Senftuben im Märchenwald

Autorentheatertage 2017 – Armin Petras und Ludwig Haugk nach dem Roman von Lutz Seiler: KRUSO, Schauspiel Leipzig (Regie: Armin Petras)

Von Sascha Krieger

Die Freiheit ist eine Insel. In Lutz Seilers gefeiertem Wenderoman (ist das eigentlich schon ein eigenes Subgenre?) KRUSO heißt sie Hiddensee. Das autofreie Refugium in der Ostsee, ein Ort der Gestrandeten, der „Schiffbrüchigen“, die, wie der Direktor des Ferienheims es ausdruckt, „vom Festland ausgespuckt wurden“, der Rastlosen, nicht Ankommenwollenden und nicht Anpassungswilligen, derer, die nicht hineinpassen in dieses System, das auf dem „Festland“ herrscht. Ein seltsamer Ort, vermeintlich abgeschnitten von der Realität, ein Fluchtpunkt, der Anderssein erlaubt und gutheißt. Aber eben ein abgegrenzter Raum, von dem man nicht wegkommt: auf einer Seite die tödliche Ostsee mit den schussbereiten „Grenzschützern“, auf der anderen Seite das „System“, das jede Tendenz zur Individualität misstrauisch beäugt. Die Freiheit ist ein sicherer Ort. Aber sie ist auch ein Gefängnis. Freiheit und Einengung, „Alles geht“ und „Es geht nirgendwohin“ sind eins an diesem paradoxen Ort in und außerhalb eines paradoxen Landes.

Gastgeber der Autorentheatertage: das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Olaf Altmann hat dafür eine ebenso paradoxe Bühne geschaffen. Ein schwarzer Traumort, durchzogen von einem Wald aus Perlonfäden. Alles ist sichtbar, für die Freiheitssucher drinnen und den vielleicht nicht immer freundlichen Blick von draußen. Durchlässig ist dieser Wald und kann doch zum Netz werden, zur Mauer gar. Man spaziert staunenden Auges hindurch oder verfängt sich darin, er gibt Halt und sperrt ein, er öffnet den Blick und hemmt den Schritt. Ein Märchenwald, in dem „Schiffbrüchige“ hausen wie die vergessenen Kinder des Peter Pan, gefangen in ihrer Freiheit; in dem aus einem menschlichen Körper Äste sprießen, die Kahl bleiben; in dem eine groteske Crew ein Schiff bemannt, das sich nicht von der Stelle bewegt. Ein Xylophon ertönt zu Beginn, ätherisch schweben magische Klänge durch die nächtliche Traumwelt und begleiten den nach einem Unglück angespülten Edgar, den in seinem Freiheitsbunker eingegrabenen Kruso und all die anderen Nichtpassenden dieser wahn- und irrwitzigen Halbwelt.

Anja Schneider gibt die Titelfigur als dauerangespanntes Nervenbündel, als Verkörperung der Perversion von Freiheit, die darin besteht, dass man nicht weg kann, deren Preis ist, sich selbst einzusperren. Ihr Kruso ist eine Träumerin im Ausnahmezustand, die an ihren Gitterstäben zerrt und sie gleichzeitig immer weiter verstärkt und für die die tatsächliche Freiheit, wenn sie kommt, ein Trugbild ist, eine Bedrohung, ein Angriff auf ihren kleinen, überschaubaren Schutzraum. Ed, mit großen Augen, scheuem Blick und verletzt wie verletzlich, einem angeschlagenen Boxer gleich, der nicht aufgeben will oder kann, gespielt von Florian Steffens, ist der Erzähler, der, das wird im Prolog vor dem Eisernen Vorhang ebenso deutlich wie im kurzen Epilog in einer leeren Welt am Schluss, halb Erinnerer, halb Träumender ist. Er stolpert sich durch diese Welt, die er erträumt, vielleicht auch erfindet, einen Märchenwald des Unmöglichen. Wunderbare Bilder entstehen, Tableaux vivants, mal satirisch, mal utopisch, Gruppenbilder gesellschaftlicher alternativen, die sogleich zu ihrer eigenen Karikatur erstarren, weil sie, um möglich zu werden, die Wirklichkeit verleugnen müssen. Hinzu kommt die Sprache: hingetupft, oft Satzenden vergessend, ein herein- und herauswehender Traum, unfertig, offen, Zwischenräume ermöglichend.

Es ist ein bildmächtiger Abend, den Armin Petras in diesen knapp drei Stunden auf die Bühne, ja, das Wort muss erlaubt sein, zaubert. Federleicht wie ein Traumgespinst, zeichnet er eine welt, die es so wohl nie gab, voller Witz, Leichtigkeit, Wärme und Traurigkeit. Wenn Berndt Stübner, der schon 1989 auf der Leipziger Bühne stand, als Ferienheim-Direktor  sich den drohenden Geschhützen der Grenzer-Boote entgegenstellt und still Brechts „Lob des Kommunismus“ rezitiert, wenn er, der anständig Gebliebene, sich am Ende in den politischen Fangstricken verheddert und brüllt wie ein verendenden Tier, das man sich aus der Welt zu schaffen sucht, ist das herzzerreißend und plötzlich ganz nah an einer Wirklichkeit, die Wunden geschlagen hat, die bis heute nicht verheilt sind. Und sie finden ihr Pendant in der erschütternd komischen und zwerchfellbewegend traurigen Szene, in der Ed und Kruso, verkleidet als Senf- und Ketchup-Tuben, sich der neuen Zeit entgegenstellen und letztere(r) wie ein verzweifelt tollpatschiger und heroisch scheiternder Don Quixote untergeht. Da schmerzt der Bauch vom Lachen und bleibt kein Auge trocken. Ein einsames Schlagzeug trommelt einen neuen Takt, die Traumwelt verschwindet, die Fäden drohen zu zerreißen.

Am Ende steht Ed allein da, ein Vergessener, am Ende einer Welt und einer Zeit, von der wohl auch er nicht so recht weiß, ob es sie je gab. Und die doch in ihrer trotzigen Verspieltheit, ihrer zornigen Unschuld und ihrem phantasiegetränkten Optimismus realer, substanzieller, lebensvoller erscheint, als die trockenen Nachrichten, die sich von „draußen“ hineinkämpfen und sie hinfort spülen. Eine wehmütige Erinnerung, ein heiterer Abschied und ein Appell an die Kraft der Kreativität, die Freiheit findet, wo sie am gefährlichsten ist: in Kopf und Herz. Zu denen dieser Bühnentraum spricht. Laut und deutlich.

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