Das Grau hat viele Farben

Roddy Doyle: Die Frau, die gegen Türen rannte, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Dieser Pullover! Diese Ohrringe! Dieses übertriebene Make-up! Die ungekämmten Haare!Kostümbildnerin Lene Schwind hat wirklich ganze Arbeit geleistet, diese Paula Spencer dort zu verorten, wo der irische Star-Autor Roddy Doyle sie zurückgelassen hat: Irgendwo zwischen Arbeitermilieu und kleinkrimineller Unterwelt, jener Zwischenwelt, die der Nordteil der irischen Hauptstadt Dublin selbst in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs nie aufgehört hat zu sein. Paula ist eine jener „Vergessenen“, von der populistische Politiker heute so gern schwadronieren und profitieren. Mit einem tyrannischen Vater aufgewachsen, schnell in der Schule aufs Abstellgleis geschoben, Frau eines Kleinkriminellen, der sie liebt und der sie schlägt, Hausfrau und vierfache Mutter, Alkoholikerin. Eine, die nie auch nur versuchte, ihrer sozialen Determination zu entkommen. Wer die Erfolgsbücher von Didier Eribon oder Édouard Louis gelesen hat, wird ihre Welt wiedererkennen, die doch universeller zu sein scheint, als sie denen, die in ihr leben, vorkommen vermag.

Bild: Birgit Hupfeld

Bei Oliver Reese ist ihre Welt ein unbeschriebenes Blatt. Eine Art weiße Plane (Bühne: Olga Vintosa Quintana) ist Rückwand und Spielfläche zugleich. Ein neutraler Möglichkeitsraum oder die Leere, die Welt der Perspektivlosigkeit, in der sich diese Frau gefangen sieht? Womöglich beides? Bettina Hoppe ist Paula Spencer, die Protagonistin und Erzählerin von Roddy Doyles mittlerweile 20 Jahre altem Roman – und Reeses auch schon sieben Jahre alter Inszenierung, die 2010 in Frankfurt Premiere feiert und die er nun mit an sein neues Berliner Haus bringt. Sie nähert sich ihrer Figur unsentimental, selbstbewusst, hellsichtig, auch mal trotzig. Kein Opfer, sondern eine Frau, die genau weiß, wie ihr mitgespielt wurde und die sich trotzdem nicht in Passivität vergräbt. Die ihr Leben sucht, um ihr Scheitern weiß und trotzdem weitermacht. So trocken wie ihr Tonfall ist auch ihr Humor. Ihr Sprachrhythmus ist hart, ihre Satzanfänge wie eröffnende Drumbeats. Keine verschüchterte Geschlagene, sondern eine Wissende, Verstehende, Handelnde.

Oliver Reese hat Doyles Text in seinem Rhythmus aufgenommen und meisterhaft für die Bühne verdichtet. Ansatzlos lässt er Hoppe von einer Zeitebene zu nächsten, von einer Erinnerung zur anderen springen. Sie spricht über die frühe Kategorisierung schon in der Kindheit, das lieblose Elternhaus, die Liebe zu Charlo und die Mechanismen einer von Misshandlungen geprägten Beziehung. Nur langsam schält sich das zentrale Trauma der ersten Gewalt des geliebten Mannes heraus. Zunächst sind es nur einzelne, nüchtern eingestreute Sätze, Andeutungen inmitten anderer Erzählungen, bevor sie zum Kern kommt, dort hängenbleibt, den Schlüsselmoment, ihren Schlüsselsatz (er solle sich doch seinen Tee selber machen) aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtend, sich ihm aus verschiedenen Richtungen annähernd. Und langsam kaum merklich verschiebt sich der Ton, wird die Stimme emotionaler, tritt eine verschämte Träne hinzu. Waren die – bei Doyle immer eine wesentliche Rolle spielenden – Musikeinsprengsel bis dahin kurze Momente der kontrollierte Ventilöffnung, werden sie nun in ihrer Befreiungsszene zur explosiven Illusion eines Auswegs. Selbstvergessen tanzt sie bis zur Erschöpfung in den grell wechselnden Farben, nur um am Ende ausgelaugt in einer grauen Welt aufzutauchen.

Die Passagen, in denen sie den Alkoholismus ihrer Figur schildert, geraten Hoppe ein wenig klischeehaft und plakativ – aber auch streckenweise durchzogen von dem bitteren Humor, der so oft erhellende Wirkung haben kann. Wenn sie sich in eine geschäftige, zwanghafte Panik hineinsteigert, in der sie zugleich versucht, die glückliche Fassade aufrecht zu erhalten, was natürlich alles noch schlimmer macht. Da schrammt sie haarscharf an der Karikatur vorbei und fängt ihre Figur doch jedes Mal wieder auf, gibt ihr die Würde zurück, die Würde einer Frau, die sich selbige nie leisten konnte, die weißt, wo sie steht, die sich wohl nie wirklich zu befreien vermag und doch in ihrer Selbsterkenntnis und trotzigen Selbstbehauptung einen Weg geht, der sie weiter führt, als ihre Welt es ihr zugestehen würde. Der sie zur Erkenntnis führt, dass sie vielleicht gar nicht (so) dumm ist“, wie ihre Umwelt es ihr eingetrichtert hat. Und der es ihr gar erlaubt, ihre Liebe zu verteidigen gegen die Erwartungshaltungen einer verdammenden Gesellschaft. Für sie tötet die Gewalt diese Liebe nie. Ein Statement, das sie den Zuschauer zwingt hinzunehmen. Roddy Doyle, der diese Figur für eine BBC-Serie erfunden hat, ließ sie lange nicht los. So lange, dass er ihr eine Fortsetzung widmete. Dort wurde im Titel aus Der Frau, die gegen Türen rannte Paula Spencer. Dieser Bewusstwerung der eigenen Identität zuzuschauen, erlauben Reese und Hoppe an diesem Abend. Es ist keine verlorene Zeit.

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Ein Gedanke zu „Das Grau hat viele Farben

  1. […] Drei hat Reese übernommen, zwei vom eigenen Frankfurter Haus, eines aus Wien, eines kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der […]

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