Der Klang der Behauptung

Musikfest Berlin 2017 – Das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam  unter Daniele Gatti mit Werken von Weber, Rihm und Bruckner

Von Sascha Krieger

Wie folgt man einem Dirigenten wie Mariss Jansons nach – allseits geschätzt, von vielen als der beste seiner Zunft gefeiert, einer, der wie kein anderer analytische Schärfe, klangliche Perfektion und emotionale Tiefe zu verknüpfen vermag und die von ihm geleiteten Orchester regelmäßig an die Weltspitze führt. Gerade vierzehn Jahre stand er dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam vor, die nach dem Gründungsdirigenten des Orchesters Willem Kes Ende des 19. Jahrhunderts zweitkürzeste Amtszeit eines Chefdirirenten. Und doch schaffte er es, dass der Klangkörper schon bald im gleichen Atemzug mit den Berliner und Wiener Philharmonikern genannt wurde, wenn es darum ging, welches das beste Orchester der Welt sei. In einem entsprechenden Ranking des altehrwürdigen Gramophone Magazine landete das RCO schon 2008, vier Jahre nach Jansons‘ Amtstantritt auf Platz eins. Schwerer könnte es also kaum sein, das Erbe, das Daniele Gatti, selbst ein Schwergewicht der Dirigentenszene, antritt. Da heißt es, Akzente zu setzen, die neue Ära schnell zu definieren. Also startet Gatti mit einem Großprojekt. „RCO Meets Europe“ heißt es und führt das Orchester zwischen 2016 und 2018 in alle 28 Mitgliedsstaaten der europäischen Union. Ein wunderbares Symbol der kulturellen Verbundenheit eines Kontinents, der derzeit eher durch Zerrissenheit Schlagzeilen macht.

Daniele Gatti dirigiert das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam beim Musikfest Berlin 2017 (Bild: Kai Bienert)

Mehr noch: An jeder besuchten Station spielt das Orchester ein Werk gemeinsam mit einem örtlichen Jugendorchester. Besser lässt sich die verbindende Kraft der Musik nicht symbolisieren. In Berlin sind Mitglieder*innen des Bundesjugendorchesters Deutschland, das die vielversprechensten Talenten zwischen 14 und 19 Jahren versammelt, Gast des RCO. Gemeinsam spielt man die Ouvertüre von Carl Maria von Webers Oper Euryanthe. Eine Referenzinterpretation ist da natürlich nicht zu erwarten, dass hier zwei sehr unterschiedliche Klangkörper miteinander musizieren, ist zu hören, dass man nur einmal, am Nachmittag des Konzerts, gemeinsam geprobt hat, ebenso. So ist der Klang des improvisierten Orchesters ein wenig dumpf, schleichen sich immer wieder klangliche Unschärfen ein, denen Gatti mit einem möglichst engen Korsett zu begegnen sucht. Die schnelleren Passagen haben viel Zug, die langsamen sind dagegen überaus gebremst. Gatti sucht Klarheit in der größtmöglichen Betonung des jeweiligen Ausdrucksmodus: Das geht ganz gut, auch wenn dem zusammengewürfelten Ensemble die klangliche Balance weitgehend abgeht. Technisch ist das Niveau hoch, die Präzision den Umständen entsprechend groß – mehr ist nicht zu verlangen.

Was das Orchester als kulturellen Botschafter angeht, hat Gatti seine Marke mehr als erfolgreich gesetzt. Künstlerisch, so hört man immer wieder aus Amsterdam, bleiben Zweifel. Wer gehofft hat, diese könnte das Berliner Gastspiel zumindest beim überaus anspruchsvollen hiesigen Publikum ausräumen, sieht sich nach diesem Abend enttäuscht. Am Ende ist eher das Gegenteil der Fall. Denn auch als das Orchester unter sich ist, hebt sich das interpretatorische Niveau kaum. Das gilt zunächst für Wolfgang Rihms IN-SCHRIFT von 1995, geschrieben für den Markusdom in Venedig, ein Raum, dessen Akustik mit jener der Philharmonie nichts gemein hat, für den das Werk jedoch eindeutig konzipiert ist. Gatti versucht die Annäherung über das Einzelne, die musikalischen Kerneinheiten des Stückes und findet das Perkussive. Rhythmik und Klangspektrum des Schlagwerks sind ein zentraler Bestandteil des Werks – bei Gatti werden sie zu seinem einzigen. Er lässt jeden Ausbruch, jedes explosive Detail überbetonen, nimmt in Kauf, dass das Werk zuweilen arg fragmentarisch wirkt und das die flächigen und fließenden Gegenbewegungen von Bläsern und tiefen Streichern (auf die hohen verzichtet Rihm komplett) untergehen. Nur fehlt dem Werk damit eben auch das Fundament, das Ab- und Untergründige. Den Raum auf diese Weise zu füllen, gelingt nur sehr selten, meist bleibt das musikalische Geschehen auf Distanz. Wenn es sich aufzulösen scheint, verzweifelt seinen Weg sucht, gelingen durchaus kurze Momente, in denen eine Zwischenebene einzieht, so etwas wie Berührung möglich erscheint. Doch schnell werden sie weggetrommelt, bleibt mitunter wenig mehr als trockenes Lärmen. Dem Komponisten wird das ebenso wenig gerecht wie dem Raum, mit dem hier gespielt werden sollte.

Dann aber Bruckner: Die Neunte soll es sein, ein Kernwerk auch dieses Orchesters, spätestens seit der langen Amtszeit des Bruckner-Spezialisten Bernard Haitink (übrigens der bislang letzte niederländische Chefdirigent des RCO. Das beginnt durchaus hoffnungsvoll. Klanglich gelingt Gatti zunächst eine schöne Verbindung aus kraftvollem Ganzen und hoher Transparenz, die Schaffung eines kraftvollen Klanges aus Einzelstimmen – eine der großen Stärken des Orchesters unter Jansons‘ Ägide. So vielfarbig das anhebt, so oberflächenglänzend geht es bald weiter. Das organische Werden und Vergehen des Anfangs wird nicht weiterentwickelt zu einer innermusikalischen Kraftquelle. Stattdessen wandert der Blick nach außen. Die Fassade wird wichtiger, eine klare Tendenz zur Überdeutlichkeit greift Raum. Die Massierungsbewegungen und Abbrüche wirken zunehmend aufgesetzt, bemüht, nicht aus dem Inneren der Musik kommend. Behauptung nimmt den Platz von Substanz ein. Kontraste werden gesetzt, haben aber keine Funktion. Ähnliches gilt für klangliche Verschiebungen. Da tönt nichts aus dem Inneren, bleibt die Kulisse Kulisse.

Das gilt für den erschreckend spannungsarmen Kopfsatz ebenso wie die beiden folgenden (Gatti entscheidet sich wie die meisten Kollegen für die dreisätzige Version ohne rekonstruiertes Finale). Das erschütternde Scherzo wird so zum zahnlosen Tiger, die ins Mark gehende stakkatohafte Passage klingt schleppend und unscharf, das Trio seltsam behäbig. Der ruhige Fluss des ersten Satzes wird zäh. Und kommt auch im Adagio kaum ins Fließen. Da schillern die Streicher schön und leer, setzt Gatti deutliche Pausen und scharfe Kontraste, die nichts bedeuten, wirken klangliche Schärfungen etwa in den technisch wie klanglich wie immer brillanten und hoch präzisen hohen Streichern meist nur unangenehm schrill. Da geht am Ende jeglicher musikalischer Zusammenhalt flöten, führt das Spiel von Abbrechen und Neuansetzen zu einer Fragmentierung, die das Kartenhaus zusammenpurzeln lässt. Je stärker die Entladungen, je abrupter die Abbrüche, desto beliebiger der Eindruck. Wenn dieser Abend etwas schafft, dann, dem Zuschauer die Augen zu öffnen, wie belanglos Anton Bruckners neunte Sinfonie dahinplätschern kann, wenn man zu ihr keine Haltung wagt. Es ist eine Erfahrung, auf die zumindest dieser Rezensent gern verzichtet hätte.

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