Puzzlespieler

Theatertreffen der Jugend 2017 – TWAILAIT, EchtEinstein – Theater AG der Albert-Einstein-Schule Groß-Bieberau

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mal mit einem Schrei nach Mitleid: Als Theaterrezensent hat man es ja nicht immer leicht. Nicht nur muss man beim Schlussapplaus darauf achten, möchlicst neutral und objektiv zu erscheinen, man sollte sich auch während der Aufführung zurückhalten mit emotionalen Bekundungen jeglicher Art. Das ist schwer genug, doch gibt es dann immer wieder Abende, die den Kritiker an die Grenze seiner Belastbarkeit bringen. Das sind jene, in denen die schizophrene Ebene des Rezensentenwesens zum Tragen kommt, sich der Zuschauer und der Kritiker in besagtem Rezensentenwesen (dieses entschuldigt sich schon einmal für das grauenvolle Wortspiel) in herzlicher Feindseligkeit gegenüberstehen, ein Konflikt, der sich mitunter nur lösen lässt, in dem die eine Seite der anderen den Mund verbietet. TWAILAIT, eine Schultheaterproduktion aus dem hessischen Groß-Bieberau, ist so ein Fall, in dem kritischer Blick und Zuschauerreaktion nicht zusammenpassen. Und in dem – zumindest im Fall des hier Schreibenden – der innere Zuschauer dem nörgelnden Kritiker irgendwann sagt: Gib Ruhe! Und letzter, zähneknirschend einknickt. Aus diesem Grunde ist dies hier vielleicht auch keine Rezension und selbiges womöglich auch nicht wichtig. Und so folgt jetzt ein Satz, den dieser Rezensent so wohl noch nie in einer Besprechung geschrieben hat: Ich hatte Spaß!

Bild: Olaf Mönch

TWAILAIT  basiert, so man das so ausdrücken möchte, auf der unverschämt populären Jugendbuch- und -filmreihe Twilight. Darin verliebt sich eine Highschool-Schülerin in einen Vampir (ein Werwolf ist Nebenbuhler). End of Story. Oder nicht? denn war das Buch aus der Hand gelegt und der Film zuende, begann für eine ganze Generation Jugendlicher, vor allem Mädchen, die Twilight-Faszination erst. Der rätselhaft verführerische Edward, selbstloser Held  und kompromissloser Beschützer, fremd, mysteriös, tauglich als Projektionsfläche für jedes denkbare Traumgespinst, wurde zur Folie für den Traummann schlechthin. Und wer mit dem blassen halb abwesenden Fantasiewesen weniger anfangen konnte, für den gab es den virilen, muskelbepackten, animalischen und doch nicht minder noblen Jacob. Ein Rollenbild, das jeder Feministin (und jedem Feministen dazu) Magenkrämpfe verschaffte. Wäre das nicht Bella, die auch eher blasse, hagere Protagonistin, die sich bei aller Anhimmelung des Begehrten als überraschend eigensinnig, selbstbewusst, von starkem Willen erfüllt erwies. Am Ende war sie es, die die Entscheidungen traf, die Geschichte in die Richtung leitete, die sie wollte.Und so avancierte auch sie zum Rollenmodell einer widersprüchlichen Generation: hier der Wunsch nach dem strahlenden Held, dort jener, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen.

Womit wir – endlich und viel zu spät – beim Stück wären. Sieben Mädchen und zwei Jungen nehmen sich die Geschichte vor. Im Mittelpunkt steht ein Twilight-Puzzle, das eine Spielerin vor dem Publikum ausschüttet. Wie ein solches setzt man darauf hin die Geschichte zusammen. Mit schreiend komischen Pantomimen, in denen ein Erzähler Szenen der Filme referiert und die Spieler*innen diese mit herrlich grotesker bis alberner Lust nachspielen. Und mit Szenenlesungen, bei denen je zwei Spieler*innen im Sitzen Dialoge vorlesen – meist mit möglichst monotoner Stimme und Unverständnis in sich tragender Ausdruckslosigkeit. Das nimmt dem Überwältigungspathos der zum nicht ungefährlichen Idealbild jegliche Macht und befreit zu einem klareren, kritischeren Blick. Auf sich selbst, die eigenen Wünsche und Träume. Und zu einem Versuch Licht in das Zwielicht zu bringen, das man gemeinhin Jungsein nennt, die Zeit, in der sich die eigene Identität erst langsam zusammensetzen muss – wie ein Puzzle.

Also ballt man sich vor der Live-Video-Kamera, setzt sich in Szene, erzählt kollektiv vom ersten Kuss, geht monologisch die eigene Liebesgeschichte durch, erzählt sich von den eigenen, oft noch embryonalen Wünschen, misst sich mit dem anderen (vor allem die Jungen natürlich) und imaginiert sich hinein in die Heldenrollen der Twilight-reihe, sucht sich eine passende Identität, die vielleicht auf die eigene gerade erst entstehende Realität abzufärben vermag. Das geschieht mit einer Leichtigkeit, einer Selbstironie (die vor allem die beiden Jungen auszeichnet), und einem Mut zur Albernheit, die auch den hartgesottenen Theaterveteranen begeistert. Wenn Leo immer wieder versucht zu fliegen, hat das einen so wunderbar spielerischen melancholischen Witz zwischen Clownerie und Slapstick, zwischen Buster Keaton und Laurel & Hardy, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als vor Rührung herzhaft zu lachen. Dass das ganze Konstrukt dramaturgisch immer wieder knirscht, die Verbindung der Szenenfragmente arg verkrampft wird, sich vieles ohne großen theatralen Gewinn wiederholt, spielt irgendwann keine Rolle mehr.

Viel wichtiger ist die Neugier der Spieler*innen, die Lust, mit der sie ihr Puzzle zusammensetzen und wieder verstreuen, um neu zu beginnen, mit der sie sich selbst lächerlich machen, um sich Raum zu geben, sich neu zu (er)finden – und vor allem dem jugendlichen Publikum Mut zu machen, in ihrer eigenen Suche nicht vor vermeintlich sie der Lächerlichenkeit preisgebenden Sackgassen zurückzuscheuen. Uns Älteren macht so ein Abend Mut und weckt zugleich den eigenen Spieltrieb. Vielleicht möchte man nicht Edward oder Bella sein, aber womöglich Berzan  oder Hanna Bartels, Marisol oder Zoe, Leo oder Sophie. Oder eine der anderen. Und womöglich, so meldet sich der Kritiker ganz am Ende doch noch, macht das diesen zu kurzen Abend dann doch zu ziemlich gutem Theater. .

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