„Wehe dem, der auf die Stufen kotzt!“

Nach Wenedikt Jerofejew: Reise nach Petuschki. Ein Delirium bzw. Kurzzeitodyssee per Bahn, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Sebastian Klink)

Von Sascha Krieger

Zu jedem Abschied, so sagt man, gehört ein ordentliches Besäufnis. Nun, vielleicht sagt „man“ so nicht, die Tradition, das Abschiednehmen mit dem einen oder anderen Schluck mehr oder weniger  Hochprozentigem erträglicher zu machen, ist weit verbreitet. Nun boten die bisherigen Abschiedsabende der Castorfschen Volksbühne zwar großartiges Theater, viel Inhalt und ganz viele Gründe, das Haus in der Inkarnation der vergangenen 25 Jahre zu vermissen, eine wirkliche Abschiedsfeier war nicht dabei. Das holt Sebastian Klink, einer der wenigen jüngeren Regisseure am Haus – und langjähriger Regieassistent Castorfs – jetzt nach. Das russische Repertoire war hier stets stark vertreten und das Klischee spricht „dem Russen“ eine gewisse Neigung zu alkoholischen Getränken zu – was läge da näher als Wenedikt Jerofejews Besäufnis- und Bekenntniswerk Reise nach Petuschki, dem wichtigsten dieses Außenseiter-Schritstellers, der erst in der Spätphase der Sowjetunion verlegt wurde und kurz darauf starb, der in diesem „Poem“, wie er es nannte, seine Erfahrungen mit der realsowjetischen Wirklichkeit in einem sprachlichen Delirium verewigte, das nirgendwo anders hinführen konnte als in die Apokalypse?

Bild: Sascha Krieger

Wenitschkas, Jerofejews Romanheld und eponymes Alter Ego, Überlebensstrategie ist der Dauerrausch. Wenn er nicht besoffen ist, ist der Schmerz an Leben und Welt weit jenseits des Erträglichen. Je nachdem, was man zu sich nimmt, lassen sich Glieder oder Geist stärken, stets auf Kosten des anderen, mal erringt man den Zustand purer Vernunft und bezahlt dafür mit der Vernichtung des Gedächtnisses. Erkenntnis, so doziert Daniel Zillmann bei der ersten der unzähligen Runden dieses Abends, liegt nur im geistigen Ausnahmezustand induziert durch geistige Getränke.Natürlich ist das bei Jerofejew auch eine Zustandsbeschreibung seines aus den Fugen geratenen Landes, das sich nur noch in kollektiver Selbstberauschung zu erhalten vermag. Drei Jerofejews sehen wir: Patrick Güldenberg, der einmal mehr beweist, dass Hundeblick und rückhaltloses Rasen miteinander vereinbar sind, Christian Schneeweiß, der daherkommt wie ein Autoverkäufer und sich nur allzugern in die (un)tiefsten menschlichen Abgründe schleudern lässt, und Jeanette Spassova, die Eleganz und Härte zu einer delirierenden Mischung verquickt, dass dem Zuschauer hören und sehen vergeht. Der dreifache und doppelgeschlechtliche Jerofejew – er/sie steht natürlich für sein Volk, für die Menschheit und für sich allein.

Ein bisschen vergegenwärtigung versucht der Abend tatsächlich: Wichtigstes Kulissenelement ist ein stalisistisch anmutendes Portal (Bühne Gregor Sturm), das an die Tür der Moskauer Geheimdienstzentrale Lubljanka erinnert, die der oppositionelle Aktionskünstler Pjotr Pawlenski einst anzündete. Eine andere seiner Aktionen – das Festnageln der eigenen Hoden auf dem Roten Platz – wird an diesem Abend zur Suffeskapade, ein extremer Akt, geboren aus einer extremen Situation. Für ein wenig Gesellschaftskommentar ist also gesorgt, das muss reichen. Ansonsten pflügt sich der Abend durch die immer abstruser werdende Saufodyssee de Vorlage, in deren Verlauf „Wenitschka“ Gott und Satan begegnet, dazu der Heiligen Theresia, der Sphinx und noch so mancher mehr oder minder definierbarer Gestalt. Man watet durch die Literaturgeschichte, proklamiert, jeder große Russe habe getrunken, plant eine Revolution und sinkt doch immer tiefer in das Herz jener Dunkelheit, das den Roman-„Helden“ schließlich verschlingt.

Nicht so bei Klink. Viel zu sehr weidet er sich am absurd komischen Potenzial der irrwitzigen Suff-Spirale, folgt dem multiplen Protagonisten per Live- und anderem Video in alle Winkel des Hauses, die zu Bahnstationen, Waggons, dem roten Platz, schummrigen Bars oder höllischen Toilettenmonstrositäten werden, kurz: zur Welt, einer, die den Wahnsinn längst umarmt hat. Ein Wahnsinn, der hier nie apokalyptisch ist, sondern eine große Party. Deren Zeremonienmeister Daniel Zillmann ist: Als klugscheißerischer Diskussionsführer schleust er das Publikum in den Säuferclub ein, als Engel weist er Wenitschka den Weg zum nächsten Schluck und als Schaffner im Bienbärkostüm personifiziert er das Delirium seiner Welt in Reinkultur. Welch ein Spaß! Wenn er dann noch mit unvergleichlicher Bluesstimme und einzigartigem Hüftschwung zur Musik der Hardrock-Band Novyi Mirovoi Porjadok vom Alkohol singt, dann ist die Abschieds-Abrissparty perfekt. Ihr Soundtrack aus Blues, Hardrock und Punk mag keine dramaturgische Funktion haben – es befördert jedenfalls die Stimmung und bietet den Rampensäuen des Ensembles reichlich Raum zu Austoben.

Nun weiß jeder, der einmal eine alkoholgeschwängerte Party durchlebt hat, dass sie irgendwann einen Durchhänger hat und sie dann einen neuen Impuls braucht, um wieder in Gang zu kommen. Wenn sich der Rausch in sich verquirlt, ist es Zeit für die nächste Eskalationsstufe. Die heißt an diesem Abend Alexander Scheer und damit ihm schwinden nicht nur alle Hemmungen sondern jegliches dramaturgisches Gefüge. Ob er als ordensbewehrter Offizier Gott spielt oder seine Satanshörner abwirft, um den Zappa zu machen, oder – Höhepunkt des Abends! – mit Schneeweiß in einer Art Kochshow die abscheulichen Cocktails mixt: Er braucht keinen Text, braucht keine Rolle, braucht keine narrative Linie. Er ist das theatrale und erzählerische Chaos, er ist die Volksbühnenanarchie in Reinkultur, in einem letzten unentrinnbaren Aufbäumen. Spätestens hier wird klar: Um irgendwelche Sinnbehauptungen, Vergegenwärtigungen, Relevanzvortäuschungen geht es hier nicht. Hier feiert sich ein Theater in der Zügel- und Regellosigkeit, der Ausschweifung und Grenzübertretung, der Huldigung des „Zuviel“, das eben diese Feiern der theatralen Exzesse ausgemacht haben und zu einem Impulsgeber der gesamten deutschsprachigen Theaterlandschaft werden ließen. Das feiert man ohne Rücksicht auf jene, die vielleicht nicht Teil dieses Erlebnisbundes waren, sind oder sein wollen. Scheiß drauf, sagen Klink, Scheer, Zillmann und Co., das ist unsere Party. Feiert mit oder lasst es. Ganz getreu dem Motto: „Wehe dem, der auf die Stufen kotzt!“. Obwohl: Egal, auch das ist völlig unerheblich. Darauf einen Schluck gereinigte Politur. Oder ein paar Dutzend. Den Kreml sehen wir heute eh nicht mehr.

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