Whitney Houston auf der Abraumhalde

Falk Richter: Verräter. Die letzten Tage, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Es gab mal eine Zeit, da glaubte man an gesellschaftlichen Fortschritt. Daran, dass alles mehr oder weniger linear voranschreite, die Menschheit, wenn sie sich auch nicht stets zum Besseren weiterentwickelte, zumindest aus ihren Fehlern lernte und von Um- und Abwegen wieder auf die Straße ins morgen zurückkehrte. So funktionierten Ideologien wie jene des untergegangenen „real existierenden Sozialismus'“ und eigentlich funktionieren auch Wahlversprechen auf diese Weise – bis heute. Damit verbunden war auch die Überzeugung, dass bestimmte Konzepte und Begrifflichkeiten, einmal obsolet geworden, nicht wiederkehrten. Und dann kommen wir an im Hier und Jetzt, in einer Zeit, in der das Gestern, das Überwundengeglaubte mit vollster Kraft zurückschlägt, alte Antworten und Lösungen alles andere als fröhliche Urständ feiern, Feindbilder wieder aktiv werden, sich den dominierenden gesellschaftlichen Strömungen plötzlich machtvolle Gegenbewegungen in den Weg stellen, die zurück streben, ungeschehen machen wollen, darauf aus sind, Räder zurück zu drehen. Gerade hat dieser Gegendrang eine Wahl im mächtigsten Land der Erde gewonnen, in anderen war er nicht weit entfernt davon. Wo kommt das her und wie kommen wir aus der Nummer wieder heraus?

Bild: Esra Rotthoff

Fragenm die sich Falk Richter schon länger stellt – an seinem neuen Abend am Gorki fallen sie explizit. Einen begriff hat er sich herausgesucht, einen, der hinter uns zu liegen schien und plötzlich wieder da ist in all seiner destruktiven, trennenden, Menschen gegeneinander aufhetzenden Kraft: der Verrat. Und plötzlich findet er sich überall: in der Frau aus Sachsen-Anhalt, die ihre Hartz-IV-Welt verließ und sich fragt, ob sie ihre Herkunft verraten hat. Dem „Deutsch-Türken“, der gefangen in den Wirren des Putschversuchs zunächst den Partner verleugnet und sich anschließend schämt, nach wegen heraus zu suchen, die Menschen ohne zweiten Pass nicht offen stehen. Verrät er sich, den Freund, das „eigene Volk“? Oder im Sohn polnischer Einwanderer ins Ruhrgebiet, die einst den Namen eindeutschten, um die persönlichen Wachstumschancen zu erhöhen. War es Verrat oder Freiheit? Das Private, es ist an diesem Abend von Beginn an so politisch, wie es das derzeit ohnehin immer ist. Und so kommen wir von den „braunen leeren Feldern“, an die sich Mareike Beykirch zu erinnern glaubt, und die sich hinter sich ließ in einem Akt, den die Familie und vielleicht sie selbst als Verrat empfindet, bald zu den „Abgehängten“, den „Vergessenen“, die sich verraten fühlen von der Gesellschaft, der Politik, den „Eliten“, die Trump wählen und Le Pen und AfD und zu den rechten Ideologen, die den Verrat des „Volkes“, der „Nation““, der „Rasse“ zum Kampfschrei erhoben haben und sich ausbreiten, im Land, im Netz, in den Köpfen.

Verräter beginnt im Persönlichen, in Geschichten, die wohl autobiografisch gefärbt sind, Geschichten von Beykirch und von Mehmet Ateşçi, Identitätsgeschichten, wie so oft am Gorki. „Verrat“ ist das Gift, das eindringt, wenn man versucht, seine Identität zu erkämpfen und zu leben, die Waffe, mit der andere versuchen, Kontrolle zu erlangen über diese Identitätsfindung, die Deutungshoheit einfordern, die Macht der Zuschreibungen, wie Daniel Lommatzsch an einer Stelle im La-La-Land-Stil vorführt. Wir sind, was wir der Gesellschaft erscheinen und wichtiger noch: was sie von uns erwartet zu sein. Wenn eine israelische Jüdin wie Orit Nahmias keine Shoah-Vergangenheit hat und, schlimmer nicht, sich auf das Thema nicht reduzieren lassen will, fällt es uns als Gesellschaft schwer damit umzugehen. Lommatzsch gibt des Wohlmeinenden, der jedoch die Schubladen, in die wir Menschen stecken, nicht herauszureißen sucht. Im Gegenteil: Er sich die einfache Identifizierung und Definition, die Kategorisierbarkeit des Menschen, die simple Antwort in einer viel zu komplexen und daher niederzureißenden Welt.

Und dabei spielt Sprache eine Schlüsselrolle. Der starke, biografisch reflektierte Beginn löst sich irgendwann auf. Die Gleichsetzung Darsteller*in/Rolle wird brüchig, man will heraus aus der Biografie, die auch nur eine Rolle ist, die festlegt: das Hartz-IV-Kind, der Deutsch-Türke, der Ruhrpole. Auf der Abraumhalde, die Katrin Hoffmann auf die Bühne getürmt hat, mit den umgeworfenen Bänken wird ein Schreib-Workshop. Man probiert Geschichten aus, Narrative, Möglichkeiten der Sprache, die nicht determinieren, die nicht zuweisen und ausgrenzen. „In dieser Szene will ich mal einen Freund haben“, fordert die lesbische Çiğdem Teke und erntet Unverständnis. Verrate sie damit nicht ihre Identität, wird sie gefragt. Dann lieber zurück ins Kinderzimmer, angedeutet am rechten Bühnenrand mit Sofa, Kuscheltieren und Bravo-Postern. Oder in die Musik. Viel wird musiziert, Depeche Mode, Whitney Houston, ein Lied über Istanbul, die seit der Borderline Prozession unvermeidlichen Tuxedomoon. „Dialoge sind nicht mehr zeitgemäß“, heißt es  und doch nicht totzukriegen. Dabei hörten wir einander längst nicht mehr zu. Aber miteinander zu reden gehört zum gesellschaftlichen Inventar, selbst wenn wir es eigentlich gar nicht mehr tun. Die totalitäre Macht der Sprache lebt immer wieder auf, sie will nicht weggehen. Da kann man noch so sehr dagegen ansingen.

Man kann Verräter vieles vorwerfen: seine Vermischung des Privaten und Politischen etwa, die das Konzept des „Verrats“ verwässere, oder zur Beliebigkeit einlade. Seine völlige Materialüberfrachtung, die den Zuschauer schnell überfordere. Seine Unstrukturiertheit (auf die er auch selbst abhebt), die wilden Sprünge, offenen Enden, die Verweigerung einer klaren Dramaturgie. Nein, linear ist Verräter nicht, stringent schon. Denn sein Ausufern, seine Unrundheit, seine Sprunghaftigkeit sind Programm, sind begründet in seiner Mitte. Denn dort geht es gar nicht um den titelgebenden Begriff, sondern um die Art und Weise wie wir als Gesellschaft und Identitäten schaffen, wie wir manche Identitätsmöglichkeiten zulassen und andere ausschließen, wie wir Sprache erlauben zum Machtinstrument zu werden. Das Grundprinzip des abends ist der Abbruch samt anschließendem erneutem Ansetzen. Immer wieder werden Monologe und Geschichten abgebrochen, weil sie sich falsch oder zu gut anfühlen, weil sie zu eindeutig sind und Eindeutigkeit ein großer Ausgrenzer ist. Es ist eine Versuchsanordnung, die kein Ende findet und finden kann, die ausfransen muss und am Ende auch – bewusst – frustriert. Antworten hat Richter nicht, dafür Hinterfragungen, Bilder – viel Video-Einsatz etwa, der illustriert, verstärkt, widerspricht und manipuliert, weil er bewusst mit unseren Erwartungen spielt – Musik. Rechte Terroristen hacken Holz, ein Musical über jüdische Kollaborateure wird geprobt, es gibt ein bisschen Postapokalypse und utopische Auflösungen überkommen Geschlechter- und Sexualitäts-Dogmen, Trump-Masken und Schwulenwitze, so manche Wutrede und viel Ratlosigkeit. Ein Abend aus und über unsere Zeit. Der sich verrät und zugleich fragt, ob „Verrat“ ein überhaupt zu akzeptierender Begriff ist, Der tief hineinsteigt ins Sprachliche und Verwirrung findet. Das ist zumindest mal ein Anfang.

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