Revolution in der Halbdistanz

FIND 2017 – Gary Owen: Iphigenia in Splott, Sherman Theatre, Cardiff (Regie: Rachel O’Riordan)

Von Sascha Krieger

„Powerful“ ist ein Begriff, der in Rezensionen zu Gary Owens preisgekröntem Stück Iphigenia in Splott immer und immer wieder auftaucht. Als es 2015 in Cardiff uraufgeführt und wenige Monate später am National Theatre in London zu sehen war, überschlugen sich die englischsprachigen Kritiker, vergaben reihenweise fünf Sterne, Andrew Haydon sah im Guardian sogar den Beginn einer Revolution. Jetzt ist die damals als bestes neues Stück ausgezeichnete Produktion in Berlin zu sehen und der Rezensent reibt sich verwundert die Augen. Auch, wenn am Ende der Schlussapplaus aufbraust. Was, so fragt sich (nur?) der Autor dieser Zeilen, habe ich in den letzten gut 70 Minuten verpasst? Um es gleich vorweg zu nehmen: Iphigenia in Splott in der Uraufführungsregie ist keine Theaterkatastrophe. Es ist ein gut gemachtes Ein-Personenstück, unterhaltsam geschrieben und ohne Längen inszeniert – und phänomenal gespielt von einer nichts zurückhaltenden Sophie Melville. Aber eben auch nicht mehr als das.

Bild: Mark Doeut

Effie heißt ihre Figur. Sie lebt in Splott, einem heruntergekommenen Stadtteil Cardiffs. Sie geht jeden Abend aus, trinkt sich regelmäßig an den Rand des Komas, ist schon morgen besoffen und vögelt sich durch das zu wünschen übrig lassende Männerangebot ihrer Stadt. Sie lässt sich von niemandem etwas erzählen, wird schon bei imaginiertem Widerstand aggressiv und zeigt der Welt den Mittelfinger. Dass diese sie als „Schlampe“ einschätzt, nimmt sie als Auszeichnung hin. Eine Fleisch gewordene Herausforderung auf zwei Beinen. Seht mich an, schreit sie der ignoranten Welt entgegen. Das ist der erste Teil. „Geordie Shore“ (wer es nicht kennt, sollte es vielleicht auch nicht googlen) auf Speed. Oder eben Wodka.

Dabei bleibt es natürlich nicht, denn Effie hat Gefühle, sehnt sich nach Nähe. Die scheint sie in Lee zu finden, einem verwundeten Soldaten, mit dem sie eine besondere Nacht verbringt. Er gibt ihr das Gefühl, nicht mehr allein zu sein, sie macht ihm klar, dass er nicht beschädigt, immer noch vollwertig ist, als Mensch, als Mann. Natürlich ruft er sich nicht zurück, was sie dazu anstachelt, ihn zu stalken. Wie sie nicht loslassen kann, sich die Verzweiflung, die sich anstauende Leere entlädt in einem Rausch manischer Aktion, ausgedrückt in maschinengewehrartigem Sprechen, ist der stärkste Teil dieses Abends. Wo die Vorstellung Effies reichlich klischeehafte Sozialsatire war und die vermeintliche Liebesgeschichte eher süßlich verzuckert als schmerzvoll daherkam, ist nun ein roher Schmerz fühl und sichtbar. In der manischen Ruhelosigkeit wird tatsächlich kurz die Unmittelbarkeit, die Direktheit, die ungefilterte wütende Verzweiflung spürbar, die Stück und Abend behaupten, entstehen kleine Kratzer, hinter der dicken Wand, die sich bislang zwischen Bühne und Publikum aufgebaut hat, springt uns die Klischeefigur plötzlich in einem Anfall von Wahrhaftigkeit an. Dass Regisseurin Rachel O’Riordan es für nötig hält, die inneren Kämpfe Effies mit allerlei netten Lichteffekten und illustrativem Sound zu verstärken, stört hier weniger als an anderen Stellen.

Aber wo bleibt jetzt eigentlich die titelgebende Iphigenie? Sie kommt gegen Ende dazu und sorgt mit dafür, dass der Abend sich nicht nur wieder zurückzieht, sondern gar droht, gänzlich in sich zusammenzufallen. Die Geopferte, das ist natürlich Effie, der Opfernde die Gesellschaft, der Empfänger des Opfers der alles beherrschende Kommerz. Effie ist – natürlich – schwanger, die hat entgegen üblicher Gewohnheit bei Lee auf ein Kondom verzichtet, aus Liebe natürlich – das klingt nicht nur nach „GZSZ meets Rosamunde Pilcher“, das fühlt sich auch so an – und verliert ihr Baby aufgrund der kaltherzigen Kürzungen im Gesundheitssystem, die jene „ganz unten“ am härtesten treffen. Jetzt ist der Abend plötzlich politisches Manifest, Effie nur noch als Opfer der selbstgemachten Zustände interessant, auch wenn sie sich wehrt. Dass sie auf eine Klage verzichtet, weil diese zu noch mehr Kürzungen führen könnte, ist ein wirksam bitterer Twist, bekommt die dritte Dimension aber nicht mehr zurück auf die Bühne, die mit ihren längst aus der Fassung gefallenen Neonröhren ein Sinnbild des gewollten Verfalls sein will.

Man darf es gern noch einmal betonen: Sophie Melville ist phänomenal. Sie hält die Spannung ganz allein über 70 Minuten aufrecht, wühlt sich in jede Ecke des Textes und ihrer Figur – wenn es Momente gibt, die entsetzen, berühren, erschüttern, verunsichern gehören sie ihr. Denn der Text macht es sich ein wenig zu einfach. Die Dramaturgie ist mehr als vorherseh- und durchschaubar: Zunächst die taffe Prollbraut, die sich als empfindsame Liebessucherin entpuppt, die zurückgewisen vor Verzweiflung rast, kurz hofft und am Ende von der Welt in Stich gelassen wird – nicht ohne in ihrem eigenen Umfeld von den taffen aber natürlich eigentlich tief drinnen herzensguten Mitunterschichtlern Wärme zu empfangen – und die am Ende aufbegehrt. Das ist ebenso schlüssig wie klischeegetränkt, ohne jede Überraschung gedacht, mit einer Sprache versetzt, die in ihrer schimpfwortreichen Rohheit seltsam konstruiert wirkt, und zwängt die Figur in ein enges deterministisches Korsett, dass Melville zwar voll ausfüllt, das aber keine offenen Enden, nichts Nichtaufzulösendes hinterlässt. So sehr das Stück Authentizität schreit, so sehr bleibt Effie dezidiert Theaterfigur, abgerundet, ausinterpretiert, keine offenen Fragen zulassend. Auch die Regie scheut die harten, rauen Kanten, schleift ab, wo sich Stachel bilden könnten.  Der Abend langweilt nicht, aber er bleibt in der Halbdistanz. Doch genau dort gehört er, gehört diese Frau, die natürlich keine Iphigenie ist, eben nicht hin.

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