Die Mechanik des Hasses

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Balljugend-Club am Jungen Schauspiel Hannover *

Von Sascha Krieger

Dass es des „Fremden“ gar nicht bedarf, um es/ihn/sie zu hassen, ist keine ganz neue Erkenntnis. Dass etwa der so genannte „Fremdenhass“ nicht zuletzt dort blüht, wo es kaum Migrant*innen oder Menschen mit dem, was man als „Migrationshintergrund“ vereinfacht, gibt, ist ein Phänomen, dass in Deutschland bereits seit den frühen 1990er-Jahren diskutiert wird – oder eben auch nicht. Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher, 1968 uraufgeführt, ein Jahr später sein Durchbruch als Filmemacher, ist eine der frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der hässlichen Fratze eines Landes, das lange von sich behauptete, selbige hinter sich gelassen zu haben. Darin treffen gelangweilte Jugendliche in einer ungenannten Provinzstadt, an der Engstirnigkeit ihrer Welt verzwergt, auf einen dieser „Fremden“, einen, der ihnen als fleischgewordene Alternative Angst macht, ihnen die eigentliche Unzulänglichkeit vor Augen hält und zugleich als Auszuschließender der augenwischenden Selbstvergewisserung dient.

Bild: Silke Janssen

So lange da jemand ist, von dem man behaupten kann, dass er unter einem stünde, muss man sich der eigenen Leere nicht stellen. Dafür braucht es diesen „Fremden“ gar nicht als Individuum, vielmehr stört er als solches nur. Viel nützlicher ist er als Konzept, als Projektion dessen, von dem man sich abzugrenzen sucht. Je weniger real er ist, desto besser funktioniert der Hass auf ihn. So ist es zunehmend Mode geworden, diesen Jorgos, griechischer „Gastarbeiter“ und Folie für die halbverdrängten Minderheitskomplexe der Angehörigen vermeintlicher „Mehrheitsgesellschaft“, gar nicht mehr auftreten zu lassen. Das war kürzlich bereits am Jungen DT der Fall und auch am Jungen Schauspiel Hannover ist er die raumfüllende Leerstelle. Wird er adressiert, blicken die neun jugendlichen Spieler*innen ins Publikum. Und lassen offen, ob dieses ein kollektiver Jorgos ist – oder sie selbst spiegelt, eine Entscheidung, die dem Zuschauer obliegt und die sich vielleicht am besten mit einen „Sowohl als auch“ beantworten lässt.

Dabei wäre das Spiegelbild wahrlich kein schmeichelhaftes. Regisseur Paul Schwesig und das neunköpfige Ensemble haben den Text drastisch reduziert. Geblieben sind einzelne Sätze, die in unendlich erscheinenden Wiederholungen immer und immer wieder durchgekaut, ausgespuckt, neugeformt werden. Veränderte Nuancen im Ausdruck führen zu Bedeutungsverschiebungen, die am Ende das Gesprochene in sich zusammenfallen lassen. Sinnentleert purzeln die Phrasen zu Boden, bis sie jemand wieder aufsammelt, recycelt, entindividualisiert, entmenschlicht. So mechanisch wie die Sprache sind auch die Figuren. Die knallbunten Hemden und Blusen trügen, die einheitlich weißgeschminkten, an die Maskenhaftigkeit asiatischer Theaterformen erinnernden Gesichter weniger. Nicht einmal ihre Worte gehören ihnen. Vorher eingesprochen ertönen sie mit grotesk verzerrter Stimme aus dem Off, während die Darsteller*innen nur noch ihre Lippen zu ihnen bewegen. Puppenhaft stehen sie erstarrt allein oder in Gruppen herum in einer Mischung aus Arbeitsamt-Wartezimmer und Klassenraum und sind dabei nicht lebendiger als das Geräusch der Kreide auf der Tafel, die Musik-Loops oder die willkürlich erscheinenden und immer gleichen Szenenabbrüche.

Alles in dieser Welt, die Gedanken, die Worte, die Geräusche, die Ablenkungen, ist tote Materie, eingefahrene Routine, längst von allem Lebendigen abgetrennter Automatismus. Das eingezwängte Denken, das sich im Hass entäußert, die engstirnige Intoleranz, die Ausgrenzung des auch nur geringfügig Abweisenden erscheinen nicht als Ausdruck eigenständiger Meinungsbildung, sondern als Ergebnisse einer konsequenten Selbsteinmauerung, die aus dem pulsierenden Fleisch und Blut zu Stein erstarrte Roboter gemacht hat, die nur noch einen Reflex auf alle Umgebungsveränderungen im Repertoire haben. Wer sich auf Ausgrenzung und Hass zurückzieht, das als anders Empfundene ablehnt, wer nur das „Eigene“ als zulässig ansieht, lässt, so erzählt dieser Abend mit erstaunlicher und bestürzender Konsequenz, nicht nur die eigene Welt ganz klein werden, sondern schnürt sich selbst die Lebensader ab, bis er zombiehaft mit nur noch einem Ziel, einem Gedankenrest, einer Bewegung durch die Welt stolpert. Eine Konsequenz, die dem Enseble selbst Angst zu machen scheint. Anders ist der ein wenig enttäuschende Schluss , der die Stringenz des Vorausgehenden ein wenig aufweicht, der einen Silberstreif sucht, wo keiner zu finden ist und ein wenig an der zuvor aufgebauten Konstruktion sägt, nicht zu erklären. Eine kleine, sehr verständliche Schwäche, die auch mit der düsteren Erkenntnis dieses Abends zu tun hat. Denn zu treffen sind die Automaten der Missgunst, die er ausstellt, jeden Montag in Dresden oder in den ähnlich automatisierten Untiefen sozialer Medien. Und vielleicht auch irgendwo ganz tief in uns. Lassen wir sie nicht die Oberhand gewinnen.

*Rezension auf Basis einer Videoaufzeichnung

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