Ohne Linie

Der designierte Chefdirigent Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Es ist die Wochen der zukünftigen Berliner Chefdirigenten. Gerade erst hat Kirill Petrenko sämtliche Zweifel an seiner Wahl als nächster Philharmoniker-Chef in Orkanstärke aus der Philharmonie geblasen, da dirigiert Vladimir Jurowski zwei Konzerte im Konzerthaus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, das ab Herbst „seines“ sein wird. Nicht sein erster Auftritt nach der Wahl und doch heißerwartet, zumal er sich – wie Petrenko – mit zwei Mozart-Werken im Kernrepertoire bedient und zugleich ein Statement in Richtung zeitgenössischer Musik abgibt. Womöglich auch ein programmatisches, schließlich gibt er den beiden Abenden eine sehr klare thematische Klammer. Die Auseinandersetzung mit Tod und Trauer steht im Zentrum aller drei Werke. Das beginnt mit einer Gelegenheitsarbeit, Mozarts „Maurerische Trauermusik“, eine Auftragsarbeit für die Freimaurer, deren Mitglied der Salzburger bekanntlich war. Ein SAtück öffentlicher Trauer, das bei Jurowski denn auch mit reichlich Oberflächenglanz daherkommt. Der Russe ist ein Freund des Schönklangs, was sich bei diesem Sieben-Minüter durchaus auszahlt. Ein angenehm feierlicher Klagegesang mit exquisitem Holzbläserklang. Elegant, bruchlos, auf Wirkung bedacht.

Vladimir Jurowski (Bild: Roman Gontcharov)

Ein Ansatz, der Arvo Pärts vierter Symphonie „Los Angeles“, inspiriert vom russisch-orthodoxen Bußgesang und konzipiert als wortloses Flehen an die himmlischen Mächte um Seelenrettung, als inniges (Selbst-?)Gespräch mit dem eigenen Gewissen. Ein Auftragswerk des Los Angeles Philharmonic Orchestra unter dem damaligen Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen – und eine seltsame Wahl für den Energiekatalysator Jurowski. Der tut sich spürbar schwer mit dem Werk, das jegliches Voranschreiten verbietet, das vierzig Minuten Stillstand und Meditation ist. Die jenseitigen und zwischenweltlichen Klangflächen Pärts bleiben bei Jurowski fest am Boden, hier schwebt nichts, sondern wälzt sich schwerfällig voran. Das man zu Beginn des zweiten Satzen angemessen sein, über dem Rest des Werks liegt es wie eine bleischwere Decke. Innehalten, Geschehenlassen ist Jurowskis Sache nicht. Stattdessen forciert er, verdichtet bis an den Rand dramatischer Effekte, die den Charakter des Werks stören, aufgesetzt wirken, Fremdkörper, die lärmen, wo Stille herrschen soll. Später, im dritten Satz, probiert er es dann mit einem Fokus aufs Einzelne. Er grenzt musikalische Teile klar von einander ab, setzt deutliche Generalpausen – und nimmt dem Werk damit jeglichen Zusammenhalt. Musikalische Entfaltungsversuche enden jäh, werden regelrecht abgewürgt. Wenn er die flächige Zwielichtwelt Pärts nicht zum Fliegen bekommt, so scheint er sich zu denken, dann wenigstens unter Kontrolle. Wenn Jurowski beim Schlussapplaus die Partitur hochhält – eine Geste, die sich oft bei Salonen findet – wirkt das beinahe zynisch.

Das verheißt nichts Gutes für Mozarts Requiem – in Franz Beyers Überarbeitung des Vervollständigungsversuchs Franz Xaver Süßmayrs – schließlich wandelt das Werk auf der Kante zwischen der großen öffentlichen Geste und der intimen Zwiesprache, eine Zwiegestaltigkeit, an der Jurowski gerade gescheitert ist zuvor. Und auch das Requiem beginnt alles andere als vielversprechend. Das „Introitus“ verpufft regelrecht. Da ist keine Härte, kein bisschen Erschütterung, das Orchester klingt wie unter Glas, selbst der RIAS Kammerchor tut sich zunächst schwer, wirkliche Kraft zu entwickeln. Die Detailschärfe, mit der Jurowski gerade den Schlusssatz bei Pärt (z)erlegt hatte, fehlt hier vollständig. Das wird im „Dies irae“ nur punktuell besser. Ja, der Orchesterklang ist klarer und dichter, das Spiel aber noch um einiges zu kontrolliert, der Schrecken des Jüngsten Gerichts bleibt bestenfalls Behauptung. Dass es sich in der Folge etwas bessert, liegt vor allem am Vokalapparat. Das Sänger*innen-Quartett hat einige Probleme zusammenzufinden, können dies aber mit individueller Ausdrucksstärke kompensieren. Während die Balance zwischen der sehr kraftvollen Stimme von Bass Franz-Josef Selig und dem sanften Strahlens von Tenor Ben Johnson nicht ideal ist, überzeugt vor allem die nuancierte Wärme der Sopranistin Christina Landshamer – die mit der Altistin Christianne Stotijn besser harmoniert als die männlichen Kollegen – die regelrecht Leben ins geschehen pumpt, eine Anregung, die der von Justion Doyle einstudierte Chor gern aufnimmt. Strahlend feierlich ist er im „Sanctus“, berührend intim im „Offertorium“.

Das Orchester hält sich in seinen besten Momenten zurück. Wenn es mal in den Vordergrund drängt, geht das meist schief. So im „Lacrimosa“, wo die Überbetonung der melodischen und rhythmischen Linien etwas beinahe Mechanisches hat. Das ende ist gelungen: Intim lyrisch der Chor im „Agnus Dei“, von ernster Strenge der Abschluss im „Lux aeterna“. Das Orchester zeigt sich in den Schlusssätzen detailgenauer, konzentrierter, hat mehr Zug und Klarheit und drängt nicht an die Rampe. So überzeugt vor allem die zweite Hälfte als intime Selbstbefragung der menschlichen Seele. Nach viel Schatten endet der Abend mit ein wenig, wenn auch gedämpften Licht. Der Enthusiamus, den Petrenko bei den Berliner Philharmonikern auslöste, stellt sich nicht ein, ein bisschen Hoffnung bleibt aber durchaus.

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