Gegen die Wand

Jean Racine: Phädra, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Linn Reusse rennt gegen Wände, Corinna Harfouch wirft sich gegen selbige, nachdem sie sich gegen zwei ihrer männlichen Kollegen geschleudert hat, Bernd Stempel kriecht mit letzter Kraft in Richtung einer solchen, dem Arm ausgestreckt nach dem rettenden Strohhalm, der ihm verwehrt bleibt. Es sind Momente, in denen sich dieser Rezensent denkt: Ich verstehe, was ihr fühlt. Ich teile euren Schmerz. Stephan Kimmig inszeniert Jean Racine. Phädra, die Geschichte einer Frau, die ihren Stiefsohn liebt. Die Geschichte auch einer Selbstermächtigung, einer Frau, die wagt, die schuldig wird, um jene Schuld zu tilgen, von der ihr die „Moral“, die Gesellschaft einreden, sie hätte sie bereits auf sich geladen, indem sie liebte, indem sie die überkommenen Normen, wen sie lieben dürfe, über Bord warf, um sich eigene zu schaffen. Es ist eine ambivalente Figur, die hier im Mittelpunkt steht, eine, die einlädt zu unterschiedlichsten Lesarten, Interpretationen, Neuschreibungen. Eine, die den oder die, der oder die sie inszeniert, herausfordert, von ihr oder ihm eine Haltung verlangt. Stephan Kimmig braucht keine Haltung, er hat Corinna Harfouch.

Bild: Arno Declair

Und Harfouch spielt. Keine Rolle, sondern das Rollenspielen selbst. Ihre Phädra ist reines Theater, komponiert aus Perücken (drei davon an diesem Abend), Kostümen (vier, sofern die Erinnerung nicht trügt) und Posen (unzählige davon). Ihren ersten Auftritt hat sich in schwarzer Trauerkleidung mit langem schwarzen Haar. Den Rücken zur Wand, den arm erhoben gibt sie die Geschlagene, Leidende. Später werden die rasend Liebende, die verschmähte Wütenden, die abgeklärt zu ihrer Schuld stehende Resignierte hinzukommen, ein bisschen Wahnsinn gibt sie auch – ein schönes Sammelsurium der verschiedenen Ausprägungen von dem, was man früher abschätzig weibliche Hysterie nannte. Die Phädra, die zu spielen sie spielt, ist eine impulsiv Getriebene, nie wirklich Herr, Verzeihung, Frau ihrer Handlungen. Gut nur, dass es den Männern kaum besser geht. Bernd Stempel als Theseus, der den Racine/Schillerschen Text mit spürbarer Verachtung für selbigen herausleiert, ist ein noch größeres Ärgernis. Immerhin zeigt die Harfouch die Qualität ihres Handwerks.

Das gilt für den Rest des Ensembles kaum, was auch an Kimmig liegt. Denn der kann sich nicht recht entscheiden. Mal herrschen getragene stille und heiliger Ernst, dann offen karikatureske Parodie (etwa wenn Harfouch mit plakativ eingefrorenem Grinsen spielt, wie man geheuchelte Wiedersehensfreude spielen könnte aber vielleicht nicht sollte), die das tragische Pathos auf Korn nimmt, nie besonders subtil, dafür umso körperliche. Katja Haß‘ weiße Bühne atmet Beliebigkeit, bietet aber ein paar hübsche Rundungen, Kanten und Schrägen, die zum Fallen, Dagegenrennen, Abrutschen und Kriechen einladen, was das Ensemble ausgiebig nutzen darf. Alexander Khuon als von Phädra angebeteter Hippolyt noch am wenigsten. Er steht, wie Khuon das in tragischen Stoffen gern tut, meistens herum, schaut ernst und spricht ebenso. Linn Reusse als dessen Geliebte Aricia, dagegen rast zumeist, was wohl Leidenschaft und Aufgewühltheit zeigen soll, während Kathleen Morgenyer als intrigante Phädra-Vertraute Oenone den Abend damit verbringt, rumpelstilzchenhaft zu zappeln und irgendwann gar mit wahnsinnig verzerrtem Lächeln Pirouetten dreht, alles Ausdrucksformen ihrer inneren Kämpfe zwischen Wahrheit und den jeden Zweck heiligenden Mitteln.

Ja, das ist Theater. Es baut Distanz auf zu dem Stoff, in dem es, wie ein zu Beginn projizierter Text erklärt, um „Affekte“ handelt, kollektiv, gesellschaftlich sanktionierte Metagefühle wie angst, Scham oder Wut. Nicht völlig gestrig, aber von Kimmig nicht weiterverfolgt. Es ist halt auch einfacher zu sagen: Hey, schaut her, so war es früher, ist das nicht lächerlich. So Racine-Übersetzer Schiller stand dessen Sprache und Haltung kritisch gegenüber – für Kimmig ein Freibrief, das Werk gänzlich zu verwerfen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Natürlich könnte man das Theatrale, das er ausstellt nutzen, etwa zu einer Reflexion über die Rollenhaftigkeit kollektiver Empörung, die Heuchelei und den Totalitarismus öffentlicher Moral, darüber, wie das festhalten an der gesellschaftlich sanktionierten Fassade Machtinstrument war uns ist, gerade gegenüber Frauen. Das alles interessiert Kimmig nicht. Er stellt aus, um bloßzustellen. Das Stück, das er zu inszenieren vorgibt, dessen „Moral“, seine Figuren. Und natürlich um seinen Star glänzen zu lassen in ihrer Mischung aus tragischer Größe und komödiantischer Schärfe, wobei das ihr abverlangte Spektrum von Corinna Harfouch wenig mehr als eine Fingerübung erlangt. Und fährt damit den Abend gegen die nichtssagende Wand. Nach Glückliche Tage versucht sich das Deutsche Theater zum zweiten Mal in Folge an einem Abend, der vor allem das Ziel verfolgt, einem weiblichen Schauspielstar eine Bühne zu bieten. Er wird, mehr noch als Christian Schwochows Beckett-Verzwergung, zum künstlerischen Offenbarungseid. Man möchte gegen Wände rennen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: