Alles fließt

Sir John Eliot Gardiner dirigiert Monteverdis L’Orfeo beim Musikfest Berlin

Von Sascha Krieger

Es gibt Konzertabende, an denen es sich besonders lohnt, einen Blick ins Programmheft zu werfen. Dieser, der erste von dreien, in denen Sir John Eliot Gardiner gemeinsam mit den von ihm vor mehr als 50 Jahren gegründeten Ensembles Monteverdi Choir und English Baroque Soloists die drei Opern Claudio Monteverdis aufführt, ist einer davon. Im Heft zeichnet Silke Leopold den 24. Februar 1607 nach, als L’Orfeo in den herzöglichen Privatgemächern von Mantua uraufgeführt wurde und die Geschichte der Oper, wie wir sie heute kennen, wenn nicht begann, so doch entscheidend beeinflusst wurde. In seiner Verknüfung der dramatischen und musikalischen Sphären, in denen sich beide auf Augenhöhe begegnete, war das Werk bahnbrechend und begründete eine Tradition, die bis heute anhält. Und die begann in einem viel zu engen Raum, einer intimen Atmosphäre, Musiker und Sänger (allesamt wie das Publikum männlich) nicht getrennt, die Aufführung das, was man heute halbszenisch nennen würde. Diesem intimen Raum, diesem unmittelbaren Erleben versucht Gardiner näher zu kommen. Orchester, Chor und Solist*innen teilen den gleichen Raum, interagieren miteinander, szenisches Spiel und orchestrales Musizieren gehen Hand in Hand. Lichtdesigner Rick Fisher lässt den Raum auch mal weit werden, meist jedoch wird er zur Kammer für Musik und Spiel, lädt er das Publikum ein, ganz nahe heranzurücken, Teil zu werden, dieses gemeinschaftlichen Erlebens.

Krystian Adam als Orfeo in der Berliner Philharmonie (Bild: Carolina Redondo)

Die historisch informierte Aufführungspraxis hat zuweilen mit dem nicht immer falschen Vorwurf zu leben, ihrem Gegenstand auf museale Weise entgegenzutreten. Der Anspruch, Musik so aufzuführen, wie sie bei ihrer Uraufführung gespielt wurde, scheint das Vitrinenglas stets mitzudenken. Dabei ist der Anspruch zumindest ihrer Protagonisten wie Gardiner oder Nikolaus Harnoncourt (so viel gerade diese beiden unterscheiden mag) ein anderer: Sie wollen, dass Musik so klingt, als wäre sie gerade entstanden, als säßen wir beispielsweise in jenem stickigen Raum in Mantua. Ein Anspruch, den Gardiner und seine Ensemble an diesem Abend voll und ganz erfüllen. Die raue Bläserfanfare zu Beginn klingt wie aus einer anderen Welt und zugleich ganz nah. Bis aufs Minimum reduziert ist der Klang des sehr schlanken Rumpforchesters, schlicht, klar und immer wieder ins Karge kippend. Unmittelbarkeit ist das Gebot, da ist kein Gramm Fett, da ist kein auch noch so winziges überflüssiges Element. Jeder Ton ist der Stille abgerungen, bäumt sich auf gegen das Nichts, das ja auch im Mittelpunkt der Geschichte um den Sänger steht, der seine geliebte aus dem Totenreich zurückholt und sie wieder verliert, weil er zu sehr liebt.

Ganz wunderbar direkt der pastorale Ton der ersten eineinhalb Akte plus Prolog. Der Chor hat einen Satten, untergründigen, sehr erdigen Ton, formt Klangskulpturen voller Kraft, Oberflächenglanz und Komplexität. Eindrucksvoll das umfangreiche Solist*innenensemble, aus dem hier nur zwei herausgehoben seien: Hana Blažíková (La Musica/Euridice) , die trotz Bronchitis zeigt, warum sie als eine der besten Spezialistinnen für Alte Musik gilt: Stimmliche Wärme, fein austarierte Emotion und klarste Phrasierungen gehen eine Verbindung ein, welche die Unmittelbarkeit, um die es hier geht, auf idealtypische weise erzeugt. Das gilt auch für Krystian Adams Orfeo, dessen samtweicher, glockenheller Tenor den perfekten Resonanzkörper für den existenziellen Kampf seiner Figur und des ganzen Werks bildet. Die Freude, angedeutet durch ausgelassene Tänze der in weiß gekleideten (die Kostüme sind irgendwo zwischen mediterraner Folklore und antiker Bukolik angesiedelt) Hirten, und der in Schwarz gekleidete Schmerz, finden hier direkten und ungefilterten Ausdruck. Die musikalischen Stimmungs- und Farbverschiebungen sind ebenso deutlich wie organisch herausgearbeitet, die sachliche Zurückgenommenheit des Orchesters begründet eine schnörkellose Schlichtheit der Darbietung, die ihr Ziel erreicht: Sie wirkt unmittelbar auf den Zuhörer.

Alles ist Fluss. Bei Monteverdi gibt es die strenge Folge von Rezitativen und Arien, wie man sie von Händels Opern und Bachs Oratorien kennt, nicht. Hier geht das Narrative in das Expressive über und umgekehrt. Gardiner betont diesen Aspekt schon formell: Außer zwischen dem zweiten und dem dritten Akt, wo er Musiker*innen und Publikum eine kurze Verschnaufpause gönnt, lässt er die verschiedenen Akte ineinander fließen, wie auch Monteverdi Glück und Schmerz, Freude und Trauer als eine Bewegung, in der das eine untrennbar zum anderen gehört, darstellt. Alles ist eines, wie Gardiner auch nicht nur den Bühnen, sondern auch den gesamten Zuschauerraum einbezieht. Die unerbittliche Klarheit, die erschütternde, zuweilen fast harte Schlichtheit des musikalischen Vortrags lassen keinerlei Schutzraum zu. Jede Emotion wird so unmittelbar serviert, wie sie universal ist. Wie das Pastorale, rau, klanglich nicht poliert, umschlägt in die intime, unendlich zarte, durchaus brüchige Lyrik des ultimativen Verlusts, dann langsam, beinahe scheu, ein sacht dramatischer Gestus Leben zurückbringt, ist so eindrucksvoll und zu jedem Zeitpunkt bewegend, weil es in einer Direktheit daherkommt, die keine Kompromisse macht. Orfeos Klage wirkt so stark, nicht nur aufgrund der unbestreitbaren Qualiät Adams, sondern weil sie musikalisch eingebettet ist in einen klanglichen Raum, der seine Fremdheit nie verleugnet – Versuche, den Klang des Frühbarocks heutigen Hörgewohnheiten anzupassen, verweigert sich dieser Abend radikal – und doch eine Nähe herstellt, die nicht anders zu bezeichnen ist, als eine allgemein Menschliche. Wir sind alle im gleichen Raum, im gleichen Boot, könnte man flapsig sagen, Orfeos Schmerz der unsere, wie auch sein Trost seine Hoffnung, die zaghafte Aufhellung von Klangbild und Bühne am Schluss, die unseren sind. Wenn Musik existenzielle Erfahrungen ermöglicht, dann kommt dieser Abend einer solchen zumindest sehr nahe.

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Ein Gedanke zu „Alles fließt

  1. […] oft in einer Doppelbewegung aus Verstärken und Kommentieren der Vokalebene. Im Vergleich etwa zu L’Orfeo ist das Werk um einiges sperriger, der musikalische Fluss gebremst, der Anteil von Rezitativen viel […]

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