Mehr wollen dürfen

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2017 mit einem Wiener Programm

Von Sascha Krieger

Tradition und die Wiener Philharmoniker – das gehört zusammen. Kein Orchester der Welt fühlt sich seiner Vergangenheit so verpflichtet wie dieses, keines pflegt seinen überlieferten Klang so sorgfältig, kaum eines ist Neuerungen gegenüber so skeptisch. Traditionen sind ihnen wichtig, die verbinden das Gestern und das Heute und ermöglichen, so der Traditionalist, erst das Morgen. Auch in Berlin hat dieses Traditionsbewusstsein des Klangkörpers jetzt Wurzeln geschlagen: Zum vierten Mal in Folge eröffnet er jetzt die alljährlichen Festtage der Staatsoper. Zu verdanken haben wir diese neue Tradition Daniel Barenboim, musikalischer Leiter der Staatsoper und seit vielen Jahren einer der Lieblingsdirigenten der Wiener. Mit ihnen teilt er den Fokus auf klangliche Brillanz auf Einheit, auf die Gesamtwirkung des Werks. Er ist kein analytischer Dirigent, keiner, der das Werk erst auseinandernimmt, um es dann neu zusammenzusetzen. Er betont seine Einheit und will diese zum Leben erwecken – eine Einstellung, die ihn fest mit diesem Orchester verbindet.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

An diesem Abend in der Philharmonie ist sie exemplarisch zu erleben. Mitgebracht haben Orchester und Dirigent ein rein Wiener Programm – natürlich. Gerahmt wird es mit Mozart. Zwei Sinfonien – eine der frühen seiner Wiener Zeit und eine späte, genau genommen, die letzte. So wenig die „Haffner-Sinfonie“ KV 385, die eigentlich als festliche Serenade begann, und die „Jupiter-Sinfonie“ KV 551 zu verbinden scheint, so ähnlich klingen sie an diesem Abend. Viel Zug verpasst Barenboim ihnen, einen satten, sehr dichten, geerdeten Klang, der ein wenig zur Dunkelheit neigt und stets fest auf seinen Füßen steht. Nichts ist zu spüren von der Zerrissenheit, die Kirill Petrenko an gleicher Stelle kürzlich in der „Haffner“ entdeckte. Bei Barenboim und den Wienern ist wenig Zweifel zu hören. Kompakt, ohne ein klangliches Gramm Fett, eilen sie voran, mit zuweilen etwas engem Korsett – Formstrenge ist ein verbindender Faktor beider Interpretationen – gern ein wenig muskulöser, aber doch immer organische Entwicklung suchen. Auch wenn die Binnendynamik mitunter sehr stark ausgeprägt ist, vor allem in den Sätzen zwei und vier der frühen sowie im Finale der späten Symphonie, halten sich die Ausschläge in Grenzen. Dieser Mozart, der hier streckenweise sehr nach Haydn klingt, dann wieder ein bisschen nach dem Mozart der Opern, ist fest grundiert. Er hat seine Mitte, gruppiert sich um diese, schöpft aus ihr seine Kraft.

Von der er eine Menge hat. Der schlanke Klang und die Verdichtungsbewegungen geben ihm immer wieder einen energisch vorwärts strebenden Charakter, gerade in den beiden Schlusssätzen, von denen der der „Jupiter“ nicht nur sehr lebhaft, sondern auch äußerst vielgesichtig daher kommt. Der Versuch, die Vielschichtigkeit von Mozarts Musik greifbar zu machen, ohne den Blick aufs Ganze zu verlieren, gelingt hier am besten. Zumal der einzigartige Klang der Wiener – die glashellen Holzbläser, die unfassbar glänzenden, samtigen Streicher – immer wieder verzaubert, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Dieser Mozart ist keine glatte Oberfläche, sondern ein energiereiches Kraftpaket. Der Preis ist seine Bruchlosigkeit, die Tendenz zur Verwischung spezifischer Charaktere – was für die einzelnen Sätze ebenso gilt wie für den Vergleich beider Werke als Ganzes. So sehr Orchester und Dirigent auf Wirkung setzen, so wenig interessieren sie sich für das Spezifische, so wenig bohren sie die Oberfläche an, um nachzuschauen, was vielleicht darunter sein mag. Und das darf man dann schon ein wenig schade finden.

Zumal sie beim dritten, dazwischen liegenden Werk, den entgegengesetzten Weg gehen. Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1 op. 9 fehlt diese Mitte. Für Barenboim heißt das, die musikalische Einheit zunächst ganz zu zerschlagen. In seinem ersten Drittel klingt das Werk erstaunlich stark nach Chaos, nach Durcheinander. Das hat damit zu tun, dass Barenboim die vielen unterschiedlichen Stimmen und musikalischen Elemente klar trennt und konsequent gleich gewichtet. So wird die Vielstimmigkeit schnell zur Kakophonie. Ein analytischer Ansatz ist nicht spürbar, Barenboim sucht den Kern nicht, er stellt aus. Das gelingt im weiteren Werkverlauf besser, in dem er zunächst noch stärker fragmentieren lässt, den Klang wirkungsvoll ausdünnt und so die großartigen Solist*innen in aller einsamen Verlorenheit scheinen lässt. Später priorisiert er dann doch, betont das – meist den Streichern vorenthaltene, gesangliche, erlaubt dann sogar so etwas wie Zugang. Und fremdelt doch weiter mit dem Werk: lässt Schärfen überbetonen, sucht den dramatischen Gestus, der dem Werk fremd ist. Wo bei Mozart die Konsequenz überzeugt, halten sich hier Formwille und Ratlosigkeit ob des Nichtpassenden die Waage. Beileibe kein schlechter Konzertabend, aber einer, der mehr wolle dürfte.

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