In die Fresse

Theatertreffen der Jugend 2017 – Nach Mutlu Ergün-Hamaz: Sesperado – Revolution of Color,  akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße, Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn die akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße beim Theatertreffen der Jugend zu Gast sind, geht es offenbar nicht ohne Reibung. 2016 entspann sich ein handfester Skandal aus der Präsentation einer Aachener Schülergruppe bei der Festivaleröffnung, durch die sich die anwesenenden Vertreter des postmigrantischen Berliner Ensemblen rassistisch angegriffen fühlten – nicht zu unrecht. Wer darauf hoffte, dass die Anwesenheit der aktiv auf den grassierenden Alltagsrassismus in Deutschland hinweisenden Gruppe ein Jahr später ohne Zwischenfälle bleiben würde, sah sich am Ende des Schlussapplauses ihres Auftritts getäusch. Da erhob sich eine junge Zuschauer und behauptete, Tränen in den Augen, sich lange nicht mehr als Weiße so beleidigt gefühlt zu haben. Die Fassungslosigkeit ist den Gesichtern nicht nur der Spieler*innen, sondern auch großen Teilen des Publikums (von ein paar irregeleiteten Klatschern abgesehen) sprach Bände. Und – ebenso wie der meist begeisterte Applaus – von Hoffnung, dass der um sich zu greifen scheinende Reflex, jedes Einklagen von Minderheitenrechten als Angriff auf die vermeintliche Mehrheit missverstehen zu wollen, nicht unwidersprochen bleiben wird.

Bild: Ute Langkafel / Maifoto

Dabei sollte das, was die meist mit dem, was man einen Migrationshintergrund zu nennen pflegt, ausgestatteten jungen Spieler*innen, hier thematisiert haben, Konsens sein müsste: der Widerstand gegen rassistische Vorurteile, gegen die Ungleichbehandlung von Menschen mit „deutsch“ und jenen mit „ausländisch“ klingenden Namen, die Abgrenzung, die sich schon in so unschuldig anmuten wollenden Fragen wie dem unseligen „Wo kommst du her?“ kaum verbirgt. Basierend auf einem satirischen Roman von Mutlu Ergün-Hamaz erszählt Sessperado die Geschichte der Titelfigur, eines sich selbstermächtigenden Kämpfers für die „Revolution of Color“, den Widerstand „Nichtweißer“ gegen die Selbstverständlichkeit ihrer Ungleichbehandlung. In ihrer Fassung sind es übrigens vor allem Frauen (auch Sesperado wird von einer Spielerin verkörpert), also eine doppelte „Minderheit“, die den Kampf führen, erweitert der Abend sein Thema um das Empowerment migrantischer und postmigrantischer Frauen in einer weißen Männerwelt.

Dabei zielt der Abend auf eine comic-ähnliche Darstellung. Die „Biodeutschen“ sind dumm-arrogante groteske Überzeichnungen gängiger Klischees: die Dame vom Amt, die den „Türkischstämmigen“ als lästigen Bittsteller abtut, die Casting-Direktorin, die „türkische“ Schauspieler nur als Drogenhändler besetzt und von ihnen einen schön grammatisch rudimentären Klischeeakzent fordert, die empathische Deutsche, die in ihrer Begeisterung für das vermeintlich Fremde rassistische Stereotype auf beinahe hysterische Weise reproduziert. Nein, der „weiße“ Deutsche kommt in seinem Zerrbild hier nicht gut weg. Soll er auch nicht. Es geht nicht um eine realistische Darstellung der Realität sonder eine pointierte Auseinandersetzung mit der Erfahrung von People of Color in einem Land, in dem sie nie anders wahrgenommen werden denn als „Minderheit“, was immer auch heißt: nicht so recht dazugehörig. Da darf man auch ein wenig auf die sprichwörtliche Kacke hauen und dem wohlwollenden Mehrheisblick theatral in die Fresse schlagen –  die anschließende Reaktion zeigt, wie wirkungsvoll die Konfrontation mit dem so gern Verdrängten sein kann. Wer sich angegriffen fühlt, kann nicht behaupten, das habe nichts mit ihm oder ihr zu tun. Das ist schon mal ein Anfang.

Was es leider nicht ist, ist besonders gutes Theater. In seinem Durcheinander aus Erzählpassagen, plakativ überzeichneten satirischen und eher blutarm realistischen Spielszenen und jeder Menge Theorie- und Diskursfetzen, die selten über die Ebene des Namedropping hinausgehen, der Klischeelastigkeit (Hip Hop als vermeintlicher Ausdruck postmigrantischer Lebenserfahrung) und der 80-minütigen eindimensionalen Monothematik ist Sesperado eher gespieltes Pamphlet als theatrale Auseinandersetzung mit einem zweifellos wichtigen, ja für die Realität und Zukunft einer sich als offen begreifen wollenden Gesellschaft essenziellen Thema. Die zugegeben durchaus Spaß machen kann. Vor allem die satirischen Szenen – allen voran das wunderbare Vorspiel bei der verknöcherten Casting-Dame! – provozieren immer wieder nicht zu bändigenden Lachanfälle und auch Yusuf Çelik als zunächst unpolitischer, sexliebender angehender Schauspieler, dem der Abend als einzigem eine Art Entwicklung erlaubt, bleibt positiv im Gedächtnis, als durch sein Leben tapsender und so langsam zu einer Art geistiger Emanzipation findender o8/15-Jugendlicher wie du, ich und sie. Am Anfang und am Ende stehen die Spieler*innen hinter einer semitransparenten Wand, Schatten zunächst, keine Gesichter zu den Namen. Dann schieben sie die Wand weg, blicken selbstbewusst ins Publikum, fordern uns heraus. Nein, sie werden sich weggehen, aus unserem Blick verschwinden, bis wir aufhören, auf sie mit einem anderen Blick zu blicken als auf die, die „wir“ für „uns“ halten. Und das ist auch verdammt gut so.

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