Krabbelgruppe des Erwachsenwerdens

Nach dem Roman von Bov Bjerg. Auerhaus, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Nora Schlocker)

Von Sascha Krieger

Birth – school – work – death. Mehr ist nicht. Zumindest erscheint ihnen das so, diesen sechs 18-Jährigen, die sich irgendwann in den 1980er-Jahren zu einer mehr oder weniger spontanen WG versammeln. Frieder, der einen Selbstmordversuch hinter sich hat und nicht nach Hause will. Höppner, der freund, der dazu kommt, weil Frieders Eltern den Sohn nicht allein wohnen lassen wollen und der die Gelegenheit wahrnimmt, dem verhassten Stiefvater zu entkommen. Vera kommt hinzu, Höppners Freundin, und Schulfreundin Cäcilia, die wenig Lust hat, einfach nur als reiche Erbin aufzuwachen. Später stoßen noch zwei weitere zur Gruppe: Harry, Schwuler, Stricher, Dealer, und Pauline, eine Brandstifterin, die Frieder aus der Psychiatrie kennt. Eine Zweckgemeinschaft, die nur eines eint: dem eingangs beschriebenen Teufelskreis zu entkommen. Sie alle leben im „Auerhaus“, benannt nach dem Song „Our House“ der Band Madness. „Auerhahn, Auerochse, Auerhaus“, meint ein älterer Nachbar. Eine neue Spezies im Dorf, eine, die aussterben wird. Aber zunächst lebt sie – in Bov Bjergs 2015 erschienenem Bestseller und nun auch auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters.

Bild: Arno Declair

Regisseurin Nora Schlocker beherrscht jugendliche Stoffe – mit ihrer Adaption von Alice im Wunderland im Rahmen des Jungen DT war sie zum Theatertreffen der Jugend eingeladen. Und auch hier geht es vor allem ums Jungsein, um das Gefühl plötzlicher Freiheit, das Zurechtfinden in der Welt, das Sich-Reiben an ihr, und darum, wie sich das anfühlt. Jung zu sein, hinauszutreten in diese seltsame Welt, Gemeinschaft zu proben und sich selbst darin zu finden. Einen halbrunden hellgrauen Raum hat Jessica Rockstroh gebaut, einen weiten Raum , der die Figuren jedoch umzingelt, freundlich neutral und doch Grenzen setzend. Also muss die Axt ran. Christoph Franken, ein zerbrechlich verlorener Lebenssucher als Frieder, schwingt sie und bricht so durch die Tür, hinein in den neuen Lebensraum. Das Auerhaus, es ist ein Rechteck, das sich die Bewohner aus dem schwarzen Bühnenboden herausschneiden. Zement wird auf ihm verteilt, Baustoff für ein neues Leben. Nur mit nackten Füßen ist er zu betreten, dieser Schutz- und Möglichkeitsraum, diese eigenständige Leben. Wunderbar poetisch sind diese Eintrittsrituale gehalten, Momente des Dazugehörens und der Befreiung. Aber sieht diese Fläche im Scheinwerferlicht nicht aus wie ein Sandkasten? Und tatsächlich ist er auch Spielfläche, nicht nur im theatralen Sinn. Spielerisch ist der Grundton dieses Abends, die WG-Bewohner eine Krabbelgruppe des Erwachsenwerdens. Man spielt: Ladendiebstahl und letztes Abendmahl, mal erschießt seine Schatten, die für Angst und Wut und Enge stehen, am legt sich an mit dem Staat, der Gesellschaft, testet Grenzen aus, geht zu weit, fährt gegen die Wand. Auch wenn es ernst wird, bleibt es doch Spiel. Und ist doch tiefster Ernst. Leben nennt man das wohl.

Das gilt auch für die Narration. Der Ich-Erzähler, Höppner, bleibt auch bei Schlocker bestehen, doch führt seine Erzählung immer wieder ins Spiel und selbst wenn ganz am Ende ausgespielt ist, die Geschichte nur noch zu Ende erzählt werden kann, weil die Zeit des Ausprobierens, der Hoffnung, des sich gegen die Welt Stemmens vorbei ist, bleibt der Erzähler nicht allein, stehen die anderen neben ihm, bleibt die Erzählung eine gemeinschaftliche, die Geschichte die eines kollektiven Projekts. Marcel Kohler ist dieser Höppner, am DT längst ein Spezialist für die trotzig widerständige Jugend, die Teil der Gesellschaft sein will, aber zu ihren Konditionen. Sein Höppner ist reif, kompromissbereit, höflich und zugleich eine dauernde adoleszente Herausforderung an die Welt, direkt, respektlos, Grenzen austestend, die eigenen wie die der anderen. Kohler verkörpert diesen Widerspruch mit jugendlichem Staunen, er hält die losen Enden zusammen, ist gemeinsam mit Franken, vielleicht mehr noch als dieser Kraftzentrum des Abends. Weil es die Geschichte seiner Figur ist, sein Blick auf dieses scheitern müssende und doch erfolgreiche Experiment selbstbestimmter Ich- und Wir-Werdung. Es ist sein Blick, den wir – die wir mal Mitschüler sind und nach der Pause einige Minuten Silversterpartygesellschaft – teilen, der sich mit unserem, erinnernden misch zu einer kollektiven Erzählung wie sie eben auch die auf der Bühne ist. Und die den Zuschauer, so er es zulässt, einschließt.

Auerhaus will nicht linear nacherzählen, sonder nachempfinden. Der Abend ist so sprunghaft wie die jugendliche Selbsterfahrung. Albernheit und existenzielle Verzweiflung, Euphorie und Resignation, ausgelassenes Spiel und Verlorenheit – sie liegen schmerzvoll nah zusammen, treffen sich immer wieder im gleichen Satz, lassen sich hier so wenig trennen, wie sie es in der Realität tun. Nora Schlockers Inszenierung will die Zerrissenheit, die Abenteuer ist, das Gefühl des Aufbruchs, die Neugier, die so schnell umschlagen kann in Todessehnsucht spürbar, fühlbar, erlebbar machen, den Zuschauer als Komplizen gewinnen. Sie bringt sie nahe, diese Verlierer und Außenseiter und Gescheiterten, die so „normal“ und so „besonders“. Dass der Roman in den 1980er-Jahren spiel, interessiert die Regisseurin nicht, ihr geht es um das Universelle, darum, dieses Gefühl der unbändigen Hoffnung, des „Alles ist möglich“ greifbar zu machen, Bühne und Zuschauerraum damit zu erfüllen, so sehr, dass es bleibt, dass das Licht nie ganz ausgeht, auch wenn am Ende die Gemeinschaft zerbricht, einer stirbt, eine andere die Gruppe verrät, eine dritte im Gefängnis landet und Höppner, durchs Abitur gerasselt und vor der Bundeswehr nach Berlin geflohen (soviel 80er muss dann schon sein), mit Toten spricht. Such das ist Leben und das feiert dieser Abend so kompromisslos wie berührend. Ohne große Geste, fast beiläufig. Auch darin liegt seine Größe.

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