Lauwarmer Kartoffelsalat

FIND 2017 – Richard Nelson: The Gabriels: Election Year in the Life of one Family. Teil 2: What did you expect?, The Public Theater, New York (Regie: Richard Nelson)

Von Sascha Krieger

Es ist wie ein Besuch bei Freunden, die man lange nicht gesehen hat. OK, sie heißen jetzt anders und ein paar neue Gesichter sind auch dabei. Aber natürlich lässt sich in den Gabriels, die Autor und Regisseur Richard Nelson durch das wohl seltsamste aller amerikanischen Wahljahre schickt, natürlich die Familie Apple wiederfinden, mit denen er sich vor ein paar Jahren an wesentlichen Momenten der jüngsten amerikanischen Geschichte abarbeitete. Das Prinzip ist das Gleiche: Jeweils für einen Tag besuchen wir die Damen und einen Herren, allesamt mittleren bis fortgeschrittenen Alters, schauen in ihrem Zuhause – in diesem Fall einer Wohnküche – vorbei und hören ihnen zu. Es geht vor allem um Persönliches, Privates, Existenzielles. Der Mann von Protagonistin Mary ist tot, die Vorvorgängerin hilft bei der Ordnung des Nachlasses und der Suche nach teuer Verkäuflichem darin. Die Geschwister des Verstorbenen plagen Geld- und Zukunftssorgen, der Heimatort wird zunehmend gentrifiziert, die Mutter kann sich das Altenheim nicht mehr leisten, mehrere Häuser sind in Gefahr. Und zu alledem kommt, wenn auch zumindest im zweiten Teil nurmehr als lästige Fußnote, die politische Umwälzung eines Landes, dass die (einstigen?) Mittelschichtler – Thomas war Theaterautor, Mary Ärztin – zunehmend nicht mehr als das eigene erkennen.

Bild: Joan Marcus

Die wachsende Entfremdung der Ostküstenintelligenz, das Aufbrechen kaum noch miteinander kompatibler Amerikas war schon in den Apple Family Plays ein wichtiges Thema, hier rücken sie ganz in den Mittelpunkt. Oder versucht es zumindest, denn die Grundkonstellation des familiären Zusammenseins bei der Essensvorbereitung macht es den „großen Themen“ nicht leicht. Das ist Absicht, das organische Herausschälen des „großen“ aus dem vermeintlich „Kleinen“, Privaten, Alltäglichen, war schon in der Apple-Familie Programm. Also werden zunächst allerlei Geschichten und Anekdoten erzählt. Nicht zum Selbstzweck: Dass diese Miniatur-Gesellschaft vor allem in und durch ihre Erzählungen, also eine mehr oder minder verklärte, immer jedoch geformte Vergangenheit lebt, ist selbstverständlich eine wesentliche Metapher dieser Stücke. Diese Welt ist eine von gestern, dabei aufgerieben zu werden zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und deren Gegenbewegungen, die polarisieren und keinen Platz mehr für eine Mitte lassen.

Wo sich natürlich auch Brüche auftun: Der Konflikt zwischen Thomas‘ Schwester Joyce und ihrer Mutter ist stets subtil und immer präsent, das Misstrauen der Schwägerin gegenüber der Exfrau des Schwagers freundlich und unnachgiebig, der Bruderzwist auch nach dem Tod liebevoll und unerbittlich. Private Konflikte werden verdrängt, die Fassade lächelt, und doch schwelen sie weiter, dürfen im Dunkeln wachsen, nagen kaum sichtbar an dem Fundamenten, die von der „großen Welt“ gerade ohnehin weggespült werden. Die Sinnkrise des Landes, die diese Menschen für überflüssig erklärt, spiegelt sich in der Selbsthinterfragung des Lebenssinns dieser zunehmend Ziellosen. Das ist klug gedacht, subtil entwickelt, in einem natürlichen Konverstionston erzählt – und ungemein vorhersehbar und mit der zeit, nun ja, recht langweilig. Was bei den Apple Family Plays noch zündete, die kompliziert widersprüchliche Verwebung des Politischen und des Privaten, ist hier eher ein Klotz am Bein. Im zweiten Teil etwa wirkt die politische Ebene küntlich aufgepappt, scheint gar nicht mehr zu interagieren mit der privaten.

Auch dies ist sicher nicht unbeabsichtigt, hat doch das Politische längst aufgehört, diese Gesellschaftsblase zu inspirieren. Hier brennt keiner für Hillary Clinton, lässt sich erahnen, wie der provokante Populist auf der anderen Seite in der Lage sein konnte, die vernünftige aber eben überhaupt nicht begeisternde Alternative ausstechen konnte. Auch weil – und auch das ist ja ein oft gehörtes Klischee der politischen Analyse, die liberale Elite „die da unten“ und eben auch die ehemalige Mittelklasse vergessen haben und bestenfalls als Ausbeutungsobjekte zu brauchen glauben. Das Klischee von der abgehobenen domestizierten Linken, es könnte aus dem Wahlkampfteam Trumps stammen. Diese Menschen brennen nicht mehr für die Politik, sie sehen keinen Sinn mehr darin, für die Zukunft zu kämpfen. Vielleicht weil sie ahnen, keine mehr zu haben. Die auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, ein unkontrollierter Raubtierkapitalismus 2.0, der auch diese Familie mit an den Rand des Ruins gebracht hat (die Mutter etwa hat sich krumme Hypothekengeschäfte aufschwatzen lassen, durch die sie jetzt aus dem Seniorenheim zu fliegen droht), eine Frauengeneration, die in Sachen Emanzipation aus lauter Selbstbestimmung eher ein paar Schritte rückwärts gemacht hat, ein Land, das nicht mehr weiß, wofür es steht.

Die Gegenentwürfe, die sich in den früheren Stücken noch finden ließen – wenn auch meist in der Vergangenheit – sie fehlen hier gänzlich. Das Amerika, das einst der Welt Hoffnungsträger sein wollte, ist tot. Und so wird das Kartoffelschälen an altem Mobiliar und auf nicht minder schäbigen Teppichen zur Geisterstunde, zum Abgesang auf eine verschwindende Welt, dienen die Black-Phasen, die Zeitsprünge andeuten, nach denen in medias res weiter diskutiert wird, auch zur Betonung des Ewiggleichen. Und hier liegt die Krux dieser Abende (zumindest des zweiten): Die Weltsicht ist nicht nur düster, sie ist auch extrem eindimensional, was die Figurenzeichnung einengt und die Weltsicht zusammenschnurren lässt. Alles geht den Bach runter, wer noch Optimismus hegt, ist naiv, der tote Thomas – ein Theaterautor natürlich! – ist nur konsequent vorangegangen. Pessimismus ist die Triebfeder dieser Arbeit, ein Pessimismus, der in seiner Unbedingtheit wenige Schattierungen zulässt, die Szenerie in ein gleichmäßiges Grau taucht und es den Figuren schwer macht, dreidimensional zu werden, „echt“ zu erscheinen, Spiegelbilder des meist bildungsbürgerlichen Publikums. Nur lebt eben Richard Nelsons Theater gerade von dieser Authentizitätsbehauptung und Spiegelfunktion. So sehr man diese Figuren lieben will, so wenig greifbar sind sie.  Doch als universelle Prinzipien, als Verkörperungen solcher taugen sie eben erst recht nicht in ihrer klischeegetränkten plakativen Verlorenheit. Was bleibt, ist eine Ratlosigkeit auf der Bühne, die der Abend teilt aber nicht reflektiert. Das Ergebnis ist eine lauwarme Betriebstemperatur, die den Reflexionsprozess beim Publikum kaum anregt.

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