Der Eigenwillige

Festtage 2017: Radu Lupu gastiert bei der Staatskapelle Berlin unter Leitung von Daniel Barenboim

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Radu Lupu zählt längerem zu den wichtigsten und besten Pianisten unserer Zeit. Gleichzeitig ist er auch einer der eigenwilligeren. Glatte Interpretationen, an denen sich niemand reiben könnte, sind seine Sache nicht. Das Ergebnis kann magisch sein, aber auch ein Desaster. Zuweilen gelingt beides. Ein solcher Abend ist sein Gastspiel mit der Staatskapelle Berlin im Rahmen der diesjährigen Staatsopern-Festtage. Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nummer 5 steht auf dem Programm. In der englischsprachigen Welt nennt man es gern das „kaiserliche“, passend zum vermeintlich heroischen Ton, der zweifellos an die „Eroica“ erinnert. Der Beginn lässt böses erahnen: Uneben, verwaschen, richtungslos umspielt, umspült eher, Lupu die eröffnenden Orchesterakkorde, breiig und überhastet klingt das. Dann hat das Orchester das Wort, das unter Daniel Barenboims Leitung äußerst zielstrebig zu Werke geht. Der Klang ist dicht, kompakt, schnörkellos und präzise, findet seine Kraft in sich selbst. Ein energischer, zuweilen muskulöser Beethoven, vorwärtsdrängend und klar strukturiert. Dann ist Lupu wieder dran und sie da, welch ein Unterschied: Glasklar der Anschlag, das Spiel eine wunderbare Mischung aus Detailschärfe und sanglichem Gestus, das Instrument singt und lauscht sich zugleich selbst hinterher. Besonders magisch ist der Effekt beim zart berührenden zweiten Thema des Kopfsatzes: Schon im Orchester ist es wie getupft, bevor ihm die Holzbläser gleichzeitig Körperlichkeit wie Licht verleihen. Bei Lupu sitzt jeder Ton, perlen die einzelnen Noten, ganz für sich stehen, fügen sich zusammen zu einem Gesang höchster Innigkeit, die in höchster Spannung steht zum zu größter Dringlichkeit verdichteten Orchester.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

In der Folge entsteht ein aufregender Dialog: Hier das singende Klavier, dort das vorandrängende Orchester, hier die Lyrik, die Nachdenklichkeit, das Fragezeichen, dort Dramatik, Zug und Affirmation. Der „heroische“ Beethoven ist immer auch einer, der die Tränen hinter dem Jubel, das leid unter dem Triumph mitdenkt. In diesem ersten Satz finden Barenboim und Lupu diese Dichotomie im Mit-, Neben- und Gegeneinander von Soloistrument und Orchester. Das ist überaus spannungsreich und öffnet Räume zum Hinhören, Nachgrübeln, in Frage Stellen. Auch im zweiten Satz, wo die Staatskapelle überraschend subtil zu Werke geht. Die Streicher schweben, Licht füllt den Raum. Radu Lupu spielt versonnen, nachdenklich, lauscht jeder Note nach. Wo im ersten Satz der dialogische Kontrast herrschte, tasten sich Orchester und Solist jetzt aneinander heran, in gemeinsamer Suchbewegung, fragend, zuweilen rätselnd. Mitunter verdüstert Lupu kaum merklich die Atmosphäre, andeutend, auf welch unsicherem Grund man hier gemeinsam singt. Dann der dritte Satz und plötzlich ist alles anders. Radu Lupus Spiel kippt ins Undeutliche, Verwaschene. Da ist keine Geradlinigkeit, keinerlei rhythmische Schärfe, der breiige Eindrick des Beginns prägt diesen Satz. Da kann das Orchester noch so formstreng agieren, das Klavier verweigert die Zwiesprache, will sich dem vorwärtsdrängenden Jubel nicht anschließen, findet aber keinen alternativen Ausdruck. Die Energie bricht ein, die Spannung schwindet, der Satz ist verloren. Nach viel Licht ein leider etwas dunkler Schatten.

Da geht es dem Orchester, wenn es allein unterwegs ist, besser. Zunächst stehen Johannes Brahms‘ Haydn-Variationen auf dem Programm. Fast scheu präsentiert das Orchester das Thema, bevor es dann mit schlankem Klang und klarem Ausdruck die Variationen durchforscht. In der zweiten verdichtet es, statt ins Weite zu streben, die dritte lässt die Holzbläser die Szenerie mit Licht fluten, während sie in der nächsten von den Streichern etwas zugedeckt werden.Am gelungensten vielleicht die sechste: Da lässt Barenboim das Orchester organisch anschwellen, um am Ende ins weite, Offene zu weisen. Viel Komplexität auf engem Raum. Auch die abschließende Passacaglia überzeugt mit wuseliger Vielstimmigkeit und effektvoller Verdichtung. Barenboim verweigert – etwas untypisch für ihn – eine alles übergreifende Lesart, sondern längt den Blick auf die einzelnen Werkteile und deren spezifische Charaktere. Das gelingt mal besser, mal weniger gut, sorgt aber dafür, dass die Neugier bleibt. Beim Orchester wie beim Publikum.

Das ist anschließend in Arnold Schönbergs Fünf Orchesterstücken op. 16 ähnlich. Im ersten betont Barenboim die wiederholten Abbremsbewegungen, sucht und findet das Zerrissene, Unisichere, Suchende, fragmentiert und zwingt zusammen. Noch fragmentarischer wirkt das zweite. Dieses ist hier von Vereinzelungsbestrebungen geprägt. Alles will auseinander, die Celesta spielt traumverloren über den dahin driftenden Bruchstücken. weniger gelungen das dritte Stück, das Schönberg einst mit „Farben“ überschrieb. Das Spektrum ist stark reduziert, der Klang überraschend fahl und karg. Graue Fläche schweben wie vergessen im Raum. Sehr zerrissen dann die Nummer fünf. Scharfe Kanten, harte Brüche, deutliche Kontraste: Das Stück wirkt zerklüftet und liegt doch klar vor uns. Die Spannung zerschneidet den Raum. Im letzten Stück bleiben Unrue und Zerrissenheit, auch wenn die Klangdichte hörbar zunimmt. Der Blick auf die Klangstruktur ist klar, der Dialog zwischen zentraler Anschwellbewegung und divergierenden Gegenstimmen schön herausgearbeitet. Am Ende bleibt ein Konzert, in dem das Orchester seine Neugier und seinen wachen Blick beweist, der Dirigent seinen Willen, sich nicht von vorgefertigten Sichtweisen treiben zu lassen – und Radu Lupu seinen Hang zur Eigenständigkeit. Langeweile zumindest kommt hier nicht auf.

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Ein Gedanke zu „Der Eigenwillige

  1. Schlatz sagt:

    Respekt für das detailreiche Porträt von Lupus Beethovenspiel. Lupu ist gewiss einer der Besten, auch wenn anscheinend der dritte Satz weniger geriet.
    Ich habe lange überlegt, ob ich in dieses Konzert sollte, aber nach dem Riesenprogramm vom Vortagskonzert der Staatskapelle war mir das doch zu viel.

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