„Wer würde sich entscheiden, nicht zu sein?“

FIND 2017 – Dead Centre: Hamnet (Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel)

Von Sascha Krieger

Über 90 Millionen Mal hat er den Ball schon gegen die graue Wand geworfen, immer ist er abgeprallt. Aber, so hat er auf Google gelesen, wenn er es unendlich viele Male tut, wird er irgendwann einmal die Mauer passieren. Zumindest hofft er das. „Quantentunnel“ heißt das. Er, das ist ein 11-Jähriger in T-Shirt und Kapuzenjacke, der seinen Sculrucksack mit sich trägt. Als wir ihm das erste Mal begegnen, ist er auf der Rückwand zu sehen, eine Projektion, vor uns, dem gespiegelten Theaterauditorium. Bald steht er leibhaftig auf der Bühne, in Gestalt des fabelhaften jungen Dubliners Ollie West, und bleibt doch, immer in der Gegenperspektive, auch Projektion. Nein, das ist kein gewöhnlicher Schuljunge, der sich und uns zunächst fragt, ob vielleicht sein verschwundener Vater im Publikum sei. Hamnet heißt er, ja mit „n“ – was für ein Unterschied ein Buchstabe doch macht. Der Shakespeare-Kenner weiß: Hamnet hieß des Dichters einziger Sohn, gestorben im Alter von 11 Jahren, sein Vater zum Zeitpunkt des Todes abwesend. Vor diesem Hintergrund erschließen sich die Bemerkungen des Jungen, schon sehr lange 11 Jahre alt zu sein, nicht zu wachsen, seinen Stimmbruch nicht zu erleben. Nein, er ist nicht gerade auf dem Heimweg von der Schule, er ist hier gefangen in einer Zwischenwelt, hoffend, irgendwann die Wand zu durchbrechen.

Foto: Ste Murray, Bild: Jason Booher

Nichts habe er getan, nichts erreicht, kein großer Mann sei er – wie sein Vater. Hamnet ist die Geschichte eines Sehnenden, eines, der etwas bedeuten, bewegen will, der seines Vaters ebenbürtig sein will und doch halb ahnt, dass er dies nicht kann. Er ist, wie sein Vater, ganz Projektion, später sagen wird, nichts. Er will die Worte verstehen, die Schimpfworte, die sein (imagin-ärer?) Freund Andy benutzt – und jene in diesem dicken Buch, das er mit sich herumschleppt. Die Werke seines Vaters. „To be or not to be“, hebt er an und fragt sich, was die Antwort sei. Als sein „Vater“ ihm später erklärt, dass es keine gebe, sondern es um eine Entscheidung jedes Einzelnen gehe, fragt er ungläubig: „Aber wer würde sich entscheiden, nicht zu sein?“Die Frage eines Zehnjährigen? Warum eigentlich erscheint sie uns Alten, Abgeklärten so komisch?

In den Arbeiten des Dubliner Theaterkollektivs Dead Centre geht es immer auch um ihr Medium, um die Mittel, die Realität, die Rolle des Theaters selbst. Das ist – bei diesem Thema ganz zwangsläufig – auch hier der Fall. Das Theater ist der Existenzraum Hamnets, der einzige, der ihm geblieben ist, und er verdankt ihm seinen Vater. So nimmt er die Werke des Vaters nicht nur als dessen Ersatz – sie werden auch zu seinem Lebensraum, seiner Existenzgrundlage. Die Welt, in der wir ihm gegenübersitzen, ist ihm unbekannt, er hatte keine Zeit, sie kennenzulernen und so versucht er sich ihr über die Texte des Vaters zu nähern. Und scheitert: Denn die Erwachsenenwelt muss ihm fremd bleiben, er kann ihr nie angehören. Doch wie ist es eigentlich andersherum: Wie nahe können wir ihm kommen, dem 11-Jährigen, der wir mal gewesen sein mögen und den wir längst vergessen haben? „Wer wird mich schreiben?“, fragt er gegen Ende. Und wer kann es? Zusammen kommen die Welten nicht. Während seine Projektion auf der Wand mit dem Vater spricht, geht sein Blick auf der Bühne ins Leere. Hier zeigen sich exemplarisch die Möglichkeiten des Theaters als Ort, an dem das Vergangene, Verlorene wiederauferstehen kann, als Raum der Fantasie, des Unmöglichen, wo das Nichtvorhandene real werden kann. Aber auch seine Grenzen: Denn diese Realität ist eine temporäre, der Einbildungskraft des Zuschauers geschuldete, außerhalb des Theaterraums hat sie keinen Bestand.

Hamnet spielt dies auf virtuose Weise durch: durch die Dopplung des „realen“ und des projizierten Hamnet, die gleichzeitige An- und Abwesenheit des Vaters, durch den Wechsel beider gegen Ende von der Bühne auf die Wand und zurück oder den fehlschlagenden Versuch, mit der Wirklichkeit in Kontakt zu kommen, in dem ein Zuschauer den Vater in Hamlet gibt. Das geht ordentlich schief, nur die Todesszene am Schluss bekommen sie gemeinsam hin. Der Abend behandelt den existenziellen Schwerz eines Vaters, der aus dem Verlust des Sohnes, aber auch den eigenen Schuldgefühlen entsteht; die Sehnsucht des Kindes nach Größe, Bedeutung, Leben und die Verzweiflung darüber, vermeintlich nicht zu genügen; die schwierige Beziehung zwischen Vater und Sohn (man denke an den wunderbaren Square Dance zu Johnny Cashs „A Boy Named Sue“); die Unmöglichkeit, den anderen zu verstehen, zu fassen, vor allem über die Generationen hinweg; den Tod als am wenigsten fassbare und doch gewisseste aller menschlichen Realitäten; und das Theater als Raum des Träumens, des Möglichmachens, des Lebens nicht gelebter Leben, des Zusammenkommens derer, die das eigentlich nicht kommen – aber eben auch als illusionärer Ort, der das Leben zur Projektion vereinfacht, den Menschen zum von einem anderen imaginierten, als einer, an dem Realität vorgespielt, aber nicht erzeugt wird. Am Ende sind nicht nur Bühne und Wand leer, sondern auch der gespiegelte Zuschauerraum. Der Tod bleibt real, der selbstverständliche Wunsch zu sein ebenso. „Wer bin ich“, fragt Hamnet einmal. „Du bist elf“, antwortet der Vater. Ein intensiver kleiner und doch beinahe unendlicher Abend, der so manche Wand durchbricht. Auch ohne Quantentunnel.

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