Stimme modulieren, den Körper aufrichten, dem anderen gegenübertreten muss. Kein Schleimer, sondern ein massiger Körper unwidersprechlicher Macht. Auch er einer, der aus der Zeit gefallen ist.

Denn die gehört den Biegsamen, Wendigen, denen, die es allen recht zu machen suchen und dabei nur das eigene Fortkommen im Blick haben. Die unterwerfen, eben weil sie niemanden vor den Kopf stoßen. Henning Hartmann spielt sie als menschgewordene Flexibilität, als körpergewordenes leeres Lächeln: den ehemaligen politischen Häftling, der jetzt Vizepräsident ist, den Verfassungsrichter, den pragmatischen Bruder, den Ex-Geheimdienstler. Dass er auch einen willfährigen Hund darstellt, ist sicher kein Zufall. Vierte im Bunde ist Sara Franke, die Scheitanows Geliebte gibt, die als Folie für seine Unerbittlichkeit dient, seine Unfähigkeit zum Kompromiss. Und sie ist die Tochter einer ehemaligen Gefangenen, die behauptet, Popows Tochter zu sein. Ihr gönnt Pařízek so etwas wie eine Entwicklung, eine Emanzipation, die an bitterer Ironie kaum zu überbieten ist.

Nein, Hoffnung ist hier wenig. Wer das Kubus-Skelett betritt, sich ins Licht wagt, steht auf der großen Bühne, dort, wo Wahrheit, wie es Popow einmal ausdrückt, „geschaffen wird“. Scheitanow rennt von Pontius zu Pilatus, um Einsicht in seine Geheimdienstakten zu erlangen. Zunächst speist man ihn mit vereinzelten, nichtssagenden einzelnen Dokumenten, später schüttet man ihn mit einem Übermaß an Information zu. Die Akten werden – wie stets bei Pařízek –per Overhead-Projektor an Leinwände geworfen. Zunächst sachlich übersichtlich and die großen, später kommen auch die immer kleineren, überall im Raum verteilten, ins Spiel. Dort erscheinen nunmehr nur noch Fragmente, Wort- und Satzfetzen, jeglichen Zusammenhangs, aller Bedeutung beraubt. Eine „Offenlegungsinflation“ nennt Popow das. Ein Symbol dafür, dass auch eine Überfülle an Informationen die Erkenntnis verunmöglichen kann. Sie zwingt den Einzelnen, nur noch Teile zu sehen und nicht mehr das Ganze. Der direkte Blick in die Sonne verhindert das sehen genauso wie die Dunkelheit. Wer die Information kontrolliert, das weiß Popow und lernt Scheitanow, hat die Macht. Die Macht über die Wahrheit. Was das bedeutet, ist derzeit etwa in Amerika exemplarisch zu beobachten. Und hier: Sie verformt, begrenzt, zwängt den menschen ein, bis er zum zwanghaften Anhängsel seiner“ Wahrheit wird, ihrem Büttel. Das gilt für Popow, aber auch Scheitanow. Wo die Wahrheit nur noch Macht ist, findet sie Täter wie Opfer.

So ernst, so von stiller Verzweiflung aufgepumpt der Abend ist, so sehr setzt er immer wieder satirische Akzente. Großartig die – natürlich am Ende kippende Szene – in der sich ehemalige Kollegen zu Popows siebzigstem Geburtstag als ihre ehemaligen Observationsobjekte verkleiden. Oder jene todtraurige Clownerie, in der Scheitanow aufgefordert wird sich zu setzen, sich zunächst weigert, dann widerwillig mitzieht, begleitet von grotesken Tubaklängen. Ein bitterkomischer Macht-Slapstick. Die ganze Anlage hat etwas Komisches, ist doch der Abend eine Folge von Konstantins Anrennen gegen (künstliche) Wände, ein sich stets wiederholendes Scheitern, Auskunft, Erkenntnis zu erlangen, in immer wieder neuen, stets perfideren Ausprägungen. Dazu kommt das Vaterschaftsdrama, auch ein komödiantisches Versatzstück – das mit zwei Vaterschaftstest-Ergebnissen endet. einem tatsächlichen und einem bestellten. Ob sie sich unterscheiden, erfahren wir so wenig, wie es wichtig ist. Wahrheiten sind ohnehin fabriziert, erschaffen, gewollt. Welche zählt, hängt einzig davon ab, wer die Macht hat. Am Ende liegt sie in den Händen einer neuen, wendigeren Generation. Und bleibt Verfügungsmasse. Eine post- und alternativfaktische Welt. Da lässt sich nur noch traurig schräge Blasmusik machen. Der Verklärung geht weiter, die Aufklärung ist tot. „Wir haben hier nichts mehr verloren“, sagt Finzi. Und dann wird – nein, bleibt – es dunkel.

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