Lasst die Körper sprechen!

Sasha Marianna Salzmann: Zucken, Maxim Gorki Theater, Berlin / junges theater basel, Basel (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Ein junges Mädchen chattet. Der Kommunikationspartner scheint ein junger Mann zu sein. Nur langsam wird klar, dass er anderes im Sinn hat als einen harmlosen Flirt. Er schickt dem Mädchen Songs, arabische, in denen es um Allah geht, kritisiert ihre Smiley-Flut, lenkt die Konversation in ernsthaftere Bahnen. Sie kotzt sich aus über die Eltern, darüber, nicht wahr und ernst genommen zu werden, keine Perspektive zu sehen, kein Ich, das ihr zusagt. er, so glaubt sie, hat die Antwort. „Das gefällt mir, dass du klare Antworten gibst“, sagt sie. „Ja und nein.“ Sie legt ihr Standard-Teenahger-Outfit ab, kleidet sich in Schwarz. Und will zu ihm. In den Dschihad. Als sie gestoppt wird und der Whatsapp-Chat-Partner nicht mehr antwortet, nimmt sie sich ein Messer und geht zum Bahnhof. Eine Radikalisierungsstory im Zeitraffer. Nüchtern, schnörkellos, einfach. Und kaum will sich der Zuschauer ein ganz klein wenig über die Simplizität dieser Verknappung einer solchen ins Radikalste führenden Sinnsuche ärgern, interveniert einer der Darsteller. „Das ist doch unterkomplex!“, ruft er und fordert einen Neustart. Ein schöner Kniff, der jetzt Multiperspektivik erwarten lässt, vielleicht auch eine Hinterfragung, warum die Simplizität der gerade gesehenen Geschichte uns westlichen Augen so plausibel erscheint.

Bild: Esra Rotthoff

Doch ist die Interventioon kein Wendepunkt, sondern ein wenn auch äußerst cleverer Trick, der dem Publikum Komplexität vorgaukelt, um ihm mit 70 Minuten eindimensionalität einzulullen. Denn die Dschihad-Geschichte samt ihrer Unterminierung ist bereits der beste Teil des Abends. Was folgt: ein chorischer Angriff auf die Ordnungsliebe, die Vergötterung „westlicher Werte“ der Mehrheitsgesellschaft durch eine diffuse adoleszente Wut nicht weiter definierter Traumata des Nichtdazugehörens und Nichtgesehenwerden; ein arg konstruierter Sketch um einen Jungen mit russischer Mutter und ukrainischem Vater, der sich entscheiden soll, wohin er gehört und dazwischen seine Homosexualität entdeckt; ein Handyvideo einer jungen Deutschen, die in Kurdistan die Rebellen unterstützt. Am Ende ist der Chor wieder da, mit dem Rücken zum Publikum, dreht sich höhnisch um und proklamiert: „Wir bauen unsere Pyramiden auf euren Knochen.“ Und: „Jeden Tag stehen wir auf und wissen wofür.“

Nein, tiefer wird es nicht. Der Abend sucht und findet die Wurzeln von Extremismus und Terrorismus, die Ursachen dieses seltsamen, verunsichernden und doch fast vernachlässigbar kleinen Phänomens westlicher Wohlstandskinder, die mit IS & Co. in den „heiligen Krieg“ ziehen, in einer Gesellschaft, die viel zu sehr mit sich beschäftigt ist, um sich groß mit ihrem Nachwuchs zu befassen; in Eltern, die Druck ausüben, aber nicht (mehr) zuhören; in der ewigen Sehnsucht nach Bedeutung, die eine natürlich sieche demokratische Gesellschaft nicht mehr bietet; im Bedürfnis nach Leben, nach Handeln, danach, etwas zu tun, einen Unterschied zu machen. Und eben in der Suche nach einfachen Antworten, die der Abend damit beantwortet, dass er sich selbst in solch einfache Antworten zurückzieht – dieselben, die er zu Beginn noch zurückzuweisen schien. Da passt es auch, dass das Jugendlichen-Bild des Abends vor allem davon geprägt ist, dass die „Kids“ die ganze Zeit am Handy hängen, die Welt nur noch über selbiges wahrnehmen beziehungsweise mit ihr darüber kommunizieren – ersatz für echte Beziehungen in einer kalten, abweisenden Welt, man kennt das. Dazu wirft Regisseur Sebastian Nübling als seine übliche magische Zutat ein wenig Körperchoroegrafie dazu, lässt die jungen Körper gemäß dem Stücktitel zucken, was ihre Energie, ihren Lebenswillen, ihre Gier, in die Welt zu gehen und etwas zu tun darstellen soll – im Kontrast zur Lethargie der schwarzen Ledersofahölle (Ausstattung: Ursula Leuenberger), in der sie verloren sind.

Das ist schade, denn den jugendlichen Darsteller*innen des Jungen Theaters Basel, mit dem die Inszenierung ko-produziert wurde, zuzuschauen, ist eigentlich eine Lust. Die subversive Energie, die Sasha Marianna Salzmanns Text und Sebastian Nüblings Regie abgehen, bringen sie in den Abend. Sie wüten über den schmalen Bühnenrest, der ihnen gelassen ist, nutzen die Sofagarnitur als Parkour-Strecke, tragen den pubertären Identitätsfindungskampf als Spiel der Anziehung und Abstoßung ihrer Körper aus. Und in diesem Körperdialog, der mal Duett, mal Duell ist und oft beides zugleich, der Monolog sein kann oder gruppendynamischer kollektiver Aufprall, steckt so viel mehr Ambivalenz, Komplexität, soviel von der seltsamen Mischung aus Hoffnung und Gewalt, aus Verzweiflung und Lebensgier, Wut und Sehnsucht, die der Abend sonst viel zu selten erlaubt. Hier, wenn Nübling seinen Darsteller*innen den Raum gibt, ihre Körper jenseits einengender Zuckungs-Choreografien sprechen, stürmen, scheitern zu lassen, ist der Abend plötzlich ganz bei sich, bei seinen Figuren, seinen Themen, stellt er sich über den Text, spinnt er ihn weiter , findet er eine Sprache, die nicht verbal ist, nicht sein kann, weil sich das, was sie ausdrückt, noch im Prozess der Bewusstwerdung befindet. Wenn die Worte in den Hintergrund treten, die Handies schweigen und die Körper sich ihrer Automatismen entledigen, beginnt dieser Abend zu leben, zu bedeuten, zu appellieren. Und zu zeigen, was er hätte sein können. Ein Schrei nach leben. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

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