Ungeheuer klein

Günter Grass: Die Blechtrommel, Berliner Ensemble / Schauspiel Frankfurt (Regie: Oliver Reese)

Von Sascha Krieger

Eines sollte dieser Abend erreicht haben: Wer ihn gesehen hat, die knapp zwei Stunden (bei der Überführung des in Frankfurt uraufgeführten Abends nach Berlin ist die Pause abhanden gekommen), ausgesessen hat, wird den Namen Nino Holonics nur schwer aus dem Gedächtnis bekommen. Denn Holonics, wenngleich schon in seinen Dreißigern, ist ein brillanter Oskar Matzerath, der zwar keine 94 Zentimeter misst, den Zuschauer aber schnell in selbige Illusion hineinzertert, -fleht, -trommelt. Oskar Matzerath, der ewig Dreijährige, ist schon bei Günter Grass ein größenwahnsinniger, allmächtiger Manipulator, der immer seinen Willen bekommt, weil er weiß, wie er dies erreichen kann. Einer, der sein Publikum stets im Griff hat, jederzeit manipulieren und zu allem bewegen kann, was er von ihm will. Ein Performer eben, ein Künstler auch, bei dem der Schritt vom privaten Publikum mit klaren Handlungsanweisungen (Mutter, Väter, Geliebte) hin zu jenem, dem er sich nun gegenübersieht, nur ein kurzer ist. Und das er schnell ebenso sicher in der Hand hat wie das Brausepulver, zu dem er so manchen Zuschauer gar nicht groß nötigen muss.

Bild: Birgit Hupfeld

Den Meisterperformer Oskar sehen wir denn auch im Mittelpunkt des Abends stehen. Daniel Wollenzin hat ihm eine schlichte, effektvolle Bühne gebaut. Mit Erde bedeckt ist sie Zirkusmanege, kaschubischer Kartoffelacker, Friedhofsboden, vielleicht auch Schlachtfeld. Ein Loch im Boden ist Kellerluke und Grab, ein überdimensionaler schwarzer Stuhl rückt Oskar in die richtige Perspektive. Alles Requisiten, klar als solche und in ihrer Funktion erkennbar. Wie die Blechtrommeln, penibel den von Buchtitel und Film bekannten nachgestaltet, von denen Holonics einige zertritt, die sich als kurzes Sehnsuchtsbild einmal zu einer Wand massieren, auf denen er nie richtig spielt, die er nur braucht, weil sie sein Markenzeichen sind. Mit Trommel, viel zu großer kurzer Jungs-Hose und blauer Strickjacke ist Holonics die Marke Oskar, das Image des Zauber- und Manipulationskünstlers, der die Menschen nach seinem Willen tanzen lässt und Gläser zersingt. Was hier natürlich Behauptung bleiben muss. Also lässt Regisseur Oliver Reese passgenaue Soundtracks einspielen, die hörbar machen, was Illusion sein muss. Und darf. Denn solange diese funktioniert, braucht es keine Wahrhaftigkeit.

Um die geht es auch nicht, sondern um Oskar, den selbsterschaffenen Künstler, den Performer, der alle Register zieht, um das Publikum zu gewinnen. Ganz allein schlüpft Holonics in alle Rollen, skizziert diese scharf und präzise, in Stimme, Akzent Gestik. Und wechselt selbst, als Oskar, schnell die Register: vom bettelnden Kind zum zeternden Teenager, vom ironischen Manipulator zum charmanten Säusler, vom chloerischen Tyrannen zum (gespielt) unsicheren Jungen. Er ist einer der weiß, was sein Publikum will. Reese mag einen Großteil der 800-Roman-Seiten gestrichen haben, aber alle Hits sind geblieben: Die Walzerseligkeit der durch Oskars Trommel gestörten Nazi-Versammlung, die Zeugung der Mutter unter den vier Röcken der Großmutter, der Pferdekopf voller Aale, der Brausepulver-Sex. Holonics gibt jede dieser Szenen mit vollem Einsatz, höchster Effektsicherheit und einem unerschütterlichen Sinn für das Theatrale. Die Zuschauer*innen wollen die Hits? Dann kriegen sie sie auch, mit voller Theater-Dröhnung.

War noch etwas? Die Blechtrommel ist auch satirisch verzerrtes Bild ihres mörderischen Jahrhunderts? Auseinandersetzung mit der Manipulierbarkeit der Massen, Dinge zu tun, die wir gern für undenkbar hielten? Porträt eines (Nicht-)Erwachsenwerdens in einer Zeit des Unfassbaren, der Unmenschlichkeit und Entmenschlichung des Menschen? Ein Versuch, sich mit dem Individuum inmitten einer tödlichen Masse zu nähern? Vielleicht hat ein Kommentar auf seine Entstehungszeit, die solche Auseinandersetzungen scheute? Natürlich, kommen die Nazis vor, der Krieg, die Massenhysterie, Verrat, Tod, Leiden. Doch an diesem Abend sind sie bestenfalls Material. Für Holonics-Oskars große Reviue-Nummer des autonomen, seine Welt erschaffenden Künstlers. Nur dass diese hier kaum noch Reaktion aus eine abgelehnte reale Welt ist, sondern sich von dieser so weit isoliert, dass letztere nur noch als Projektion, als notwendige Reibungsfläche ersterer sichtbar wird. Und so ist diese Blechtrommel eine Schauspieler-Fest, das letztlich selbst seinen Stoff als pures Material begreift. Und so ist der Abend am Ende, was sein Darsteller nur vorgibt: ungeheuer klein.

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Ein Gedanke zu „Ungeheuer klein

  1. […] kam neu hinzu. Bettina Hoppe, Stefanie Reinsperger, Stefanie Eidt und Nico Holonics (er mit seiner Blechtrommel gar auf der großen Bühne) durften bereits ran – jetzt ist Oliver Kraushaar an der Reihe. Und […]

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