Der enttäuschte Blick

Mohammad Al Attar, Omar Abusaada: Iphigenie, Volksbühne Berlin (Flughafen Tempelhof, Hangar 5) (Regie: Omar Abusaada)

Von Sascha Krieger

Nun also Schauspiel. Sprechtheater. Endlich. Aber kein Ensemble. Nein, eine professionelle Schauspielerin und neun Laiendarstellerinnen. Nun gut, man kann nicht alles haben. Aber wenigstens wird gespielt im Volksbühnen-Universum. Das eigene Haus kann nach mehrtägiger Besetzung wieder für Proben genutzt werden, von der Interimsspielstätte am ehemaligen Flughafen Tempelhof heißt es erst einmal Abschied nehmen. Und von diesem Raum. Riesig, Geschichte atmend, leer. Eine Welt in sich dieser Hangar 5. Und darin, ganz winzig erscheinend, ein weißes Rechteck, mit seinen Längslinien ein wenig an einen Laufsteg erinnernd. Eine Insel inmitten des großen Nichts. Eine starke Setzung für diesen Abend, an dem es um Iphigenie gehen soll. Nein, nicht die Goethesche Überlebende, sondern die Geopferte des Euripides. Neun junge Frauen bewerben sich um die Rolle. Allesamt Syrerinnen, geflüchtet aus der (ehemaligen?) Heimat, und längst noch nicht angekommen in Deutschland, ihrem Heute, von dem sie nicht wissen, ob es auch ihr Morgen sein wird.

Bild: Gianmarco Bresadola

Die syrischen Theatermacher Mohammad Al Attar und Omar Abusaada haben bereits zwei antike Stoffe überschrieben, Die Troerinnen und Antigone, an anderen Fluchtpunkten dieser Welt, in Jordanien und im Libanon. Nun also Berlin. Gleich nebenan, auf dem Flughafengelände, leben noch immer Geflüchtete, zuweilen meint man, Geräusche von ihrem Leben im Wartestand herüberwehen zu hören. Die neun hier sind privilegiert, haben einen Schutzraum gefunden, aber einen brüchigen, einen, den sie sich erst erobern müssen. Dies ist die Spielsituation: Nacheinander treten die Frauen vor, stellen sich den Fragen einer Interviewerin (Reham Alkassar) und dem unerbittlichen Kameraauge. Ihre Gesichter erscheinen riesenhaft über ihnen, auf einer überdimensionalen Leinwand. Die Interviewende fragt nach der Motivation, Theater zu spielen, nach den Ähnlichkeiten zu Iphigenie, hakt nach, wenn sie glaubt, das gegenüber halte etwas zurück oder speise sie mit Floskeln ab. Am Ende soll die Kandidatin jeweils einen Monolog aus dem Stück sprechen. So weit die simple Struktur dieses 100-Minüters.

Der Erwartungen bewusst untergräbt. Die Fluchtgeschichten, die Realität des Kriegen, vor der man floh: Sie finden kaum Raum. Mehr als einmal erkundigen sich die Kandidatinnen, ob es sich hier um ein Flüchtlingsprojekt handele. Satt seien sie es, auf ihre Fluchtgeschichte reduziert zu werden, sie, sie versuchen, sich Identitäten jenseits des Labels „Geflüchtete“ aufzubauen. Wiederholt bröckeln die Fassaden, verstummen die Frauen, erzählen die stummen Gesichter in Nahaufnahme Geschichten, für die ihnen die Worte fehlen. Geschichten der Entwurzelung, der Einsamkeit, des Nicht-Dazugehörens. Themen, die auch in den Interviews immer wieder anklingen. Selbst die Selbstbewusstesten geben zu, noch nicht angekommen zu sein, an der eigenen Isolation zu leiden. Zwischenweltbewohnerinnen, Steckengebliebene im Transit.

Konsequent fokussiert der Abend aufs persönliche Empfinden. Wie verorten sich die Frauen in ihrer – neuen, fremden? – Welt, ihrer Familie, sich selbst? Wo stehen sie, gehen sie irgendwohin, sind sie glücklich? Immer wieder die gleichen Themen: die Einsamkeit, die Vater-Tochter-Beziehung als Bezugspunkt zu Iphigenie, die Sehnsucht nach dem Theater als Ausdrucksort, als alternative Existenzmöglichkeit, als Raum für die Fantasie, die für viele längst die einzige Hoffungsinstanz übernommen hat. Es sind die gleichen Dinge, die sie umzutreiben scheinen, und doch passiert bald etwas Erstaunliches: Die neun Frauen werden – trotz der immer gleichen Fragen – zu greifbaren Individuen. Da ist die Hidschab-Trägerin, die sich weigern würde, Achilles zu küssen, die chronisch Unpünktliche, die sich durch Singen einen Rest Lebensfreude zu bewahren sucht, die 17-Jährige, die durch das Theaterprojekt der schule entfliehen will, in der sie keinen Halt zu finden vermag, die junge Frau, die von Schauspielschule zu Schauspielschule hetzt und überall abgelehnt wird, die Stille, die zugibt, „keine gute Schauspielerin“ zu sein und das Theater als Ort sucht, an dem sie sich selbst stellen, herausfordern, ergründen könne. Am größten sind die Unterschiede wohl bei der Beziehung zu Iphigenie: Einige begrüßen das Opfer, andere lehnen es ab, eine tendiert zur Interpretation als Selbstmord, eine andere feiert sie als Märtyrerin. In ihrer diskursiven Zerrissenheit wir Iphigenie zum Symbol für Menschen, für die es keine Eindeutigkeit (mehr) gibt.

Das wirkt zuweilen ein wenig gestellt – etwa die Marotte, nach dem eigentlichen Interview Nachfragen zu stellen, die plötzlich zu Enthüllungen bisher verschwiegener Dinge führen, wirkt arg gewollt. Auch Plattitüden bleiben nicht aus, etwa die Reaktion der ersten Befragten, die auf den Vorwurf, beschönigt zu haben, fragt, ob Theater nicht stets ein Ort der Lüge und Beschönigung sei. Das ist von einer Plattheit, die zum restlichen Abend nicht passt, der allerdings mit seiner Form hadert. Denn seine stärksten Momente hat er, wenn er das Frage-Antwort-Spiel durchbricht, Pausen erzwingt, das Räderwerk zum Stillstand bringt. Es sind die Augen, das Lächeln, die Gesichter der Darstellerinnen, die am lautesten, am wirkungsvollsten erzählen. Von Selbstzweifeln, gebrochenen Ichs, Leid, das keine Worte findet, weil es keiner hören darf, soll, will.  Geschichten, die es schwer haben vorzudringen, zu starr ist das Korsett dieses Abends. Und die doch um so stärker wirken, wenn, weil sie es vermögen.

Diese Iphigenie unterläuft Erwartungen. Der Zuschauer wartet auf Horrorgeschichten von Flucht und Krieg und bekommt – Befindlichkeiten. Persönliche Gefühle statt Betroffenheitsromantik, unmittelbare Blicke auf unter uns lebende Individuen statt universeller medialer Opfernarrative. Al Attar und Abusaada zwingen den Zuschauer, in diese Gesichter zu blicken und mehr zu sehen als bemitleidenswerte Bewohnerinnen der Schublade „Geflüchtete“, sind auszusetzen ihrem Blick, ihrer Individualität, ihrem Menschsein, das uns nicht gibt, was wir erwarten, uns verdient zu haben glauben mit all unserer Flüchtlingshilfe. Der Abend spielt mit unserer Sucht nach Authentizität. Ganz real, ganz nah erscheinen diese Frauen und sich doch – und hier greift dann doch das Casting-Format – Rollen, Spielende, bei denen man nie weiß, wo die Wahrhaftigkeit des „Realen“ endet und die nicht minder wirkliche des Theaters endet. Ein Abend auch über das Theater – als Schutz-, Fantasie, Möglichkeitsraum – aber auch als Ort der Begegnung mit der Wirklichkeit. Eine ambivalente Zwischenwelt, bevölkert von Menschen, die im Dazwischen eine Heimat suchen. Es ist ein Abend voller Schwächen, naiv, zuweilen sehr plakativ, zu starr in seiner Erzählweise und Klischees nicht abgeneigt, mit einem ärgerlich naheliegenden Schluss. Und doch einer, der andere Geschichten erzählt, als jene, die wir erwarten, der jenen, die sie erzählen, die Macht geben, sich die ihrige zu erkämpfen und mit ihr die Kontrolle über uns, die wir zuhören, dem, was sie uns hören lassen wollen. Ein Abend, der es sich herausnimmt, uns nicht zu geben, was wir wollen. Und das ist es, was den Abend nachklingen lässt, auch wenn er kein großes Theater sein mag. Er ist Theater, das sich nicht schämt zu scheitern. Und gerade dadurch gelingt.

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Ein Gedanke zu „Der enttäuschte Blick

  1. […] weil sie als Tochter eines Algeriers des arabischen mächtig ist. The Factory, nach Iphigenie  die zweite gemeinsame Arbeit von Autor Mohammad al Attar und Regisseur Omar Abusaada an der […]

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