Flug ins Nichts

Post Theater / SubHuman Theatre (Sofia): Satellites, Ballhaus Ost, Berlin (Künstlerische Leitung: Max Schumacher / Venelin Shurelov)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist das nett gedacht: In Zeiten eines Europas, das an allen Ecken und enden droht auseinanderzufallen, das von viel zu vielen längst als überflüssig abgetan wurde, tun sich der Westen und der Osten in Form des Berliner Post Theater und des SubHuman Theatre Sofia ein (letztes?) Mal zusammen, um gemeinsam darüber nachzudenken, wo die einzigen Gegner im so genannten „kalten Krieg“ heute stehen, welche Welt dem „Gleichgewicht der Kräfte“ folgte und ob es noch irgendetwas gibt, das diese – ob „im Innersten“ oder auch nur an der Oberfläche – zusammenhält? Und weil das Weltall seit jeher Utopieraum, Science-Fiction Experimentierfeld für menschliche Möglichkeiten wie Limitierungen war, stellen Max Schumacher und Venelin Shurelov, die Köpfe der beiden Gruppen, eine semitransparente Halbkugel auf die Bühne, ein Raumschiff, seit 30 Jahren im Orbit um die Erde, einst in geheimer Mission in die Umlaufbahn befördert, um einen Atomkrieg zu verhindern. An Bord: ein (West-)Deutscher und eine Bulgarin (Alexander Schröder und Juliana Saiska), Ost und West vereint in einer kleinen Miniatur-Utopie, die jetzt, 30 Jahre später vergessen scheint. Niemand weiß mehr um die Mission, natürlich auch das ein Sinnbild für die Geschichtsvergessenheit unserer Zeit.

Bild: Hiroko Tanahashi

Das ist nicht nur gut gedacht, es ist auch schön anzuschauen. Das Kapselinnere ist mit einigen Federstrichen und viel ausgeklügeltem Videoeinsatz eindrucksvoll skizziert, Sterne und Weltraumschrott werden auf die Außenhaut projiziert, die beiden Darsteller*innen in weißen Raumanzugen kreisen wie schwerelos auf einer kreisförmigen Schiene durch ihre kleine große Welt, atmosphärische Musik betont den verlorenen Traum, den sie leben, noch, wie hingetupfter Humor heitert die Stimmung auf. Alles ist also bereit für eine stimmige Parabel über die Schwierigkeit des Menschen, Trennendes zu übersehen, und wie einfach es doch eigentlich ist, Heimat, wie es einmal heißt, auch ohne Länder zu denken. Und wie unmöglich in einer Welt, die sich von Machtverhältnissen und deren Ausübung definiert wähnt, die darauf basieren will, dass jemand die Verhältnisse aufrechter-, Störendes in Schach hält.

Nur leider passiert hier nichts davon, weil der Abend, der visuell und thematisch kosmische Größe behaupten, in sich so unendlich klein geraten ist. Der deutsche Kosmonaut (hier werden die sowjetischen Begriffe verwendet) ist ein Pessimist, der an der erde nichts Schönes findet und seine Liebe zum All zum Ventil eines misanthropischen Eskapismus zusammenschnurren lässt. Die bulgarische Kollegin dagegen gibt sich lebenshungrig, was sich bei ihr zum beinahe manischen Sexhunger verengt, die ständig in wie es scheint ernstgemeint überzogenen Emotionalität den Kollegen begatten will. Dass dabei eine hohe Dosis ironiefreien Sexismus mitschwingt – hier der rationale, kontrollierte Mann, dort die emotionale, sich nicht im Griff habende Frau – macht die Konstellation nicht besser. Der Rest ist Lebenslust auf Softpornoniveau „I want to be loved. I want to be free.“) gepaart mit Küchenphilosophie („There is no God beside the black.“), das die „großen Fragen“, welche die Stückankündigungen in den Raum zu stellen schien („Welche Weltanschauung wird von wem wie geprägt? Welche Gesetze gelten heute im Orbit? Und wie viel Politik steckt nach MIR und ISS im Weltall? Wo sind die neuen Zentren, die andere Regionen zur Peripherie machen?“), in einer Art Küchentischdiskussion implodieren lässt, die sogar für Gute Zeiten, Schlechte Zeiten zu banal wäre. Depressiver Mann trifft sexhungrige Frau. Im Weltall. War sonst noch was? Nein. Das Nichts, nachdem sich der depressive Deutsche sehnt – der Abend verkörpert es konsequent.

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