„God only knows…“

René Pollesch: Dark Star, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Man will ja nicht, dass das zu Ende geht, und eigentlich ist ein Ende auch gar nicht vorgesehen in diesem 25 Jahre anhaltenden Experiment namens Frank Castorfs Volksbühne, in diesem Theater, das Anfang und Ende auf den Müllhaufen geworfen hat, vom Immer-Weiter lebt, den (Theater-)Raum aufgefächsert, erweitert, zersplittert hat und der linearen Zeit sein 1992 den Kampf ansagt. Da gibt es natürlich keinen Schlusspunkt, wie er Castorfs Faust-Abend sein sollte. Nein, nicht nur hat der Hausherr selbst noch eine Art Zugabe nachgelegt, sondern er lässt den wirklich letzten Auftritt dem langjährigen Mitstreiter René Pollesch, der mit Dark Star den dritten Teil seines „Volksbühnen-Diskurses“ vorlegt, der zunächst gar nicht kommen sollte, dann doch und nun sich nicht als Teil der Serie bekennt, die er, und das macht die einleitende Diskussion über die Serie, entnommen den ersten beiden Teilen, klar, genau dies ist. Und eben auch nicht. Das Lineare, das Serielle, das Erwartbare – sie hatten an diesem Haus nie etwas zu suchen. Apropos erwartbar. Das überraschendste an diesem allerletzten Premierenabend ist: Er hat so etwas wie eine Geschichte. Eine Geschichte! Bei Pollesch!

Bild: Sascha Krieger

Noch einmal sind sie da, die drei Amigos in ihren roten Strampelanzügen und Cowboy-Hüten, reinkarniert als Besatzung eines Raumschiffes, dessen gläserne Kapsel, Martin Wuttke beherbergend, zu Beginn friedlich auf der Bühne kreist. „God Only Knows“ von den Beach Boys erklingt, während Milan Peschel von fern winkt und sich langsam nähert. Dann surft Trystan Pütter heran, auf dem Surbrett durch das Bert Neumannsche Bühnenrund schwebend zu den Klängen der „Good Vibrations“. Wortlos ist diese Eingangsviertelstunde, pures, spielerisch selbstverliebtes, poetisch albernes Theaterglück. Das darf nicht so bleiben und so setzen die drei Raumfahrer bald zum Reden an. Und hören – wir sind bei Pollesch – auch nicht wieder auf. Der Holzkasten, der sich erhebt und der Unterbau ist der winzigen Raumschiffkapsel, entpuppt sich als ambivalent. Ein Raumschiff, klar, aber auch ein Bombencontainer. Denn die Mission, auf der die drei sind, ist eine zerstörerische. Als „Bombe“ oder „Granate“ beschreiben sie sich selbst und schon sind wir mitten drin in der finalen Bestandsaufnahme eines zu Ende gehenden Experiments.

Dass es hier um die Volksbühne geht, um den Zeiten- und Paradigmenwechsel, der ihr bevorsteht, das Gefühl einer Abschaffung, Entsorgung, einer bevorstehenden Leere, ist klar, verbirgt sich aber zu nächst unter wilden, zum teil sehr ermüdenden (aber das sollen sie ja auch) Diskursschleifen. Mit Diedrich Diederichsen wird über das Verschwinden des Außen theoretisiert – auch wenn man gerade im Innen (des Containers) verschwindet. Die kalifornische Hippie-Utopie, das mit dem Drang nach Westen verbundene Freiheit (Beach Boys!) wird kurzgeschlossen mit der digitalen Revolution, die alles Wissen zugänglich macht, jeden zum Insider werden lässt und den Blick von außen abschafft. Weil, jede mögliche Perspektive umsetzbar ist, man alles sehen und bewerten kann, die rätselhafte Faszination, von draußen auf den blauen Planeten zu blicken, längst verschwunden ist. Und weil der Blick stattdessen auf das eigene Innen (oder zumindest das damit verwechselte persönliche Außen) geht. Wo man am Rande angekommen ist, schwappt die welle zurück, richtet sich der Expansionsdrang nach innen.

In die Selbstreflexion und schon sind wir wirklich mittendrin in den letzten Atemzügen dieses Hauses. Und dem Zerstörungsthema. Denn: „Das ist doch einfach die letzte verschissene Premiere!“, klagt Wuttke. Und Peschel fügt, Seitenhieb auf die bislang bekannten Dercon-Pläne, hinzu: „Auf Jahre!“ „Die Zerstörung der Welt (…) ist doch vielleicht interessanter als die Erschaffung einer Welt“, fragt Wuttke sich (und uns). „Das Außen ist (…) vorbei, geschluckt von der Erfüllung.“ Was aber wird hier zerstört, was verschwindet in dem schwarzen Loch, dem die drei entgegenreisen? Erhaltens- oder nur Erinnernswertes? Heißt die Erfüllung, von der die Rede ist, dass es Zeit ist zu schauen, ob auch dem Nichts nicht vielleicht doch Neues zu entstehen vermag? Oder ist das von Peschel trotzig immer wieder eingeworfene „Ost“, noch das Dach des Hauses als rotziges Wiederstandspartikelchen krönen, ein widerständiges Alternativchen zum sein Ende erreicht habenden, gen „Westen“ gerichteten Expansionsdrang, von dem der Abend erzählt, der irgendwann so stark wurde, dass er implodierte? „Es gibt ja eine direkte Linie von der Manson Family zu Facebook“, behauptet Wuttke.

„Wie geht denn das hier los?“, lautet die Eingangsfrage und sie bleibt unbeantwortet. Geht hier etwas los oder irgendwo hin oder zumindest ab? „Warum gehen wir nicht einfach?“ Ja, warum eigentlich nicht? Aber wohin? „Wir brauchen keinen neuen Raum“, heißt es gegen Ende. Und: „Es gibt kein Danach.“ Also noch einmal „Good Vibrations“ und eine letzte Runde auf dem Surfboard. Sie bleiben offen, die Fragen, in denen sich dieser Abend verheddert, die einander in den Rücken fallen, während sie übereinander stolpern. Die immer wieder abgewürgt werden von der „Mutter“ (Christine Groß), Diskurskontrollinstanz des Raumschiffs. „Aus meinem Mund kommt immer der falsche Text“, bemerken sie alle drei. Längst haben sie die Kontrolle verloren über den eigenen Diskurs, hat sich selbiger verselbständigt. Hat leere Routine übernommen? Oder ist es Zeit für eine Selbstermächtigung? Wer spricht, wer schreibt hier? In einem Universum, in dem Hunde „Deine Katze“ heißen, ist die Sinnfrage vielleicht nicht mehr angemessen – die Angst vor der Fremdbestimmung aber ebenso. Sie bleibt ungelöst.

Ein letztes Mal hebt es ab, das Raumschiff Volksbühne, verfliegt sich, mäandert herum in unendlichen Diskursweiten, bleibt hängen zwischen Hawaiihemd und Raumanzug (einen Zwitter aus beidem tragen die drei im zweiten Teil) und reibt sich auf in Sinnfragen, schnell merkend, dass die simplen Antworten keine Befriedigung bringen. Natürlich ist der Abend ein letztes Abschiedswinken, eine finaler Stachel im vermeintlichen Konsensfleisch dessen, was kommt – aber auch ratlos, nicht wissend um das, was kommt und – wichtiger – was kommen sollte. Ist der eigene Kurs richtig und der künftige wirklich wertlos? Ist das überhaupt die richtige Frage? Am Ende fliegt es ins Nirgendwo. Sitzen wir noch drinnen oder sind wir längst ausgestiegen? Und ist diese Frage zulässig? God only knows. Vielleicht.

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Ein Gedanke zu „„God only knows…“

  1. […] so ist es nur angemessen, dass ganz am Ende Elisabeth Zumpe (wie Tina Pfurr nur wenige Tage später in der tatsächlich letzten Premiere) noch einen großen Auftritt hat. Nicht ganz freiwillig: Zwei Tage vor der Premiere fiel Henrik […]

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