Wenn es dunkel wird

FIND 2017 – Roberto Farías und Pablo Larraín: Acceso (Regie: Pablo Larraín)

Von Sascha Krieger

Sandokan schwitzt. Sandokan rast. Sandokan hetzt rastlos hin und her, preist Waren an, die keiner will. Sandokan starrt an, gefühlte Minutenlang, sucht Augenkontakt, wirft sie wie einen Fehdehandschuh in die Arena, eine fiebernd manische Herausforderung in Form eines vielfach Geschlagenen, eines, der ganz unten angekommen ist, der vom Hof gejagt wurde, weil er Anschluss, Zugang suchte. Berlinale-Besucher kennen ihn vielleicht. In Pablo Larraíns El Club, 2015 im Berlinale Wettbewerb, platzte er als menschliches Störfeuer in eine Runde ehemaliger Priester, die, wie der Zuschauer erst nach und nach erfuhr, verstoßen wurden wegen moralischer Vergehen, die auch kriminelle waren, aber nie als solche geahndet wurden. Sandokan war das Opfer, drogenabhängig, vom Leben ausgespuckt, manisch anklagend, wütend, um gehört zu werden und am Ende doch nur als lästig abgetan. Jetzt, in Larraíns erster Theaterarbeit, bekommt er seine Bühne. Sie ist leer, oder besser: Sie ist das Publikum, die Gesellschaft, die Welt derer, die dazugehören. Ihnen will er allerlei Trödel verkaufen: die chilenische Verfassung, eine Kinderbibel, esoterischen Kram. Alles für nur 2.000 Pesos. Atemlos preist er sein Warenlager an, sorgt in seiner vermeintlich schmerzfreien Unverschämtheit für manchen Lacher.

Bild: Sergio Armstrong

Der schnell im Halse stecken bleibt. Denn es braucht nicht viel, um ihn, wie im Film gespielt von Roberto Farías, der auch am Text mitgearbeitet hat, aus der Bahn zu werfen. Ein Stichwort nur, „Fernsehen“ etwa oder „Fitnessstudio“ und er ist tief drin in der eigenen Vergangenheit, in den Schmerzen, die ihm zugefügt wurden, die er erduldete, später suchte und von denen er nicht loskommt. Ein Mensch wie eine offene Wunde. Dann wird es dunkel – im Saal und in ihm. Er geht zurück: zum Vater der Freundin, den er tötete, nachdem dieser ihn attackierte. Zum unbarmherzigen Gericht, das ihn, den Jungen, der sich verteidigen wollte, ins Gefängnis warf. Zum Jugendheim mit den Priestern, die ihn vergewaltigten, die ihn an andere Pädophile vermieteten, die zahlten mit Pizza und Kokain. Ein Gebrochener, Ruheloser, herumgeworfener, der stets nur eines wollte: Zugang. Zugang zur Gesellschaft, zum selbstbestimmten Leben, zu Zuneigung. Zugang, den ihm die Welt verwehrte, den sie ihm bestenfalls vorgaukelte als Lohn für all die Erniedrigungen, die Ausbeutung als Sexualobjekt, das Weggeworfenwerden als pures Stück Fleisch, als Penis-Einsteckfach.

Sandokan erzählt, zwanghaft, fiebrig, rasend, von all den Missbräuchen. Er lässt kein Detail aus, scheint sich im Entsetzen der Zuhörer zu weiden. Immer wieder sucht er sich einen aus, kommt ihm ganz nah, starrt ihm eine qualvolle Ewigkeit aus nächster Nähe in die Augen. Wir, die er ganz am Ende als Voyeure beschimpfen wird, sind für ihn die Welt, die ihn ausgestoßen hat und immer ausstoßen wird. Nur einmal entsteht so etwas wie wirkliche Nähe. Da bietet er einem Zuschauer die Weinflasche an, aus der er immer wieder trinkt. Dieser akzeptiert, nimmt einen Schluck. Eine Geste der Solidarität, der Anerkennung gemeinsamen Menschseins. Farías nimmt des Zuschauers Hand, kniet nieder in einer Geste größter Dankbarkeit. Ein winziger Hoffnungsschimmer in einer See des Schmerzes. denn gleich geht es weiter, immer tiefer hinein in die seelischen wie körperlichen Verwundungen, die Entmenschlichung eines, der nicht Mensch sein darf in den Augen derer, die sich herausnehmen, dies zu entscheiden.

Einer, der nach jedem Strohhalm greift. Der den Missbrauch umdeutet zur Liebe, der der körperlichen Nähe verzweifelt nachtrauert, der sie einst als einzigen Liebesersatz annahm, suchte, ersehnt, die eigene jüngere Schwester mitnahm, damit sie diese Liebe, bestehend aus Vergewaltigungen und billigen Geschenken, ebenfalls erführe. Wenn die Penetration von Küssen begleiten war, galt sie ihm als Liebe. Eine Illusion des „Zugangs“, des Dazugehörens. In diesen Momenten war er für seine Peiniger wertvoll, war er Teil ihrer Welt, hatte er „Acceso“. Er bricht ab, immer wieder, sucht sich in der Stille und findet doch nur den nervig komischen Verkäufer oder den aggressiv alles und jeden anklagenden und sich gegen sein Opfertum wehrenden Geschlagenen. Ein Dazwischen gibt es nicht, eine Mitte ist ihm verwehrt.

Acceso tut weh, soll es auch, überfällt den Zuschauer in seiner Unmittelbarkeit, dem Niederreißen sämtlicher schützender Barrieren, greift ihn an in seiner Mehrheitsgesellschaftsblase, seiner Zivilisationsillusion, konfrontiert er mit der Wunde, die er ist, und die wir, die Zulassenden, Wegschauenden, uns in die eigene Komfortzone zurückziehenden, mit geschlagen haben und immer weiter schlagen. Sandokan zerrt uns brutal heraus aus unserem Schutzraum, zwingt uns hinzusehen, hinzuhören, eine Gesellschaft wahrzunehmen, die Gewalt, Missbrauch, Entmenschlichung, die Zerstörung, derer, die sich nicht wehren können, als Machtmittel einsetzt, die mit der Sehnsucht dazuzugehören spielt und sie auf brutalste Weise ausnutzt, der es sogar gelingt, das Opfer sich nach seiner Peinigung sehnen zu lassen, die Unterdrückung als Segen darzustellen, als letzte Liebes- und Zuneigungsbekundung einer abweisenden Welt, die von der Existenz dieser bestenfalls als entindividualisierte Lustobjekte Akzeptierten nichts wissen. will. Wenn sich Farías immer wieder in eine Jesuspose wirft, ist das ein stummer Schrei nach Erlösung. Sie wird nicht kommen, er und seinesgleichen werden zwar negiert, aber doch gebraucht. Wir können ihn nicht retten – oder wollen wir es nicht. Da steht sie, die unangenehme, unerträgliche Frage. Ein Mensch, schwitzend, herausfordernd, nicht wegzuleugnen. Er ist da, er geht nicht weg, er gehört zu uns. Im Licht wie im Dunklen.

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