Die Reifeprüfung

Daniel Barenboim dirigiert die ersten drei Schubert-Symphonien mit der Staatskapelle Berlin im Pierre Boulez Saal

Von Sascha Krieger

Zurück zum Anfang. Symphonie-Zyklen sind ja so eine Sache. Schließlich ist auch der bedeutendste Komponist nicht als begnadeter Symphoniker geboren, musste sich so mancher Großer erst mühsam herantasten an das Königsgenre der Orchestermusik. Die Folge sind oft Frühwerke, die zu Recht oder Unrecht als leichtgewichtig gelten und in einem Vergleich mit den „reiferen“ Symphonien nicht immer standhalten, was in zyklischen Aufführungen nicht selten zu qualitativer Unwucht führt. Natürlich gibt es Ausnahmen, etwa jene Komponisten, die – wie Brahms – sich Zeit ließen, bis sie bereits waren für die große Symphonie oder die – wie Beethaven oder insbesondere Mahler – ein solches Talent für das symphonische Genre aufbrachten, dass sie schon mit dem ersten Wurf Meister ihres Fachs waren. Franz Schubert, so meint man gemeinhin, gehört zu keiner der beiden Kategorien. Diese Ansicht mag nicht wenig damit zu tun haben, dass seine ersten Symphonien echte Jugendwerke sind: Bei der ersten war er gerade 16, bei der Dritten 18. So oft man die Spätwerke auf Konzertprogrammen findet, so selten tauchen dort die ersten drei auf. Daniel Barenboim möchte das ändern. Nicht nur gruppiert er die drei streng chronologisch in einem eigenen Konzertprogramm zusammen, sondern er versucht sie hörbar von der ersten Note an als ernsthafte Werke eines großen Symphonikers zu etablieren.

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Der neue Pierre-Boulez-Saal in Berlin (Bild: Volker Kreidler)

Das geht zunächst im Falle von Schuberts jugendlichem Erstling gehörig schief. Geschult als Haydn und Mozart und geschrieben von einem bestenfalls gerade der Pubertät entwachsendem ist sie eine im besten Sinne leichte Angelegenheit: schwungvoll, gesanglich, in freundlichem D-Dur verfasst. Nicht so bei Barenboim: Regelrecht düster hebt das Werk bei ihm an, erdig und dunkel sein Grundton, streng der Gestus, hart die musikalischen Akzente. Hier darf nichts leicht sein, soll möglichst wenig fließen. Der Trugschluss, leicht bedeute leichtgewichtig, ist in dieser knappen halben Stunde jederzeit zu spüren. Barenboim verdichtet den klang, reduziert die Klangfarben, zwingt Streicher und Holzbläser in eine klangliche Einheit, die beiden nicht besonders gut tut. Klar und fest ist der Zugriff, selbst bei den lyrischen Themen, die mit höchster Detailschärfe, aber eben auch mit sachlicher Kälte daherkommen. Zu affirmativ der zweite Satz, zu breit seine Streicherflüsse, zu scharfkantig und streng das eigentlich so schwungvolle Menuett, zu ernst, bisweilen fast pathetisch die Satzflüsse. Das Finale ist zunächst ein Lichtblick, zieht das Orchester aus der kompakten Einheit seines Klangs einiges an Lebendigkeit, bevor seine zweite Hälfte zum Desaster gerät. Vollkommen überhastet und mit einem Hang zu übertriebener, aufgesetzter Dramatik hechelt er seinem Ende entgegen. Der Blick fürs Ganze, der Barenboim an diesem Abend umtreibt, ist schon in der Ersten zu spüren, nur verheddert er sich dort in einer Lesart, die wenig mit Schubert zu tun hat, dafür umso mehr mit dem Versuch, das Werk zu rehabilitieren (was es gar nicht nötig hat).

Mit der zweiten Symphonie kommen Schubert und Barenboim dann deutlich näher zusammen. Fast fragmentarisch, ein wenig tastend die Einleitung, umso energischer, klanglich verdichtet, zuweilen verknappt der Hauptteil des Kopfsatzes. Der strenge Zugriff, welcher der Ersten die Luft zum Atmen nahm, findet nun eine gute Balance mit dem diesem Werk eines 17-Jährigen innewohnenden Schwung. Mit viel, streckenweise einen Tick zuviel Zug begegnet Barenboim dem Eingangssatz, bleibt bei der farblichen Einheit von Holzbläsern und Streichern, die sich hier jedoch wirkungsvoll zu einem lebensvoll Klang verbinden. Eine organische Fließbewegung findet er im Andante, klar und – getragen von den wunderbaren Holzbläsern, den eigentlichen Stars dieses Schubert-Zyklus – hell erblüht es, bruchlos und doch mit klarem Blick auf die Vielfalt der Ausdrucksmodi, Tempi und klanglichen Schattierungen dieses überraschend komplexen Satzes. Eine lebendige Mischung aus energisch muskulösem Hauptteil und schörkellos gesanglichem Trio ist der dritte Satz, bevor Barenboim im Finale noch einmal die Zügel anzieht. Doch ist hier nichts überhastet, sorgen Verdichtung und Verknappung aufs Wesentliche als organische Energiequellen, konzentriert sich der Klang zu Kraftentladungen, die weder etwas Gewalttätiges noch Aufgesetztes haben. Auch wenn Beethoven nie weit ist bei Barenboims Schubert-Interpretationen, bleibt die Zweite ein Jugendwerk – im besten Sinne. Was im Übrigen auch die kristallklare und überaus warme Akustik des in erster Linie für Kammermusik konzipierten Pierre Boulez Saals zur Geltung kommen lässt.

Ähnlich die zuweilen an Rossini erinnernde dritte Symphonie, wie die Erste in D-Dur komponiert. Doch welch ein Unterschied: Wo zu Beginn letzterer noch schwere dunkle Wolken hingen, ist nun alles Licht. Die Holzbläser übernehmen die Kontrolle, fest geerdet durch die tiefen Streicher und die angenehm wenig dominanten, doch umso detailschärferen Pauken. Angeführt von Oboe und Klarinette gewinnt die klangliche Einheit von Holz und Streichern einiges an Glanz und Fülle. Energisch der Zugriff, differenziert und fein nuanciert der Blick auf die musikalischen Details, der nicht zu kurz kommt, auch wenn die Klammer der Werkeinheit, der Fokus auf den Charakter des Ganzen im Mittelpunkt bleibt. Der schwungvolle Charme, gepaart mit zuweilen exklusiver Kraft des Kopfsatzes, die beschwingt lebendige Gesanglichkeit des Allegretto mit seinen warmen Farben und dem sacht tastenden Schluss, der wirkungsvolle Kontrast zwischen energischem, mitunter leicht dunkel gefärbtem Vorwärtsdrängen und tänzerischer Helle im Menuetto, das eher ein Scherzo ist, der rasche, nie hastige Lauf des Finales mit seinem hochtransparenten Aufblühen zu Beginn, den natürlichen Zäsuren und der reifen Selbstverständlichkeit, die keine großen Gesten mehr braucht: All das zeichnet das Bild eines Werk, das von jugendlicher Neugier getrieben ist und gleichzeitig bereits eine reife Meisterschaft aufweist, die Großes erhoffen lässt. Nicht zu unrecht, wie man weiß. Eine musikalische Reifeprüfung, wie sie auch der brandneue Saal bestanden hat.

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Ein Gedanke zu „Die Reifeprüfung

  1. Schlatz sagt:

    Besten Dank für die eingehende Schilderung!

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