Wenn Beckett plappert

Samuel Beckett: Glückliche Tage, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christian Schwochow)

Von Sascha Krieger

Wer Samuel Becketts Stücke zu Gruppen zusammenfassen will, hätte einige Argumente dafür, in Fin de Partie (Endspiel) und Happy Days (Glückliche Tage) ein Doppel zu erkennen. Das letzte in französisch und das erste in englisch verfasste Stück des Iren sind beides Endspiele, Miniaturen des Zu-Ende-Gehens, halb gefürchtet, halb ersehnt. Letzte Paare in einer verlassenen Welt, die es jenseits ihrer kleinen Existenz-Insel womöglich gar nicht mehr gibt. Ikonen der existenziellen Absurdität menschlichen Lebens, seiner grotesken Sinnbehauptung wider besseren Wissens. Wo in Waiting for Godot sich das Absurde noch im ewigen Weiter-so zeigt, gehen seine beiden Nachfolger sehenden Auges dem Ende entgegen, das längst schon da ist. Auf unterschiedliche Weise: Eines ist ein „Endspiel“, ein Dauerdiskurs über das Zu-Ende-Gehen, das Endenwollen, das Ersehen besagten Endes. „Glückliche Tage“ dagegen, das deutet schon der Titel an, ist in Teilen eine Gegenbewegung, ein Sich-Dagegen-Stemmen, ein letztes Behaupten des „alten Stils“ – in vollem Wissen, dass keine Hoffnung besteht. Das macht dieses Zwei-Personen-Stück, das eigentlich ein Monolog ist, ambivalenter und womöglich noch absurder, schmerzhafter.

Bild: Arno Declair

All das lohnt sich voranzustellen, will man über Christian Schwochows Inszenierung des Stücks am Deutschen Theater sprechen. Denn aus den 80 Minuten, die der Abend dauert, erschließt sich davon wenig bis nichts. Becketts populärste Stücke, die drei ersten und Krapp’s Last Tape, sind schon lange – und das ist eine schöne Ironie – auch Star-Vehikel, Bühnen für Großschauspieler, sich in Szene zu setzen. Auch hier war das schon zu erleben: Ulrich Matthes in Endspiel, Samuel Finzi in Warten auf Godot, Wolfram Koch in beiden. Ein paar hundert Meter entfernt gibt Klaus Maria Brandauer dieser Tage zum letzten Mal den Krapp. In Glückliche Tage darf sich nun Dagmar Manzel einreihen, ehemaliger DT-Star und längst diesen Brettern entwachsen. Es ist ihr Abend, was schon in der radikalsten Regieidee des Abends deutlich wird. Der Sandhügel, in dem ihre Figur Winnie immer weiter verschwindet, musste weichen. stattdessen sitzt Manzel aufrecht auf einem Stuhl, die im zweiten Akt stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Symbol des fortschreitenden Endens, wird durch ein graues Stück Stoff bewerkstelligt, das ihren Körper einschnürt. Warum? Egal. Darum geht es hier nicht.

Worum es geht, ist Manzel selbst. Vor einer Spiegelwand sitzend – ja, ja, das hier meint natürlich uns, verstanden – gibt sie eine exemplarische Lektion in der Variabilität schauspielerischen Ausdrucks, selbst wenn am Ende nur noch Gesicht und Stimme bleiben. Sie deklamiert, posiert (vor allem mimisch und stimmlich), klagt, trauert, resigniert, freut sich wie ein Kind, leidet, genießt – und was sonst noch in ihrem reichen Repertoire liegt. Jeder Ausdruck, jede mimische Regung, jeder stimmliche Wechsel wirkt wie angekündigt, ist überdeutlich ausgestellt, sagt: Seht her, ich kann das alles! Ihre Winnie ist eine Rollenspielerin oder besser: Manzel spielt eine Rollenspielerin und weist immer wieder auf ihr eigenen Spiel hin. Das ist letztlich mehr Virtuostätsvorführung als Rolleninterpretation. Die auch eher eigen zu nennen ist. Denn diese Winnie leidet nicht, stellt sich nicht widerwillig dem eigenen Vergehen – sie plappert. Vor allem im ersten Akt rauscht ihr leicht affektierter, immer an der Karikatur schrammender Konversationston, der mehr Daily Soap ist als Beckett, immer wieder mit der Fomelhaftigkeit, den Wiederholungen, der Kreisbewegung von Becketts Text aneinander, dessen Sprache seine eigene Geschichte von der leeren Mechanik des Weitermachens, vom Eigenleben der Sprache nach abschütteln jeder Bedeutungsbehauptung erzählt, aneinander. Beckett zieht dabei stets den Kürzeren. Manzel plaudert einfach über seine Sprachstruktur zurück (unterstützt von der neutralen Beiläufigkeit von Jörg Poses Winnie). In Becketts Werk geht es immer auch um die Sprache und ihre Rolle – hier ist sie Mittel zum Zweck.

Also kippt der Fokus in Richtung Eheklamauk, erfreut man sich an ein wenig Slapstick und blendet die Spiegelwand die dahinter vielleicht gähnende Leere wirksam aus. Andere Rezensenten haben mehr Loriot als Beckett in diesem Abend gefunden, was auch dem Meister der Absurdität des Alltags gegenüber kaum gerecht ist. Stattdessen ist dieses Dauergeplapper, das Beckett vom Blatt spielt, sich um das jenseits der Worte jedoch nicht im mindesten schert, nicht viel mehr als ein Vehikel, die Hauptdarstellerin zu feiern, ihre Fähigkeiten auszustellen, ohne sie je fordern zu müssen. Alles hier ist Vorführung, überdeutliche Selbstausstellung, was vor allem dem zweiten Akt schadet. Da wirkt Manzels zunehmend krampfhaftes Weiterplaudern noch aufgesetzter als die vielseitigere Dampfplauderei des ersten. Die Trennung von Ausdruck und Inhalt ist fast vollständig, die Ablösung von der Rolle weitgehend gelungen. Das Spiel verselbständigt sich, reflektiert aber weder auf sich selbst noch aufs Stück. es ist Selbstzweck, zuweilen fast ein wenig eitel. Natürlich ist es großartig anzuschauen, was Dagmar Manzel aus fast nichts machen kann. Doch bleibt dabei eben jeglicher Blick auf die Welt, die Beckett zeichnet, auf der Strecke. Die Sinnlosigkeit jeder Existenz und die Absurdität menschlichen Lebens finden nicht statt. Stattdessen plaudert eine Großschauspielerin 80 Minuten lang unterhaltsam gen Publikum. Reicht das?

Advertisements

Ein Gedanke zu „Wenn Beckett plappert

  1. […] mehr als eine Fingerübung erlangt. Und fährt damit den Abend gegen die nichtssagende Wand. Nach Glückliche Tage versucht sich das Deutsche Theater zum zweiten Mal in Folge an einem Abend, der vor allem das Ziel […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: