Hitlergruß und Zeigefinger

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Peter Weiß, „Die Ermittlung“: Das bin ich nicht, Theater-AG der 12. Klasse der Waldorfschule Freiburg-Rieselfeld

Von Sascha Krieger

Die stärkste Szene des Abends findet sich an seinem Anfang, noch während das Publikum seine Plätze sucht. Drei kleine Kinder und ein größeres Mädchen tollen über die Bühne, schaukeln ausgelassen oder spielen Verstecken, klein leichtes Unterfangen auf der fast leeren Bühne. Im Hintergrund spielt ein weiteres Mädchen sanft auf der Gitarre. Eine Idylle, vor allem aber ein echtes, unmittelbares Stück Leben, spontan, lustvoll, unbeschwert, alltäglich. Welch ein Kontrast zu dem, was folgen wird in diesen für eine Schultheateraufführung nahezu epischen fast zwei Stunden. Denn Das bin ich nicht basiert auf einem der wegweisendsten deutschsprachigen Theatertexte des vergangenen Jahrhunderts, Die Ermittlung von Peter Weiss. Damit setzte der Schriftsteller nicht nur das Dokumentartheater  auf the theatrale Landkarte, sondern zwang dem Theater eine politische Relevanz auf, die es zuvor vor allem versucht war zu vermeiden. Basierend auf dem ersten Auschwitz-Prozess von  1963 bis 1965 führt das Stück Zeugenberichte und Täterausflüchte zusammen, wuchtet die Shoah auf die Theaterbühne, stellt, erzwingt die Frage nach Schuld und Verantwortung. Starker Tobak für eine Schul-Theater-AG.

Bild: Elena Stenzel

Der sich das 23-köpfige Ensemble, und das muss man ihm zugute halten, stellt. Mit reichlich Ernsthaftigkeit spielt es die Gerichtsszenen durch. Zwei Holzbänke flankieren die Bühne, links die Ankläger, rechts die Verteidigung. Die Angeklagten sitzen meist auf einem rollbaren Gerüst. Dieses ist – und hier fängt das Problem des Abends an – „verziert“ mit Transparenten, die man von Pegida kennt. „Lügenpresse“ steht da und „Wir sind das Volk“. Wutbürgerparolen vermischen sich mit Goebbels‘ Sportpalast-Rede (der vom „totalen Krieg“), Hitlergrüße sind zu sehen, im Publikum stehen wiederholt Spieler*innen auf, um hasserfüllte Facebook-Posts vorzulesen. Die Menschenverachtung, von der Weiss‘ Text spricht, die radikale Entmenschlichung derer, die das eigene Leben so weit über das anderer stellen, dass sie letztere vollkommen zu entwerten bereit sind, ist kein Ding der Vergangenheit. Es gibt sie wieder oder besser immer noch, täglich in den Weiten des Internets ab- und aufrufbar, die Erben einer Vernichtungsideologie, die mit der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 nicht untergegangen ist. Peter Weiss wusste das und auch wir sollten das längst wieder bemerkt haben. Von Aufrufen, geflüchtete Menschen zu vergasen bis zur Rampe von Auschwitz ist es ein kleinerer Schritt, als wir gern wahrhaben möchten.

Und noch etwas hat sich nicht geändert: die Ausflüchte. Da führen das „Ich habe nur meine Pflicht getan“, „Wir haben streng die Vorschriften befolgt“, „Ich habe niemanden getötet“ direkt zum „Ich bin kein Rassist“, so etwas wie das Mantra des Abends, auf das sich auch der Titel bezieht, unerträglich viele Male wiederkehrend. Die Täter – in schwarze T-Shirts gekleidet (!), sitzen bequem und sicher, die Zeugen und Opfer tragen meist weiße Unterhemden, was sie nicht nur unschuldiger, sondern auch verletztlicher erscheinen lässt, und sind verloren in der Bühnenweite. Zuweilen nutzen sie die Schaukel als Halt, die dann doch schnell zur Erinnerung an die Folterinstrumente wird, mit denen sie einst gequält wurden. Das ist alles ebenso sinnig wie plakativ, was bei einem Stück wie Die Ermittlung zunächst nicht illegitim ist. Es ist aber auch, und hier liegt die Krux des Abends, von enervierender und anstrengender (nicht im positiven Sinn) Trockenheit.

Mit heiligem Ernst pflügt man sich von Grauen zu Grauen, wobei die Opfer sich in Skizzen sich einfühlenden Spiels versuchen, die beteiligten Zeugen dagegen gern in mitunter albern wirkende eskapistische Miniaturen flüchten. Der Verteidiger ist aasig gelangweilt, die Ankläger*innen verbissen, die Angeklagten überheblich feindselig. Die Facebook-Texte, die – buchstäblich – aus der Mitte der Gesellschaft (heißt: Publikum) kommen werden in mechanisch wirkenden Abständen eingefügt, immer dann, wenn das Publikum vergessen könnte, dass das natürlich alles mit unserer Gegenwart zu tun hat. So aber wird Weiss‘ Text zum puren Mittel, den Rassismus und „Fremden“-Hass unserer Zeit als angemessen ernst und bedrohlich einzuordnen, und verliert damit viel von seiner Kraft. Gleichzeitig wird aus dem Gegenwärtigen – den Facebook-Posts, einer müden Wutrede gegen die geistige Einmauerung des „durchschnittlichen Deutschen“ und seltsam gestelzter Dialogfragmente über die Politikverdrossenheit bis hin zur albernen Parodie einer selbstverliebten Proll-Tussi, die ja nicht rassistisch sei, aber… – eine allzu wohlfeile Verlängerung der Nazi-Gräuel, nicht ohne ein paar Erklärungs-, nein Entschuldigungsversuche der ach so vergessenen Menschen „da unten“ einzustreuen. Man kennt das.

Statt einander zu verstärken, neutralisieren sich Heute und Gestern in den viel zu langen mehr als 100 Minuten zusehends. Auch weil keine dramaturgische Entwicklung zu spüren ist. Die Abfolge Gerichtssaal – Hassposts – Gerichtssaal ist die immer gleiche, ebenso regelmäßig „durchbrochen“ von zusätzlichen Gegenwartseinsprengseln, die an platter Eindimensionalität nicht zu wünschen offen lassen. Bald wird der Abend zum Klischeefest, zieht er die Ebene der heute Hassenden doch schnell heraus aus der Gesellschaftsmitte, der sich das Publikum zugehörig fühlen könnte. Stattdessen wird sie bei denen „da unten“ verortet, mit denen „wir“ ja eigentlich nichts zu tun haben. Und dann passiert etwas Erschreckendes: Die Versatzstückhaftigkeit, der ständig erhobene Zeigefinger, die Auseinandersetzung mit der „neuen“ Rassismus-Welle auf dem Reflexionsniveau einer Boulevardzeitung bauen Distanz auf. Und plötzlich sind die Mordaufrufe ebenso weit weg wie die Erzählungen ermordeter Kinder, zu Tode gequälter Menschen, industriell durchgeführter Massenmorde. Schlimmer noch: Mit zunehmender Dauer lässt das zu Hörende zunehmend kalt, gerät es an den Rand von Betroffenheitspornografie, die verpufft, weil sie nur noch nacherzählt wird. Am Ende stehen die Spieler*innen in einer Reihe und rezitieren chorisch Matthias Claudius‘ Kriegslied. Da hat der Duktus einer drögen Geschichtsstunde, von der nichts hängen bleiben wird, längst gewonnen, der zweistündige Frontalunterricht das Denken eingeschläfert. Die Unschuld des Anfangs ist lange verflogen. Seine Ehrlichkeit leider auch.

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