Nicht alles Gold, was glänzt

Friedrich Schiller: Die Räuber, Theater an der Parkaue (Prater), Berlin (Regie: Kay Wuschek)

Von Sascha Krieger

Das Überraschendste an diesem Abend: es wird viel gelacht und das ist auch gewollt. Das klingt zunächst seltsam, schließlich sind Friedrich Schillers Die Räuber, das Duell zweier Brüder, das in erster Linie auch eine Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Despotie ist, nicht als Komödie angelegt. Bei Kay Wuschek, Intendant des Theaters an der Parkaue, Deutschlands einzigem Staatstheater für Kinder- und Jugendtheater, schon. Bereits Bühnenbild und Kostüme von Dorothee Curio haben eine dezidiert satirische Note. Gold dominiert: im Mobiliar, dem Kühlschrank, der Kleidung, dem eisernen Vorhang, sogar eine güldene Toilettenschüssel gibt es. Ein goldener Käfig, dessen Oberflächenglanz brüchig ist. Das herrschaftliche Haus der Moors ähnelt von der Einrichtung jenseits der Farbe eher einer abgeranzten Single-Wohnung, wobei die blätternde Farbe des alten Prater-Saals ein Übriges tut. Hier ist nicht nur alles, sondern nichts Gold, was glänzt. Keine Herrlichkeit, sondern Ego-Spiele. Da ist der intrigante Manipulator Franz, sein nicht minder narzisstischer, aus Kränkung zum Rebellen mutierender Bruder Karl, und der von Dennis Pöpping als egomanischer Choleriker gegebene Vater Moor. Ich-AGs in mehrfacher Potenz.

Bild: Christian Brachwitz

Wuschek, und das ist ebenfalls bemerkenswert in einer Zeit, welche Die Räuber gerade als Zeitkommentar wiederentdeckt, lässt die politische Dimension des Stücks weitgehend außen vor. Wogegen oder wofür sich Karl und seine Bande erheben, bleibt unwichtig. Vielmehr spiegelt Kartls Rebellion eher die seines Bruders. Wuschek liest das Werk eher psychologisch, wenn auch nicht in einem naturalistischen Sinn. Vielmehr geht es um Ich-Konstruktionen und Selbstfindung eines klar als (spät)pubertär verorteten Protagonisten – wobei eben auch die ältere Generation die infantile Ich-Manie nie abgelegt hat. Moment: eines? Ja, denn Karl und Franz werden hier von einer Person gespielt. Joseph Konrad Bundschuh, der trotz seiner 27 Jahre optisch durchaus noch als Teenager durchgeht, ist Karl und Franz in einer Person. Er gibt ersteren ernsthafter, ehrlicher, empörter, letztere zuweilen fast karikativ verschlagen, aber auch spielerischer, die Rollenwechsel werden ausgedrückt durch eine Wechseljacke, die mal übertrieben bunt (Franz), mal schwarz-weiß mit Totenkopf und „Banned“-Aufschrift (Kartl) daherkommt.

Damit nicht genug: Gegen Ende verquickt Wuschek die Szenen, in denen der treue Diener Daniel von Franz aufgefordert wird, den verkleideten Bruder zu töten, und jene, in der er diesen erkennt, zu einer. Spätestens hier ist klar: Karl ist Franz, Franz ist Karl, zwei Aspekte einer sich entwickelnden und in diesem Szenario unter multiplem Druck aller Seiten (eine typisch adoleszente Erfahrung, hier natürlich gesellschaftlich multipliziert) zerbrechenden und kollabierenden Persönlichkeit. Das Böse und das (trotz aller schrecklichen Taten essenziell) Gute sind eines, zwei Seiten einer (menschlichen) Medaille. Übrigens betonen Wuschek und Bundschuh die Güte Karls gerade nicht: In der Szene, in der Schufterle vom Kindsmord prahlt, ist Karls Empörung halberzig, müde, ein leerer Automatismus. Nein, dieser Karl/Franz ist ein Suchender, der nicht findet, oder zuviel findet, sich in Posen übt und verliert – der performative Aspekt ist mit Mikrofon-Ansprachen, Spielen mit dem Publikum und einer Art Bühnen-Steg an der Rampe stets präsent – und am Ende nur zerstörerische Rollen findet: den machtbesessenen Despoten oder den brutalen Kriegsherrn (auf martialisch zerschossenem Panzer).

Dabei dominiert zunächst, wie erwähnt, der komödiantische Aspekt. Die Selbstverwirrung der Protagonisten – eine reine Männerveranstaltung übrigens, in der die einzige Frauenfigur Amalia (Mira Tscherne) leider ziemlich außen vor bleibt – wird karikaturesk überzeichnet – mit grellen Klamotten, immer länger werdenden Haaren und neckischen Spielchen im und mit dem Publikum. Die pubertäre Selbstsuche hat von außen betrachtet stets etwas Lächerliches – wie sehr sich das jugendliche Publikum hier wiederfindet, ist offen, die Gefahr, bei allem Klamauk des Spiegeleffekt zu vergessen, birgt die Inszenierung durchaus. Irgendwann kippt der abend jedoch: Am Ende steht Karl/Franz kein Pastor gegenüber, sondern ein Chor der Toten, eine kollektive Personifizierung des schlechten Gewissens. Wuschek inszeniert diesen Schluss als fiebrigen Albtraum, wie er zuvor schon fantastisch schauerliche Elemente hineingebracht hat. Der Emissär der Belagerungsstreitmacht etwa ist hier eine Art Geist, ein jenseitiger Todesbote. Vielleicht braucht Wuschek diese Ebene, um seine Hauptfigur nicht vollends zu demontieren. denn der pubertäre Karl/Franz funktioniert eben nur dann, wenn er (noch) nicht der (unfreiwillige) Massenmörder des Schillerschen Textes ist, wenn seine Untaten eher in einem Zwischenreich verortet sind, das sich auch als Schreckensvision lesen lässt.

Der Preis dafür ist jedoch, dass der Abend sein Publikum zunehmend verliert, die Schlusswendungen – das Albtraumhafte und das Zusammenführen der Brüder-Figuren – nicht recht zusammen passen und auf eine stringente Handlungsverfolgung gänzlich verzichtet wird. Wobei sich sicherlich die Frage stellt, ob diese entpolitisierte Sicht auf das stück als Adoleszenz-studie je vom Text eingelöst werden kann, diese Sicht nicht zu kurz greift oder eben noch viel radikalere Texteingriffe erfordert hätte. Der brandschatzende und mordende enttäuschte Sohn und Bruder als verlorener Junge ist doch ein wenig extrem gedacht. Trotzdem sind diese Räuber durchaus konsequent konzipiert, nehmen das jugendliche Publikum lange mit und verlieren sich nur am Ende in zunehmend auseinanderstrebenden Richtungen, die der Abend nicht mehr zusammenbringt. Was zugegeben angesichts der zunehmen unplausiblen Handlungssprünge des Textes vielleicht auch nur konsequent ist. Und Jugendliche, die mit Fragezeichen nach Hause gehen, sind womöglich auch nicht das schlechteste Ergebnis einer solchen Unternehmung.

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