Das Prinzip „Scheiß drauf!“

Mike Daisey: Trump, Schauspiel Dortmund (Regie: Marcus Lobbes)

Von Sascha Krieger

Das Beste ist wahrscheinlich, dass es noch immer ausreicht, einen Theaterabend (oder was auch immer sonst) „Trump“ zu nennen, und die Leute kommen. Selbst acht Monate nach der Amtseinführung des ersten rechtspopulistischen (ein gern gebrauchter Euphemismus für „rechtsradikal“) Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist es noch nicht zu der allseits gefürchteten Normalisierung des so genannten Präsidenten gekommen – oder besser, sie ist noch nicht abgeschlossen. Denn angesichts der Äußerungen und Handlungen von Seiten Donald Trumps ist es nicht von der Hand zu weisen, dass wir uns schon an viel zu viel gewöhnt haben, der Prozess der Enttabuisierung des Inakzeptablen bereits erfolgreich vorangeschritten ist. Noch jedoch regt sich bei jedem Tweet, jeder Äußerung, jeder Unterschrift unter eine „Executive Order“ Widerstand oder zumindest Unbehagen. Und so ist auch dieses Berliner Gastspiel eines Theaterabends namens Trump (im Rahmen eines dreitägigen Diskussionsformats zum Thema Theater und politische Bildung der Heinrich-Böll-Stiftung) rappelvoll.

Der Abend basiert auf The Trump Card, einem One-Man-Abend des amerikanischen Thatermachers Mike Daisey, eine art Wutrede über eine Gesellschaft, die ein Phänomen wie Trump zugelassen hat. Geschrieben noch vor der Wahl tourte Daisey mit dem Abend durch die USA, sprach es vor Zuschauern, die überzeugt waren, dass der, um den es hier ging, nie Präsident der USA sein würde. Im März dieses Jahres hatte Trump dann Premiere am Schauspiel Dortmund. Das Unfassbare war eingetreten, Trump amtierender Präsident, gerade einmal sein sechs Wochen. Aus dem Wutmonolog Daiseys war ein Abend der Reflexion und Analyse geworden, der auch jetzt nichts von seiner Unmittelbarkeit eingebüßt hat. Andreas Beck und Bettina Lieder teilen sich den Text dialogisch auf, werfen sich die Bälle zu, widersprechen einander oder relativieren die Aussagen des (oder der) Anderen, versuchen sich gemeinsam einen Reim auf das zu machen, was gerade nicht nur in den USA passiert. Im Dialog führen sie einander und das Publikum auf einen Weg des Verstehenwollens, der mehr ist als agitatorische Brandrede. Wo Daisey aufklären und überzeugen wollte, geht es Regisseur Marcus Lobbes um den Prozess des Erkennens, des Verstehens, des Findens von Schlussfolgerungen.

Der Schauplatz (Bühne: Marcus Lobbert und Pia Maria Mackert) ist eine typisch-amerikanische Wahlparty. Vorn ist eine kleine Bühne aufgebaut, die Leinwand zeigt das Weiße Haus, die blauen Wände und weißen Stehtische sind mit allerhand Dekorativem in den US-Nationalfarmen samt kleinen Fähnchen versehen, an einer Bar gibt es Hot Dogs und Popcorn (Wahlparty und Hot Dogs gehören für deutschsprachige Theaterregisseure offenbar zusammen). Die Stimmung ist zunächst ausgelassen, bis die strahlende Lieder das Mikrofon ergreift: Mit bezauberndem Lächeln ruft sie dem Saal zu: „Wie stecken richtig in der Scheiße.“ Das setzt den Ton. Gemeinsam pflügt man sich durch den Morast von Trumps Wahlsieg. Man startet mit den lange vor Trump immer weiter nach rechts gerückten Republikanern und der überheblichen Selbstgerechtigkeit der Demokraten, führt Trumps demagogische Technik des Gerüchtestreuens vor – die das Gesagte sofort zurückzieht und weiß, dass trotzdem etwas hängen bleibt. Man geht zurück: zum rassistischen und betrügerischen Vater Fred, zum McCarthy-Berater und Trump-Anwalt Roy Cohn und dessen Ratschlägen: Wenn du lügst, verbinde es mit einem Stück unwiderlegbarer Wahrheit. Diese wird die Lüge schon legitimieren. Oder: Wenn sie dich verklagen, kämpfe. Du wirst den Prozess verlieren, aber die Debatte bestimmen.

Immer wieder kippen die „Geschwister“, die Lieder und Beck spielen aus ihren Rollen, hinterfragen sich, ob die theatrale Maschinerie die kritisierten Narrative nicht eher noch reproduziert – und liefern dafür gleich die Belege. Wiederholt stellt eine(r) eine Behauptung auf, die der/die Andere relativiert, verwässert, trotz aller Unwiderlegbarkeit abschwächt. Da ist er, der Prozess der Normalisierung, live zu besichtigen: Je öfter man Inakzeptables wiederholt, desto mehr verliert es seinen Status, desto mehr scheint es in Ordnung zu sein. Gegen Ende entlarvt Beck etwa das Grundprinzip des Systems Trump: „Scheiß drauf!“ Egal, was andere meinen, was als anständig gilt, wir sagen einfach, was wir wollen, wüten gegen, schimpfen auf alles, was uns nicht passt. Ohne Tabus, ohne Grenzen. Lieder und Beck animieren die Gäste, es ihnen nachzutun, die befreiende Kraft des „Scheiß drauf!“ auszuprobieren.

Doch das Lachen gefriert. Beck zieht den Stecker: „Jedes Mal, wenn wir so etwas sagen, verringert sich unser Gefähl für Anstand ein bisschen“, schreibt er uns ins Stammbuch. Denn darum gehe es Trump: immer wieder anzutesten, was möglich sei und so die Grenzen des Akzeptierten immer weiter zu verschieben. Nichts anderes hätten er und Lieder an diesem Abend gemacht, fügt er hinzu. Da ist die Bühne schon abgebaut, die Tische entfernt, die Deko eingesammelt, die Wandverkleidung abgerissen, der Teppich aufgerollt. Die Party ist vorbei, der schöne Schein zerstört. Auch wenn die Versuche, das Publikum ist den Dialog einzubeziehen, an diesem Abend beim Berliner Publikum nicht recht zünden wollen, kann sich selbiges doch der gemeinsamen Analyse- und Nachdenkbewegung nicht entziehen. Antworten muss jeder für sich finden, doch eines ist – das machen die abgebaute Kulisse und der zurückbleibende leere Raum deutlich – klar: Ein Rückzug in die Illusion der eigenen Unfehlbarkeit und Unbesiegbarkeit, des „Alles wird gut“ ist nicht mehr möglich. Das Prinzip Trump, das zeigt der Abend plastisch, ist nur dann erfolgreich, wenn wir es zulassen. Klingt simpel? Ja, ist aber so.

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