Träumend in die Nacht

Theatertreffen 2017 – Thom Luz: Traurige Zauberer, Staatstheater Mainz (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

Sie ist längst Erinnerung, die letzte Performance, der letzte Trick, die letzte Illusion. Gähnend leer ist der Zuschauerraum, seltsam klein wirkt er aus der Distanz, die hier, wie so oft bei Thom Luz, auch eine zeitliche ist. Ein Mitarbeiter, Mitarbeiter langweilen sich am Regiepult, einer besteigt die Leitern, auf denen Tonbandgeräte befestigt sind. Publikumsgeräusche, blechern, verzerrt tönen aus ihnen, Beifall, Ausrufe des Erstaunens. Zeugnisse einer Welt der Fantasie, die längst vergangen ist. Eine Frau führt unsichtbare Besuchergruppen durch ein imaginiertes Theater, beschreibt unsichtbare Plakate. Später werden die berühmtesten Tricks großer Zauberkünstler genannt, nur mit ihren Namen, sie sich vorzustellen, obliegt dem Publikum. Es ist ein Abend der Imagination, der den Schweizer Regisseur zum zweiten Mal zum Theatertreffen geführt hat. Der Zuschauer ist Zaungast, auf der Hinterbühne sitzend ist er eingeladen, sich die große Illusionsmaschine vorzustellen, die einst die Welt in Atem gehalten hat. Die Bühne, auf der einst der Welt größte Magier standen – sie ist natürlich die des Theaters, jenem Ort der Erschaffung und Aufhebung von Illusion, der Erweiterung der Vorstellungskraft, der Einladung, die Möglichkeit, andere Welten, andere Varianten dieser Welt zu denken.

Bild: Andreas Etter

Der Vorhang bleibt zu, es gibt niemanden, der dahinter wartet, auch scheue Blicke durch selbigen gegen Ende enthüllen keine atemlos Wartenden. Und doch: Die Erinnerung an Momente, in denen eine andere Wirklichkeit möglich, ja, real erschien, ist störrisch. Sanft spielen sich die multiplen Klaviere durch melancholisch schwebende musikalische Träume, viel Charles Ives, ein wenig Bach, und immer wieder J’attendrai, ein uraltes Chanson, ein Lied des Wartens auf das, was noch kommen möge und von dem der Singende weiß, dass alles Warten vergeblich ist. Zwei Darsteller spielen große, rivalisierende Zauberer des vergangenen Jahrhunderts, zwei Darstellerinnen ihre Geliebten, Frauen, Assistentinnen. Die Magie, die sie erzeugen, ist eine flüchtige. Nebel wird in einen Schlauch geleitet, dieser schnell weggezogen. Was bleibt, ist eine Pfütze aus Nebel. Wolken verharren über der Bühne, eine Trommel dient zur Erzeugung perfekter Nebelkringel, die am Körper, auf den sie treffen, zerplatzen. Es sind die vielleicht schönsten und zugleich traurigsten Bilder dieses Theatertreffens. Skizzen der Vergänglichkeit, der Substanzlosigkeit jedes Lebens und gleichzeitig der Magie, die dem „Stoff, aus dem die Träume sind“, stets innewohnt.

Man singt, begrüßt sein Spiegelbild im Schminkspiegel wie einen längst entschwebten Geist. Stoffbahnen senken sich, die Bühne wird zur Bühne und bleibt doch Illusion. Wie die Figuren, herangeweht aus dem fragilen Zwischenreich verblassender Erinnerungen, kaum greifbarer, kaum wahrer als der zerstiebende Nebel. Oder genauso wahr, genauso lebendig, genauso magisch. Immer dunkler wird es, das goldene Licht der Garderobenspiegel scheint nicht aus dieser Zeit, nicht aus dieser Realität. Es wohnt in einer eigenen, zeitlosen, körperlosen vielleicht. „Fly“, befiehlt einer der Magier seiner Assistentin, „Verschwinde!“ der andere der seinen. Beide bewegen sich nicht. Und doch: Ist ersteren nicht gerade doch ein wenig geschwebt und ist letztere wirklich noch ganz da? Ganz sacht schieben sich andere denkbare, gedachte, geträumte, erinnerte Realitäten über die sichtbare., behauptet der musikalische Teppich ebenso eine eigene wie der tanzende, stehende, schwebende Nebel. Ganz langsam, tastend, suchend, verlassen am Schluss die Geträumten die Bühne, die Leere bleibt zurück. Doch was steckt alles in ihr? Wieviel Leben, wieviel Geist, wieviel Fantasie?

Traurige Zauberer zelebriert eine sterbende Kunst und ist zugleich Hommage an jene, deren Teil auch dieser Abend ist. Die Kraft der Verwandlung, die das Theater stets hatte – der Wirklichkeit, aber auch des Zuschauers – sie ist der eigentliche Star an diesem stillen, dunklen,hypnotischen Abend, der je länger er dauert, das Publikum immer weiter hineinzieht, in eine Welt, die nicht einmal skizziert ist, die er „nur“ behauptet und die im Zuschauer Kontur annimmt, an Schärfe gewinnt, sich plastisch in multiple Dimensionen hineinwölbt, die sich speist aus der Vergänglichkeit, dem Wissen darum, dass alles leben und Streben vergeblich ist. In dieser Erkenntnis findet Thom Luz Poesie – und selten mehr als an diesem berückenden Abend. Eine Elegie, ein Traumspiel, ein absurd schrulliger Geistertanz mitunter, ein Ballett des Nichts, das doch alles ist, der Illusion, die Wahrheit atmet, der Magie, die Schein bleibt und doch Welt sein darf. Ein Abend der von der Fantasie erzählt und vom Tod, vom Erschaffen und vom Vergehen, vom Erscheinen und vom Verschwinden. Vielleicht lässt sich dieser Abend nicht in Worten greifen, vielleicht klingt alles, was ihn einzufangen sucht, platt und schal. So wie es oftmals ist, wenn man versucht, einen Traum zu erzählen. Und doch bleibt etwas von dem Nebel, von den Schimären, die er uns einbildet. Eine Erinnerung an die Macht der Magie und die Schönheit des Vergehens. gemeinsam träumen sich Ensemble, Musik, Nebel und Publikum in die Nacht, die eine ewige sein mag. Eine traumlose ist sie nicht.

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