Ästhetik des Dagegenseins

Musikfest 2017 – Chorus und Orchestra MusicAeterna unter Teodor Currentzis mit Mozarts Requiem

Von Sascha Krieger

Mit dem Starrummel im Klassikbetrieb ist es ja so eine Sache. Einerseits  widerspricht die Idee von „Stars“ eigentlich dem Anspruch auf künstlerische Substanz und der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen „Star“, der Partitur. Wo aber ein Stern strahlt, ist selten Platz für einen zweiten. Andererseits steht auch der Klassikbetrieb im Wettbewerb um die Investitionen der Ticket- und Plattenkäufer, braucht es zugkräftige Argumente, gerade Jüngere zu begeistern für die Musik, von der ihnen gesagt wird, sie sei so viel wertvoller, als das, was bei ihnen durch die Kopfhörer rauscht. Aber auch der Klassikfan selbst will verführt werden, schließlich soll er wissen, warum er unbedingt eine bestimmte von unzähligen Einspielungen des gleichen Werken kaufen und zur Referenz erklären soll. Da hilft es, Musikerpersönlichkeiten zu haben, die herausstechen. Teodor Currentzis ist so einer. Gebürtiger Grieche, seit langem Wahlrusse, hat er dafür gesorgt, dass man längst auch im Westen weiß, dass es in Russland eine Stadt namens Perm gibt. Hier ist er seit Jahren aktiv, hat seine eigenen Ensembles gegründet, die er MusicAeterna nennt, verknüpft Alte und Neue Musik in Programmen, die immer mehr wollen, als „nur“ die einzelnen Werke zu interpretieren. Ihm geht es um Bezugslinien, um Verbindungen, um das ganz große Ganze. Und damit jeder weiß, wie ungewöhnlich das ist, was er tut, steckt er seine Musiker*innen in Mönchskutten, lässt sie stehend spielen, gönnt sich selbst hautenge Hosen und Stiefel mit roten Schnürsenkeln.

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Teodor Currentzis dirigiert den Chorus MusicAeterna beim Musikfest Berlin (Bild: Kai Bienert)

Das ist auch in der Berliner Philharmonie der Fall, wo Currentzis und seine Ensemble Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem im Gepäck haben. Dem sie sich zunächst annähern. Alles an diesem Abend ist – scheint – auf das Werk ausgerichtet, das in seinem Mittelpunkt steht. So soll, zumindest ist das eine denkbare Erklärung, das Werk eingeordnet, kontextualisiert, mit einer klaren Perspektive versehen, neu hörbar gemacht werden. Diese ist eine kirchliche. Currentzis startet also mit religiösen A-Capella-Chorstücken, die den Bogenschlagen vom tiefsten Mittelalter (das Konzert beginnt mit Hildegard von Bingen) bis ins 21. Jahrhundert (Arvo Pärt). Neun Stücke sind es, die sich mit der Position des Menschen in der Ewigkeit, seiner Vergänglichkeit, seinem Begehren und Flehen nach Erlösung, seinem Leiden an der Existenz befassen. Dunkel ist der Raum, in den der Chor einzieht wie in einer Prozession und sich anschließend im Kreis versammelt. Ein Ritual führt Currentzis hier auf, ein musikalisches, in dem Hildegard und Pärt, Purcell und Strawinsky, Schnittke und Ligeti plötzlich zu Gefährten, Mitleidenden, Zeitgenossen zu werden scheinen.

Auch wenn sich die ungeheuer zart durch die Stimmen wandernden Klangflächen Ligetis hörbar von der archaischen Kraft der vom brillanten Chor unmittelbar in den Raum gestellten Anrufung des Herrn durch  Hildegard von Bingen unterscheiden, wenn die puritanische Schlichtheit Purcells, vom Chor dargeboten in einer berückenden Mixtur aus Schnörkellosigkeit und emotionaler Tiefe, sich abgrenzt von der klanglichen Vielfalt und sachten Opulenz der wundersam und wunderbar zurückhaltenden Schnittke-Interpretationen, so geht es Currentzis eindeutig nicht um die einzelnen Werke. Er sucht nach einem atmosphärischen Nenner, einer Verbindungslinie, einem gemeinsamen Ton. Und so schnurrt das Neunerpack bald zusammen zu einer langen, eindringlichen, zurückgenommen intimen Klage, findet der Chor seinen Anker in einer Mischung aus von der Stille her gedachter Kraft, emotionaler Kraft, inniger Zwiesprache und um die Vergeblichkeit irdischen Tuns wissender Klarheit der Phrasierung. Dass dabei irgendwann Strawinsky wie Schnittke klingt und Pärt wie Purcell ist ein Preis, den Dirigent und Publikum in Kauf nehmen. Auch ein paar Mätzchen – eine alberne Ergriffenheitschoreografie gepaart mit Currentzis, der sich in Grübelpose an den Rand setzt, im finalen Purcell-Block – ist da schnell vergeben.

Diese mehr als einstündige Hinführung lässt einiges erwarten für das nach der Pause folgende Requiem. Aber wie ist das mit Erwartungen? Sie sind dafür da, enttäuscht zu werden. Und zumindest dies gelingt Teodor Currentzis gründlich. Der flehende, existenzielle Grundton des Vorangegangenen ist sofort verflogen. Stattdessen klingt das nun hinzugekommene Orchester ausgedünnt, entsättigt, entfärbt. Behutsam der Beginn, unvermittelt und mit trockenster Härte die Aus- und Einbrüche der ZTastatur. Der Chor tut sein bestes, sich an den betont kargen Klang anzupassen, dem Solist*innen-Quartett gelingt dies zuweilen so gut, dass der Zuhörer fast vergisst, dass es eines gibt. Nur Tenor Thomas Cooley sticht zunächst mit seiner hellen, sehr expressiven Stimme heraus, doch auch er verschwindet bald in der Strömung. Immer wieder setzt Currentzis auf höchsten Erregungszustand im Orchester, etwa im ultraharten und zugleich knochentrockenen „Dies irae“ oder im hyperventilierenden „Domine Jesu“. Details werden hervorgekehrt und in extremster weise von ihren „Nachbarn“ abgegrenzt, Kontraste plakativst hervorgehoben.

Alles soll Reibung sein, Kampf, Aufgewühltheit, existenzielles Ringen. Und ist doch bestenfalls ein laues Windchen im leeren Wasserglas. Zwischendurch schleicht sich ein sanglicher Gestus ein, im „Sanctus“ etwa erlaubt sich der Chor eine Fließbewegung, die Currentzis allsbald in Stücke haut, am Ende des „Benedictus“ beschleunigt er plötzlich, als wären wir auf einer Rennstrecke. Der Schluss erinnert an einen eher grobmotorigen Handwerker, der schnell fertig werden muss. Teodor Currentzis sieht sich gern als Tiefenschürfer und betrachtet Mozart als seinen Fixstern. Hier schürft er nicht, sondern reißt auseinander. Es ist, als überlegte er in jeder Passage, wo der interpretatorische Konsens liegen könnte – und macht das Gegenteil. Er sucht – ganz im Gegenteil etwa zu Nikolaus Harnoncourt, einem anderen Konsenszertrümmerer – nicht den musikalischen, geistigen, ideellen Kern des Werks, er genügt sich im Aufbrechen des Bekannten. Die Bruchstücke lässt er einfach liegen, dem angeblich so verehrten Werk einen neuen Zusammenhang zu verleihen, seine Mitte zu suchen, ihm ein Fundament zu geben, interessiert ihn zumindest an diesem Abend nicht. Am Ende ist er sichtlich zufrieden. Aufräumen können dann andere.

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Ein Gedanke zu „Ästhetik des Dagegenseins

  1. […] of das gewohnte. Das ist zuweilen nah am Selbstzweck und kann fürchterlich schiefgehen wie bei Mozarts Requiem. Aber es kann auch Einstiege eröffnen, hinein in den Kern des Musikalischen, den Currentzis im Akt […]

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