Erzählen ist Leben

Necati Öziri: Get deutsch or die tryin‘, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Eine zusammengestückelte Welt, Räume, die sich zu neuen öffnen und gleichzeitig verengen, jedes Zimmer hat ein Hinterzimmer, kleiner, niedriger, enger. Pastellfarben „zieren“ die Wände, ausgebleicht, wie ein Patchwork versuchter Leben, ein bisschen Seidentapetenimitat ist auch dabei. Ein Heim, eine Heimat? Nein. Eher eine Abfolge von Versuchen des Ankommens, eine Serie des Scheiterns. Unspektakulär ist Magda Willis Bühne, banal, normal, und doch von berührender Gespächigkeitr. Im Hintergrund ein (Kunst-?)Ledersessel, vorn ein Köhlschrank, ein Heizkörper, ein Spiegel steht waagerecht auf dem Boden. Das eigene Leben einrichten? Abgebrochen. Darin Arda, ein 18-jähriges Exemplar der Bevölkerungsgruppe, die wir „Deutschtürken“ nennen, eine Identität des ewigen Dazwischen. Ein Beobachter zunächst. Stumme gestalten huschen über die Bühne, in fein choreografierten und in einer Art Dauerschleife wiederholten Miniaturen von hedonistischer Jugendlichkeit, wütend-frustrierterer Gewalt, verzweifelten Alkoholismus. Ardas Welt, Ardas Geschichte. Eine Schlagzeugerin (Almut Lustig) gibt einen treibenden Rhythmus vor, der nach Unplugged-Techno klingt, irgendwo zwischen fordernder Lebenssehnsucht und panischem Getriebensein, zwischen eigenständigem Handeln und dem vom unkontrollierbaren Außen Hin-und-hergeworfensein.

Bild: Esra Rotthoff

„Stell dir vor, du bist tot“, sind die ersten Worte von Arda, gespielt von Dmitrij Schaad. Gerichtet sind sie an den einzigen Abwesenden, den Vater, der vor der Geburt Ardas verschwand, die Leerstelle im Leben des Jungen, der Dreh- und Angelpunkt seiner rutschigen Identität. Der Vater war ein linker Aktivist, geflohen vor der Polizei nach Deutschland, aber nie richtig angekommen. Ardas Mutter war sein Rettungsring, er ihr Ticket in die Freiheit, beide zerbrachen an ihren Erwartungen und denen des Anderen. Der Vater verschwand, die Mutter ergab sich dem Alkohol. Und Arda? Er kämpft um den deutschen Pass, schlägt sich durch, verabschiedet einen Freund nach dem anderen – einer wird abgeschoben, ein anderer muss die geschwängerte polnische Freundin heiraten und in ihre Heimat ziehen – und bleibt allein mit sich und der Frage, wer er ist.

Necati Öziris Text ist ein Versuch, dieser Frage näher zu kommen, ein Selbstvergewisserungsprozess und einer des sich selbst Annäherns. Es ist eine Kreisbewegung, die er vollzieht, immer wieder ansetzend, neu probierend – manche Erzählungsteile werden viermal begonnen und wieder verworfen – formelhaft immer wieder zu den gleichen Anfängen zurückkehrend. „Stell dir vor“ ist sein Grundprinzip und sein Mittelpunkt. Arda erfindet seine Geschichte, indem er sie erzählt, er erschafft die Figuren, mit denen er seine Welt, sein Leben bevölkert. Er erweckt sie zum Leben, gibt ihnen Sinn und definiert sich durch das Erzählen selbst. Es ist ein rhythmischer Text, der pulsiert, voran will und gleichzeitig im Kreis geht, immer wieder zurück muss auf Anfang. Ein Kreislauf des sich selbst Erfindens, auch des sich Suchens und Findens und Definierens und Ausprobierens möglicher Identitäten.

Sebastian Nübling findet in seiner Uraufführung die passende Theatersprache. Choreografierte Schleifen von Lebensminiaturen drücken die Kreisbewegung der Sinnsuche aus, Szenenandeutungen und skizzierte spielerische Illustrationen begleiten, bebildern, befragen die Erzählung, die Schaad in einer Mischung aus jugendlicher Ungeduld und kaum unterdrückter Wut vorträgt. Das ist schon im nüchterneren ersten Teil der Fall, der sich um seinen 18. Geburtstag dreht, der ambivalent um An- und Abwesenheiten kreist und bereits Brüche aufweist in der Fassade der selbstgewählten identität. Wie sicher sind die Füße, auf denen Arda steht, wie verlässlich seine Geschichte? Was ist Einbildung, Wunschdenken, Fantasie, Selbstbetrug? Im zweiten Teil erblüht die Symbiose aus Text und Inszenierung zu einem faszinierend traurig sehnsuchtsvollen Aufschrei einer verweigerten Nähe.

Da erzählt Arda die Geschichte seiner Eltern. Nübling inszeniert sie als multiperspektivisches Spiel aus stets ein wenig distanzierten, halbrealistischen Spielszenen und einer bittersüßen, melancholisch anrührenden, traurig lächelnd dilettantischen Nummernrevue mit Showkostümen, Federschmuck und stolpernd stümpernden Tänzer*innen. Albernheit, Lächerlichkeit und Ironie verschränken sich mit tieftrauriger Verlorenheit und öffnen den Blick auf zwei Menschen, die einander brauchen und doch nie eins zu werden vermögen, weil der Ballast, den zu teilen sie nicht bereit sind zu schwer wird, weil sie Unbehauste bleiben, Heimatlose, nicht angenommen und wohl auch nicht ganz ankommen könnend, weil sie je einen Fuß im Hier und einen im Nicht-Hier haben. Schummriges Licht und Spotlights rücken die Geschichte um den trotzig-trockenen und zugleich still verzweifelten Vater (Taner Şahintürk) und die zwischen Selbstbewusstsein und Gebrochenheit taumelnde Mutter (Pinar Erincin) ganz weit weg und holen sie ganz nah heran. Ein Traum, halb (oder weniger) Erinnerung, halb (oder mehr) Fantasie. Eine Geschichte, Re- und Neukonstruktion, Erfindung eigener Vergangenheit und Identität – und zugleich eine Liebeserklärung an die, die diesen Jungen im Stich gelassen haben und doch Mitleidende sind, auf der gleichen Suche wie er und gleichzeitig, der Grund, warum er vielleicht bessere Chancen hat, den Grund unter den Füßen zu finden, den sie nie hatten. Eine Elegie des Abschieds auch – von den Eltern, den Freunden, dem bisherigen Leben und ein Schritt ins Neue, ins noch etwas diffuse selbst.

Get deutsch or die tryin‘ ist ein für Gorki-Verhältnisse stiller, unspektakulärer Abend, der sich jedoch um die Themen dreht, die dieses Haus stets umtreiben: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin? Was und auch wer definiert mich? Necati Öziris Text und Sebastian Nüblings behutsame Regie vollführen eine Suchbewegung, in der sie die Poesie des Zusichselbstfindesns entdecken, ohne der Illusion anheimzufallen, irgendwelche Antworten zu haben. Die Fragen bleiben, das Scheitern auch. Vor allem aber: das Erzählen als Akt der Selbsterschaffung, das (Er)Finden der eigenen Identität durch die Suche nach der passenden Geschichte. Am Ende bleibt der Vater auf der Bühne allein zurück. Regungslos, stumm, eine Erinnerung auf dem Weg vergessen zu werden. Ein Zurückgelassener, ein Opfer notwendig zur Selbstwerdung. Oder doch eine nicht auszureißende Wurzel? Beides? Ein letztes Mal pulst der gehetzte Rhythmus der Verwirrung, die wir Leben nennen, aus dem Drumkit. Dann wird es dunkel. Oder?

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