Wessen Geschichte?

Autorentheatertage 2017 – Sivan Ben Yishai: Your Very Own Double Crisis Club, Deutsches Theater, Berlin (Regie: András Dömötör)

Von Sascha Krieger

Das Theater – ein „Haus der Geschichten“. Die Definition steht im Zentrum von Your Very Own Double Crisis Club der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai. Und wird schnell präzisiert: Es sei ein „Haus eurer Geschichten“, schleudert dem „Ihr“ des Publikums das „Wir“ der sechs in EU-Fahnen-Strampelanzügen gewandeten jungen Spieler*innen, Schauspielstudierende der Berliner Universität der Künste, entgegen. Ohne Bitterkeit oder Vorwurf, einfach als Tatsache. Dazu verwandeln Lichtregie und Geräuschkulisse die leere Bühne vor dem Eisernen Vorgang in eine Mischung als Geisterbahn und Horror-B-Movie. Schließlich muss die Geschichte, die sie uns erzählen, nur einem schmecken: nämlich dem kollektiven „Wir“, das sich von ihrem „Ihr“ nicht vereinnahmen lässt, schließlich ist das „unser Haus“. In das „wir“ „sie“ lassen oder auch nicht. Denn „sie“ sind anders, haben andere Geschichten als „wir“. Die handeln von Flucht, von ihrer Stadt, aus der sie herauskullerten wie Bonbons aus einem zerbrochenen Bonbonglas, nachdem ihre Stadt „gegangbangt“ wurde. Und die nun hierher gekullert sind. Zu uns. Die Europafarben tragen, weil sie dazu gehören wollen. Was sie aber nicht tun. Denn „sie“ sind ja nicht „wir“.

Bild: Arno Declair

Also kaufen sie sich ein. Verkaufen „uns“ „ihre“ Geschichte. „Faken“ dabei ein wenig, bieten etwas „Kriegsporno“, jagen uns Schauer des Entsetzens über die Rücken, denn das mögen, das brauchen, das erwarten „wir“. Dabei lächeln sie „uns“ freundlich an, danken „uns“ immer wieder, dass sie hier sein, „uns“ ihre „Immigrantenpoesie“ verkaufen dürfen, wissend, dass „ihre“ Geschichten nur etwas wert sind, wenn „wir“ sie akzeptierten. Also legen sie sich ins Zeug, überschlagen sich fast beim Versuch, ihre Erzählungen so wirkungsvoll wie möglich erklingen zu lassen. Sie bilden Tableaux, knäueln sich zu bewegten oder statischen Gruppenbildern zusammen, singen und rappen, sprechen chorisch, kanonisch, auch mal durcheinander, Hauptsache, es wird „uns“, den Kunden, die ihre Geschichte kaufen sollen, nie langweilig. Sivan Ben Yishais Text ist ein elliptisches Konglomerat aus Anfängen. Immer wieder beginnt er von Neuem, tritt auf der Stelle, so wie die, von denen er erzählt, nie wirklich wegkommen von dem, von dem, und nie richtig ankommen in dem, in das sie fliehen.

Denn das wollen „wir“ nicht. Sie sind Geschichtengebeer, Bildüberlasser, aus denen „wir“ dann unsere Bilder von der Welt formen können. Bühnenmaterial, das nicht herauskann aus ihrem Dazwischen, die gegen die vierte Wand rennen, die sich nicht bewegen lässt. Und die sich am Ende mittendrin finden in der Eingeschlossenheit „unserer Welt“, in einem schnell zusammengezimmerten Spießer-Bühnenbild (Sigi Colpe), das sie zu nächst an den Rand drängt und sie dann einverleibt, nicht entrinnbar und zugleich unsichtbar für die Repräsentanten des „wir“, die Bewohner und Bewahrer des schönen Scheins, der für „sie“ nur Verwendung weiß als das „Andere“, als Objekt des guten Willens und der guten Tat. Die sie sich verdienen müssen. Indem sie anhimmelnd zuhören, wenn sich nach einer Stunde der Eiserne erhebt und sie die Bühne freigeben, für die „Profis“, für Felix Goeser und Judith Hofmann, die „ihre“ Geschichte übernehmen, wiederkäuen, ausspeien als die ihre, Pardon, „unsere“. „Sie“ sind nur noch Bewunderer, Hintergrundchor, Begleitung, Staffage.

Sivan Ben Yishais kreisförmiger wie mehrschichtiger Text, der sich immer wieder in den Schwanz beißt, bei dem sich die Diskursebenen gegenseitig ins Wort fallen und Sand ins Getriebe werfen, der gar nicht von dem erzählt, von dem er erzählen scheint, sondern den Blick auf „uns“ die Leidenskonsumenten, die Zuschauer der großen Flucht-Show lenkt, findet eine meist kongeniale Entsprechung in András Dömötörs zupackenden wie reduzierten Regie. Er setzt „uns“ auf die Bühne, dreht den Spiegel um, macht „uns“ zu den Hauptakteuren, die das Spiel kontrollieren, die Regeln bestimmen, das Zepter fest in der Hand halten. Dömötör nimmt den Rhythmus des Textes auf, macht aus ihm den Treiber der Inszenierung, nimmt die Inhalte als rhythmisches Material auf, dem die Körper, die Sprache, die Erzählung folgen. Die Erzählernden macht er zu dauerlächelnden Verkäuferpuppen, die um unsere Gunst betteln und gleichzeitig lebendiger bleiben als die Zombiewelt, in welche sie Einlass begehren. Dömötör lässt Sympathie und Empathie zu und entlarvt sie zugleich wiederholt als Machtinstrumente, als Marketingtricks auf dem Markt der Geschichten. Ein witziger, unterhaltsamer Abend, ein bitterböser, freundlich zubereiteter Text, der im wohligen Zuschauergrinsen ganz tief unten die Saat des Unwohlseins sät.

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