Trockenes Toilettenpapier? Danke, Merkel!

Yael Ronen und Exil Ensemble: Winterreise, Maxim Gorki Theater (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Warum ist deutsches Toilettenpapier so trocken? Warum nennen diese Demonstranten die deutsche Kanzlerin auf ihren Plakaten Fatima? Und warum hat der Bus eine von ausgestattete Küche, wenn man sie nicht benutzen darf? Es ist ein seltsames Land, in dem sich diese sechs wiederfinden. Künstler, Schauspieler*innen aus Syrien, Afghanistan, den palästinensischen Gebieten. Sogar ein palästinensischer Syrer – oder ist er syrischer Palästinenser? – der schon im „eigenen“ Land nicht verständlich machen kann, wer er ist. Überhaupt: verstehen. Einfach ist das nicht, wenn so vieles auf den ersten Sinn keinen Sinn zu ergeben scheint. Wie dieser Deutsche, auch Schauspieler, Niels heißt er. Deutsch, sich ängstlich an Regeln haltend, aber immer zu spät kommend. Seltsam. Winterreise ist die erste Arbeit des Exil Ensembles. Zu diesem hat das Maxim Gorki Theater professionelle, nach Deutschland geflüchtete Schauspieler*innen verpflichtet, die gemeinsam als Gruppe und in Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Künstlern in den kommenden mindestens zwei Jahren  Theater machen werden. Das erste feste Ensemble aus Geflüchteten an einem deutschsprachigen Stadttheater – allein dafür gebührt dem Gorki und den unterschiedlichen Förderern, denen Intendantin Shermin Langhoff am Ende der Premiere dankt, Bewunderung und Anerkennung.

Bild: Esra Rotthoff

Zu ihrem ersten Abend haben sie sich mit Yael Ronen zusammengetan, die hier bereits mehrfach biografisch inspirierte und kollektiv recherchierte, meist sehr unterhaltsame und nicht selten äußerst komplexe und tief gehende Abende über Identitäten und die ihnen innewohnende Tendenz zur Verschiebung gemacht hat. Eigentlich eine ideale Konstellation, um sich in dieses unbekannte – kalte – Land namens Deutschland aufzumachen, sich ihm anzunähern und dieses sich annähern zu lassen und dabei die eigene Position, die eigene Identität, den eigenen Status zu hinterfragen. Bertolt Brechts Gedicht von 1937, in dem er die Bezeichnung „Emigrant“ für sich und die anderen vor der Nazidiktatur Geflüchteten von sich wies, soll hier so etwas wie eine Klammer bilden. Immer wieder sprechen die sechs in Monologen von ihrer Heimatlosigkeit, von denen und dem was sie zurückließen, von Abschieden und Abwesenheiten, von der Leere, die bleibt. Und die sich schwer füllen lässt, wenn der neue – sehr deutsche – Freund stundenlang Pilze sucht und sich eine offene Beziehung mit zwei Freundinnen und deren Freundin wüscht. Das ist, wie die palästinensische Schauspielerin und Filmemacherin Maryam Abu Khaled in einer äußerst amüsanten Episode berichtet.

Die dem Tonfalls des Abends entspricht. Und zu seiner fundamentalen Schwäche führt: Sich auf den anderen einzulassen ist schwer, Da kann es helfen, wenn man zunächst das Eis bricht, sich über die Seltsamkeiten der „Fremden“ lustig macht und sie vielleicht selbst über sich zum Lachen bringt. Also verbringt der Abend viel Zeit damit, satirisch die deutsche Ordnungsliebe, die Zugeknöpftheit, die Angst etwas Falsches zu sagen, die Hyperkorrektheit und die Albernkeiten dümmlicher Angsteinbildungen von Pegida und Co. durch den Kakao zu ziehen. Die Busreise, die der Abend chronologisch nacherzählt, beginnt denn auch in Dresden – an einem Montag. So beobachtet man Pegida aus dem Hotelzimmer und fragt sich, ob Angela Merkel wirklich mit zweitem Vornamen Fatima heißt und Muslimin ist. Weiter geht es nach Buchenwald und später fällt Niels Bormann, der den Reisenden sein Land näher bringen will und den verkrampften Klischeedeutschen gibt, nichts besseres ein, ihnen Deutschland freundlicher erscheinen zu lassen, als ihnen ein noch langweiligeres Land zu zeigen, die Schweiz. Die weiteren Stationen sind nicht weiter wichtig, um „Land und Leute“ geht es da schon lange nicht mehr.

So bleiben die schön gezeichneten Cartoonzeichnungen auf der halbrunden weißen Videowand (Bühne: Magda Willi), die an eine Art Vortragssituation erinnern, den verwirrt neugierigen, verstehen wollenden aber immer wieder scheiternden Blick der Nicht-Emigrant*innen sichtbar zu machen. Dass diese Zeichnungen von der Gorki-Hausgrafikerin Esra Rotthoff stammen, also den Außenblick von innen imaginieren, ist eine weitere, wenn auch verschenkte Ironie. Das ist alles sehr unterhaltsam und oft hochkomisch, aber es birgt ein Grundproblem: Über die Ebene des Lustigmachens kommt der Abend nicht heraus. Pegida als lächerlich zu empfinden, die deutsche Regelwut zu persiflieren ist einfach, zu einfach. Winterreise bleibt dabei stehen, lehnt sich zurück, lacht ein bisschen und denkt nicht weiter darüber nach. Und so stehen vor allem die monologisch erzählten Fluchtgeschichten wie Fremdkörper im Raum, die das kollektive Amüsement bestenfalls ein wenig stören. Sie lassen überraschend kalt, dergleichen glaubt man schon etliche Male gelesen zu haben. Dass sie sich meist aus dem Spielfluss herauslösen, in Monologen gen Publikum dargeboten werden, lässt sie aufgesetzt erscheinen, raubt ihnen das Leben. Sie erscheinen eben wie Geschichten, mehrfach distanzierte Reportagen, weniger wie gelebte Leben.

Weil sie nicht zu dem passen wollen, was dieser Abend vor allem ist: ein launischer Ritt durch allerlei Klischees und Lächerlichkeiten, eine muntere Satire des ach so korrekten und natürlich immer verklemmten Deutschen, der dem „fremden Blick“ – dessen Konzept hier sträflich unhinterfragt bleibt – als vor allem eines erscheint: sehr albern, ein bisschen abweisend, aber auch harmlos. Natürlich bleiben auch die „kulturellen Eigenheiten“ der Neubürger*innnen nicht unverschont – allerdings eben auf einem ähnlichen Klischee- und (abwesenden) Reflexionsniveau. Dass in diesem Land Flüchtlingsheime brennen, dass die dämlichen Pegida-Marschierer Teil einer größeren, gar nicht so ungefährlichen Bewegung sind, dass sich hinter den hastig abgehandelten Fluchterzählungen und den hübschen Anekdoten über die Fremdheit in dieser neuen, unverständlichen, nicht selbstgewählten Welt, tiefe Verletzungen und Verluste verbergen, die sich nicht so leicht wegwischen lassen, ficht diesen Abend nicht an, der wirkt wie eine erste Themensammlung, Ergebnis einer frühen Proben- und Recherchephase, die in Form gebracht, künstlerisch bearbeitet, kontextualisiert werden will. Stattdessen breiten sie Ronen und das Exil Ensemble – auf das man sich zweifellos auch weiterhin freuen darf – unkommentiert vor dem Publikum aus. Eine Materialsammlung, die alles weglässt, was sich nicht satirisch verwenden lässt oder gar wehtun könnte, die irgendwann ziemlich unvermittelt abbricht und doch ein Theaterabend sein will. Das zumindest gelingt nicht im Ansatz.

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