Klangliche Ränder

Riccardo Muti dirigiert das Konzert zum 40-jährigen Jubiläum von Anne-Sophie Mutter bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Vierzig Jahre ist es her, da stellte Herbert von Karajan den Besucher*innen seiner Salzburger Pfingstkonzerte mit den Berliner Philharmonikern eine dreizehnjährige badische Geigerin vor: Anne-Sophie Mutter. Einige Monate später gastierte sie erstmals mit Orchester und Dirigent an deren Berliner Heimstätte. Bis zu seinem Tod würde der Maestro mit einer Ausnahme keinen andere Violinsolisten (oder Violinsolistin) mehr zu Konzerten mit „seinem“ Orchester einladen. Karajan und die Berliner Philharmoniker waren der Ausgangspunkt einer Weltkarriere, deren Ende für die Mittfünfzigerin noch lange nicht abzusehen ist. Ein besonderes Jubiläum, das ein besonderes Konzert verdient. Da Karajan nicht mehr zur Verfügung steht, übernimmt der Italiener Riccardo Muti das Dirigat. 1971 hatte Karajan den gerade 30-Jährigen zu den Salzburger Festspielen eingeladen, ein Jahr später dirigierte er zum ersten Mal die „Berliner“. Viel Philharmoniker-Geschichte auf einem Podium. Nun soll ein solches Jubiläumskonzert natürlich glänzen, den Star ins rechte Licht rücken, das Publikum zu stehenden Ovationen verführen. Peter Tschaikowskis einziges Violinkonzert, ein leidenschaftliches, hochromantisches Werk zwischen faszinierender Gesanglichkeit und höchstem Virtuosentum, erscheint da perfekt geeignet, kann es doch die technische Meisterschaft Mutters ebenso zeigen wie ihren einzigartigen klaren singenden Ton.

Riccardo Muti (Bild: Todd Rosenberg)

Nur ist Anne-Sophie Mutter keine Künstlerin, die das museale, routinierte liebt. Und so überrascht ihr Tschaikowski vom ersten Takt an. Zunächst nicht ganz positiv: Recht dunkel der Ton, schwer der Strich, fast schleppend das Spiel, ein wenig breiig der Klang zu Beginn. Selbst eine Anne-Sophie Mutter muss erst hineinfinden in die hochemotionale Musik des stets mit seinen Dämonen – und der Welt – ringenden Russen. „Droht“ ihr Spiel ins Fließen zu geraten, bricht sie abrupt ab, setzt fast aggressiv Akzente und Brüche, variiert Tempi und Dynamik auf ähnlich extreme Weise wie das begleitende Orchester mit seiner Mischung aus schlank elegantem Klang und muskulösem Spiel. in der Mitte des Kopfsatzes gerät die musikalische Entwicklung beinahe zum Stillstand, Höhepunkt stetiger Abbremsbewegungen, die das ganze Konzert auszeichnen. Zuweilen gehen die dramatischen Pferde etwas mit dem Orchester durch, andere Mal taucht es komplett ab. Philharmoniker wie Solistin scheinen vor allem von einem getrieben: der Scheu vor dem Oberflächenglanz, die Angst, sich selbst in purem Schönklang zu langweilen. Weiter weg von Karajan könnten sie kaum sein. Und so jagt ein starker Kontrast den nächsten. Mutter findet schnell zur üblichen Klarheit und Konturenschärfe, ihre Selbstverständlichkeit, die gern auch mit Routine verwechselt wird, findet sie nicht.

Extreme Tempiwechsel bilden das Rückgrat einer ungewöhnlich zwerklüfteten Interpretation des romantischen „Klassikers“. Den lyrischen zweiten Satz singt Mutters Geige nicht, sie führt ihn stattdessen immer wieder in die Vorgebirge klanglicher Auslöschung. Das Decrescendo ist der Grundgestus dieses Satzes, ein um seine Vergeblichkeit wissender Kampf gegen das nichts. Das ist in seiner Stringenz und Mutters Konsequent durchaus zwingend. Anders das Finale. Hier findet die Gegenbewegung statt. Die Tempi sind streckenweise irrwitzig schnell, Mutters Spiel rasend und zuweilen hastig. Dabei überträgt sich die Energie weniger als wohl gewollt. Bei allem Gewusel sind die Brüche so stark und kreisen so wenig um eine spürbare Mitte, dass die Spannung, der dramatische Effekt oft größtenteils Behauptung bleibt. Der Vorteil: Anne-Sophie Mutter kann ihre technischen Fähigkeiten auf exemplarische Weise vorzeigen, durchstreift jeden Ausdrucksmodus, wechselt mit atemberaubender Schnelligkeit von energisch-sggressiver Härte zu zartester Lyrik und zurück. Als virtuoses Showcase ist dieser Tschaikowski überzeugend, als konsequente Lesart in seiner zerklüfteten Zerrissenheit, seiner fehlenden Mitte und seinem Verweilen an den Rändern von Ausdruck und Klang weniger. Die Angst vor dem leeren Schönklang lässt Solistin wie Orchester ins Gegenteil verfallen. Wie nah das bei Tschaikowski ist, bleibt dahingestellt.

Wenigstens bleibt Muti diesem Ansatz treu, wenn er sich nach der Pause der vierten Symphonie des gleichen Komponisten widmet, die er an den drei Vortagen bereits jeweils im Doppel mit Schuberts Vierter vorgestellt hat. Gewalttätig erscheint die Schicksalsfanfare zu Beginn, unerbittlich scharf und äußerst laut setzt sie den Ton für das Folgende. Entweder das Orchester spielt muskulös und massiv an der Grenze zur Auflösung oder es reduziert Klangbild und Lautstärke bis an den Rand der Auflösung. Dazwischen gibt es wenig. Zuweilen führt das zu fast magischen Momenten, etwa im Kopfsatz, wenn sich der Orchesterklang fragmentiert, nur um die Holzbläsersolos um so klarer und lebendiger strahlen zu lassen. Da trotzt neues Leben der Vergänglichkeit. Ansonsten entstehen Reibungen, die nicht immer irgendwo hinführen. So zerrissen Dynamik und Tempi gehandhabt werden, so kompakt und einheitlich ist oft das Klangbild. Das will nicht recht passen und erzeugt überraschend wenig Spannung. Wenn auch klanglich Auflösungsbewegungen und Unschärfe gewagt werden, etwa zu Beginn des Kopfsatzes oder im Kontrast immer fahler werdender Streicher und farbig lebhafter Holzbläser gegen dessen Ende, ist das durchaus stimmig. Nur leider bleiben das Einzelfälle. Meistens wird vor allem zerlegt, abgebremst, der romantische Fluss, der Tschaikowski eben auch auszeichnet, verhindert zu Gunsten existenzieller Zerrissenheit.

So schwankt der zweite Satz zwischen Brüchigkeit und Pathos, hat der dritte starke Intensität durch die Härte des Pizzicato, kippt aber eben auch wiederholt in aufgesetzte Dramatik und überbetonte rhythmische Akzentsetzungen. Das Klangbild hat sich länst komplett an die Ränder verlagert. Da bleibt es auch im Finale. Wie schon im Violinkonzert ist der Grundgestus rasend bis hastig. Massive Streicherwellen stellen sich thematischer Arbeit etwas zu dominant entgegen, die Öffnung des Klangbilds kippt mitunter ins Unscharfe. Zerklüftet wie der ganze Abend ist dieser Schlusssatz, doch denkt man eher an das Bild eines Gebirges als an dessen lebensgefährliche Wirklichkeit. Muti, Mutter und die Berliner Philharmoniker reißen ihren Tschaikowski auf, doch anstatt genauer hinzuschauen, was sich unter der Oberfläche verbirgt, setzen die Bruchstücke möglichst effektvoll wieder zusammen. Das reicht für stürmischen Beifall aber nicht für eine überzeugende Lesart.

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Ein Gedanke zu „Klangliche Ränder

  1. Schlatz sagt:

    War leider nicht da. Schöne Beschreibung von Mutters Violinspiel.

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