Im schwarzen Loch der Beliebigkeit

FIND 2017 – Romeo Castellucci frei nach dem Buch von Alexis de Tocqueville: Democracy in America, deSingel International Artcampus, Antwerpen / Wiener Festwochen (Regie: Romeo Castellucci)

Von Sascha Krieger

Es ist ja immer wieder schön, wenn der geneigte Theaterbesucher etwas Neues lernt. Zum Beispiel über Glossolalie: Dabei handelt es sich um Fantasiesprachen, die keinerlei kodifizierte Bedeutung haben, aber wie „echte“ Sprachen klingen. Zuweilen wird sie in religiösen Zusammenhängen eingesetzt, sogar in der einen oder anderen christlichen Kirche. Dann gilt das Kauderwelsch als göttliche Sprache, dem, der sie „spricht“, von der höchsten Instanz eingegeben. Während  die Erklärung auf einem semitransparenten Vorhang erscheint, hört das Publikum Beispiele aus einer US-amerikanischen Kirche Anfang der 1980er-Jahre. Die Nähe zu Gotte, ja, der Glaube, „God’s own country“ zu sein, gehört bis heute zum Selbstverständnis des Landes, das sich nach wie vor als das großartigste der Welt sieht: die USA. Während sich diese aufmachen, wieder so großartig zu werden, wie sie immer schon gewesen zu sein glaubten, widmet sich der italienische Regisseur Romeo Castellucci der Demokratie in Amerika. Das gleichnamige, heute noch in den Vereinigten Staaten verehrte Werk des Franzosen Alexis de Tocqueville ist dabei wenig mehr als Namensgeber. Auch für den Zustand besagter Demokratie im Jahr eins der populistischen Ära interessiert sich Castellucci wenig. Nein, er schaut lieber zurück, zu den Wurzeln, zur Herkunft dieses Landes und seiner Überlegenheitsideologie (zumindest dies hat seine Arbeit mit der des Tocquevilles gemeinsam). Und er verortet sie in der Religion – auch das ist für einen Künstler, der sich viele Jahre als Lieblingsfeind der katholischen Kirche gefiel, kaum überraschend.

Bild: Luca Del Pia

Also lässt er uns lange, unertränglich lange dem mit biblischen Namen aber sonst nicht vielem gesegneten Siedlerpaar Elizabeth und Nathaniel zuschauen, deren Ernte aus ein paar verfaulten Kartoffeln besteht. Kurz vor dem Verhungern stehen sie, doch währen d sie zunächst an Gott zweifelt, ihn dann gar verflucht, nur um gleich selbstkasteiend zu bereuen, kann er sich nur noch in längst inhaltsleere Gebetsroutinen zurückziehend. Der Gott, den sie anrufen, ist abwesend, die fromme Dorfgemeinschaft, die irgendwann vor ihrer Tür steht – sich nur in projizierten Worten äußernd, körperlos, wie ein empathiefreier Bibeltext – tut dies nicht helfend, sondern strafend. Schwarz ist die Welt, schwarz die Kleidung, schwarz gar die Zähne.  Eine düstere Religion, menschenfeindlich, unterdrückend, freiheitsverachtend. Und doch – in den Augen Castelluccis, das Fundament der amerikanischen Demokratie. Die denn auch zur bloßen Show- und Lachnummer verkommen muss. Gleich am Anfang tritt eine Art Marching Band in mit Gold absetzten weißen Uniformen auf, die in unschuldigem Glanz Fahnen mit einzelnen Buchstaben enthüllen, die zunächst „Democracy in America“ buchstabieren, sich jedoch gleich darauf zu mal grotesk-albernen, mal entlarvend düsteren Wortkombinationen wie „Car Comedy in America“, „Decay Crime Macaroni“ oder „“Cynic Dreamer Coma“ neu formieren. Später formen sie einzelne Ländernamen wie „Iran“, „Yemen“ oder „Myanmar“, während sich im Hintergrund eine nackte Frau mit Kunstblut einreibt. Eine Stange fährt herunter, auf welche die die blutigen Haare schlägt, während die Weißuniformierten auf selbige einprügeln.

Ein Unterdrückungsritual, das die Nackte, die eine Ureinwohnerin meinen mag und bald zu besagter Farmersfrau wird, trifft. Die Frau, die de Tocqueville als wichtige Stütze der Gesellschaft identifizierte, ist hier Wissende wie Opfer, das Eine womöglich das Andere bedingend. Sie ist die erste Unterdrückte – durch die Religion, durch die Eroberer, durch den obrigkeitshörigen und zur imaginierten Herrschaft erzogenen Mann, ein Aspekt, den Castellucci durch sein rein weibliches Ensemble noch betont. Viele Rituale folgen, vor allem im hochabstrakten Mittelteil: Hinter dem gazeartigen Vorhang sind nur Schemen zu sehen, seltsame, tänzerische Rituale mal als Puritanier, mal im Rot der Inquisition (Katholizismus und Protestantismus verschmelzen zum gleichen Herrschaftsprinzip) vorführend, die stets in der Unterdrückung oder Instrumentalisierung des Einzelnen durch eine Gruppe, in seiner Auslöschung im Kollektiv gipfeln. Weiße Rohre verschieben sich zu unterschiedlichsten Konstellationen und bleiben doch in ihrem Radius gefangen, ein Pferdebein zuckt mechanisch – der Fortschritt, der Zukunftsglaube steckt fest im Korsett des religiös verbrämten Unterdrückungsapparats. Jahreszahlen fliegen vorbei, Daten der amerikanischen Geschichte, in keiner chronologischen Ordnung. Eine lineare Entwicklung gibt es nicht, das Wachsen des demokratischen Organismus bleibt reine Illusion. Zuletzt sind zwei Ureinwohner zu sehen, unter dicken Masken, die Gesichter unbeweglich, unsichtbar. Wieder geht es um Sprache, um die Unverständlichkeit als Machtinstrument – wie schon in den göttlichen „Zungen“ des Anfangs. Englisch sollen sie lernen, um sich den Eindringlingen anzupassen, die wiederum, so bemerkt eine, nur die Worte lernen, die Dinge bezeichnen, die sie den Einheimischen wegnehmen wollen.

Sprache, Religion, Demokratie: Bei Romeo Castellucci verschwimmt das alles zu einem Gedankenbrei, der kultur- und geschichtskritisch sein will, und doch schwärzester Pessimismus ist. Die Regelsysteme, die der „zivilisierte“ Mensch seiner Welt – exemplarisch dem neu erfundenen, durch Auslöschung des Vorgefundenen geschaffenen Amerika – verpasst, sie begründen keine Herrschaft des Volkes, sondern ein ausgeklügeltes Unterdrückungssystem, das sich fortsetzt, weil es immer einen noch Schwächeren gibt, und dem das Blut nicht nur an den Händen klebt. Das ist eher eindimensional gedacht und ermüdet schnell. Auch weil der Bildmagier Castellucci sich zwischen Extremen bewegt. Die archaisch karge Klarheit der eineindeutigen Spielszenen steht der Bildverweigerug der nur noch erahnbaren Abstraktion gegenüber. Den Zwischenraum, der Ort sein könnte für Assoziationen, für Verbindungslinien, für die Kraft der Vorstellung, spart er aus. Alles ist entweder vollkommen klar und komplett unverständlich, klarste Konkretheit oder sperrigste Abstraktion. So zerfällt der Abend schnell in ödem Spiel und undurchdringlicher Einkapselung, bleibt der Diskurs über die Wurzeln des heutigen Übels verkopftes Spiel und plakatives Pamphlet. Zwischen den Polen entsteht keine Spannung, da ist nur Leere, eine Leere, die den Abend letztlich auffrisst, verschlingt in einem schwarzen Loch der Beliebigkeit, die so sinnfrei ist, wie so mache Fahnenaufschrift zu Beginn.

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