Es lebe die Narrheit

Edmond Rostand: Cyrano de Bergerac, Thalia Theater, Hamburg (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Ein Vorhang, ja, ein echter Vorhang. Rot und schwer hängt er da zu Beginn dieses Dreistünders und kündet: Hier wird Theater gemacht. Ganz klassisch, mit vierter Wand und Illusion und Geschichte und so. Und ohne Fremdtext. Hach, ist das altmodisch. Das war es nicht immer. Als Leander Haußmann einst die deutschsprachigen Bühnen stürmte, war seine Feier des reinen Spiels eine Sensation, ein frischer, reinigender Sturm, der Staub hinwegfregte und Hirne befreite, der so viel Lust machte wie er lustvoll war. Eine Liebesgeschichte war es, die vor allem hängen blieb, seine gefeierte Münchner Inszenierung von Romeo und Julia, zwei Liebende, die zueinander nicht kommen konnten und doch alles, auch das Leben, gaben, um dem Schicksal und den Verhältnissen zu tropfen, die sich und den anderen im und durch das Spiel fanden, auch wenn sie einander verloren. Von der Unmöglichkeit asymmetrischer Liebe kündet nun auch dieser Abend, 25 Jahre später. Ein paar Worte Heines (ein bisschen Fremdtext gibt es dann doch) künden davon, vorgetragen von Marina Wandruszka im Nonnenkostüm, vor dem zweiten illusorischen Vorhang, der sich bald als semitransparent entpuppt. Dahinter: die Spiegelung des Thalia Theaters.

Bild: Krafft Angerer

Wir sind hier, ganz klar im Theater. In Edmond Rostands spätromantischem Versdrama Cyrano de Bergerac, um genau zu sein. Auch dies eine unmögliche Liebesgeschichte: Cyrano, Adliger, Haudegen, Schriftsteller, „gesegnet“ mit einer allzu großen Nase, liebt Cousine Roxane. Die hat nur Augen für den schönen Christian, der jedoch ein wenig tumb geraten ist. Also tun sie Cyrano und Christian zusammen: Ersterer verfasst letzteren Liebesschwüre, dieser leiht sein schönes Gesicht. Körper und Geist, fein säuberlich getrennt, verschmelzen in den Worten des Dichters und sind sich selbst dochnie genug. Cyrano kann Roxanes Herz ohne Körper und Schönheit Christians nicht erobern und dieser selbiges nicht ohne Cyranos Geist und Witz erreichen. In Zeiten von Instagram und YouTube, in der Profilbilder und Selfies zur harten Währung im globalen Popularitätswettstreit geworden und, wenn passend, allein zur Karriere zu reichen scheinen, ist das Thema alles andere als gestrig. Der schöne Schein ist mehr denn je Waffe, Ware, Zahlungsmittel.

Nun gilt Leander Haußmann nicht als großer Vergegenwärtiger. Auch hier nicht: Die Darsteller*innen stecken in historischen Kostümen, entdecken die wunderbare Kunst des Bühnenfechtens wieder, sprechen die Verse in der durchaus frechen Übersetzung Frank Günthers in aller Deutlichkeit, auch gern mal mit reichlich Pathos. Und spielen doch „nur“ Theater. Auch wenn die Thalia-Spiegelung entschwindet, ist hier alles Bühne, alles Spiel. Illustrativ spült sich die Musik immer nett ironisch durch die Handlung (neben allerlei Klassik dürfen – wie sind bei Haußmann – auch Dylan und Cohen nicht fehlen) – der tote Christian etwa entfliegt zu den Klängen von „Bird on the Wire“, leicht wie die Illusion, die er war. Es gibt semitransparente Wände, Ballettchoreografien, die Balkonszene aus Romeo und Julia wird in einer wunderbaren Mischung aus Spiel und Projektion persifliert und multipliziert, es wird chargiert, farcenhaft überzeichnet, wir sehen Slapstick und die ganz große Tragödie. Die Darsteller*innen kämpfen und lieben und rasen sich durch die wahnwitzige Geschichte, fallen auch gern mal kurz aus der Rolle, wenn der Text denn zu schwülstig wird oder man vor lauter Romantisieren nicht von der Stelle kommt. Es regnet Konfetti, im Hintergrund steht ein aus Rohren zusammengesetzter Lebens- und Liebesbaum (Bühne: Theresia Anna Ficus), der nur als Projektion erblüht und sich entblättert, wenn die Liebesträume sterben – was sie allzu häufig tun.

Das ist oft lächerlich, immer unterhaltsam, nicht selten wunderbar albern. Und hat doch Tiefe. Denn die Theatralität, die Haußmann diesem Theaterschlachtross lässt, paart sich ganz wunderbar mit dem Auseinanderdriften von Sein und Schein, der Anbetung letzteren und der Verachtung ersteren, von dem die Geschichte erzählt. Natürlich ist auch das Theater ein Ort des Scheins, der das Sein sucht oder zumindest vorgaukelt, ein Ort des Glücks für Cyrano, der sich im Verborgenen ein kleines Glück sucht, sich einredend, dass das, was Roxane liebt, doch eigentlich seine Worte sind. Das Leben als Spiel, bei dem am Ende alle verlieren und doch der eine oder andere Sieg bleibt. Jens Harzer ist dieser riesennasige Cyrano und er ist eine Naturgewalt: verzweifelt, erregt, verspielt, spöttisch, tieftraurig und doch auch ganz zuletzt noch voller Dankbarkeit und Hoffnung. Sein Spiel reißt mit, belustigt, begeistert, berührt. Stark auch Sebastian Zimmler als Christian: Gockelhaft stellt er den gestählten Körper aus, potenziert die Lächerlichkeit dieses tumben Gesellen und findet dann doch eine zarte Seele voller Selbstzweifel und Reue. Wenn sein Christian, gerade in die tödliche Schlacht gezogen, versucht, Cyrano und Roxane zusammenzuführen, ein Versuch, der abbricht, als die Kunde von seinem Tod kommt, dann ist das ergreifend und von einer existenziellen Wahrheit, wie sie nur der Schein des Theaters zu erzeugen vermag.

Es gibt einige dieser Momente inmitten der See komödiantischen Überschwangs: Wenn sich der Abschied ins Feld etwa als Dreifachumarmung entpuppt oder Cyrano ganz am Schluss, sterbend den Baum der Fantasie ersteigt und ihm Roxane (ein wenig distanziert: Marina Galic) folgt, dann triumphiert hier nicht nur das Theater als Ort der Einbildungskraft, als Möglichmacher des Unmöglichen, sondern dann ist hier der existenzielle Kern des Menschlichen ganz bei sich. Das war vor einem Vierteljahrhundert im Romeo schon so und das ist es, viele theatrale Revolutionen, die Haußmanns Theater heute altmodisch erscheinen lassen, noch der Fall. Denn hier ist Lust, Leben, Lieben, Scheitern, ohne Angst vor der Lächerlichkeit und ohne Illusion, dass alles gut werden wird. Der Urgrund des Theaters ist das Spiel und Leander Haußmann feiert es an diesem Abend mehr denn je. Nicht als Wirklichkeitsbehauptung, aber als Ausdruck menschlichster Lebensgier. Die Vision, dass dereinst das Sein den Schein bezwingen möge, teilt er nicht, der Scheinhaftigkeit des eigenen Tuns ist sich dieses Theater stets bewusst. Aber auch seiner Kraft – und seines Rechts – die Wahrheit zu sagen. Wie der Narr, den alle verlachen und um dessen Wahrhaftigkeit doch jeder weiß.

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