Das Chaos und das Nichts

Nach Bertolt Brecht: Dickicht, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Das „Dickicht der Städte“: In Sebastian Baumgartens Inszenierung wirkt es kaum wie ein Ort, in dem man sich verlieren könnte, vor dem man Angst haben müsste. Robert Lippoks Bühne besteht aus ein paar Miniatur-Wohnblocks, wohlgeordnete Menschen-Silos, kein Dschungel, sondern die anonyme, gleichmachende Ordnung moderner Großstadt-Architektur. Hunderte Wohneinheiten, Lebensräume glitzern freundlich. Doch dann, aus der Dunkelheit, treten schwarzgekleidete Gestalten, urbane Überlebenskämpfer, die sich in Worten aus Bertolt-Brechts Städtebewohner-Handbuch zuflüsteren, die Spuren zu verwischen. Unsichtbarkeit ist das Überlebensgeheimnis. Und so bleiben sie über weitere Strecken unsichtbar, die acht Spielerinnen, die sich im Bühnenhintergrunsversammeln. Über ihnen beginnt eine Leinwand Brechts frühe, rätselhaft-expressionistische Kampfparabel – die gar keine Parabel sein mag – Im Dickicht der Städte zu erzählen. In greller Überzeichnung erinnern die Filmszenen mal an expressionistische Stummfilme, mal an Gangsterstreifen der Noir-Tradition, später kommt eine gehörige Prise Horrorgenre hinzu.

Dickicht_(c)Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Doch bleiben die Bilder stumm. Der Ton kommt von den schwarzgekleideten Schmen im Dunkeln. Diese sprechen live die Texte ein, die mal mehr, mal weniger genau auf die Lippenbewegungen der Bilder passen. Zuweilen halten sie das Video an, treten hervor, um ein paar Dialoge auf der Bühne zu spielen und gleich darauf wieder in den Schatten zu treten. Später wird Baumgarten die Schraube noch weiter drehen und die Darsteller*innen live auftreten, den Ton aber aus dem Off kommen lassen. Erst ganz am Ende bringt er Ton und Bild zusammen. Wozu das alles? Brechts Stück ist ein klassisches Beispiel für Theatertexte, denen das Scheitern beim Versuch, sie auf die Bühne zu bringen, schon eingeschrieben scheint. Er beschreibt darin einen Kampf zweier fremder Männer in einem mythischen Chicago. Ein malaiischer Holzhändler namens Schlinks will dem Bibliotheksangestellten Garga seine Ansicht über Bücher abkaufen, was dieser ablehnt. Darauf hin entspiennt sich ein Kampf, der am Ende beide in den Ruin führt. Brecht war ein gr0ßer Box-Fan und riet seinem Publikum, den Kampf als solchen wahrzunehmen und nicht als Chiffre oder Metapher für andere, „große“ Themen.

Baumgarten ist nicht der erste Regisseur, der sich nicht daran hält und den Text befragt nach Bedeutung und vielleicht sogar Gegenwärtigkeit. Doch er bleibt dabei nahe am Text und an Brecht. Die ästhetischen Mittel sind ein Festival kaskadierender V-Effekte (immer wieder wird auch die theatrale Situation kommentiert, fallen die Darsteller*innen aus ihren Rollen und auch das Spiel auf der Bühne gefällt sich in abstrahierender Künstlichkeit). Die Verfremdungsschraube dreht sich bis kurz vor dem Zusammenbruch des ganzen Konstrukts. Und ist doch nicht Selbstzweck: Ausgehend vom Motiv des unsichtbaren modernen (Stadt-)Menschen und dem Abkaufen der eigenen Identität in der Eröffnungsszene ist der Abend ein Spiel der Identitäten. Die Schattenwesen verwandeln sich in Gangsterparodien, in Farcentypen, in Horrorfilmstatisten, in Handelnde und Passive, Täter und Opfer, Unterdrücker und Unterdrückte, Mitläufer und Rebellen. Dabei sind die Rollen fließend, die Übergänge ambivalent. Der manipulative Schlink wandelt sich zum ehrlich Verzweifelten, der standhafte Garga wird zum herrschsüchtigen Despoten, Bewegungen, die mehrfach in beiden Richtungen beschritten werden.

Dabei liegt der Fokus oft gar nicht auf dem Kampf: Till Wonkas Garga und Thomas Wodiankas Schlink gehen eine seltsame Symbiose ein. Die einsamen Stadtbewohner brauchen den Anderen, den Fremden, um sich selbst gewiss zu werden, ein Prozess, den Baumgarten in dem auf mehreren Ebenen stattfindenden Identitätswirrwarr ebenso zwingend darstellt, wie er ihn scheitern lassen muss. Denn das Ich braucht mehr als den Anderen, um zu existieren, es braucht einen Kern, den die toten Wohnblöcke nicht vorsehen. Zumal Schlink ein echter „Fremder“ ist. Das Rassismus-Element kehrt Baumgarten deutlich – in der Zuhilfenahme von Aufnahmen der rassistischen Gewaltexzesse in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 vielleicht etwas plakativ – ausstellt. Denn das Fremde, das der entwurzelte Mensch benötigt, um sich eine Art Selbst vorzugaukeln, hat auch eine sehr dunkle Seite: die Überhebung über den „Fremden“, seine Ausstoßung als minderwertig, die Definition des eigenen Wertes über die konstruierte Wertlosigkeit des Anderen. Der Kampf ist ein Scheinkampf, da er nicht ans Wesentliche rührt.

Die Überzeichnung der Figuren ist Programm: Jeder dieser Städtebewohner ist eine Karikatur, ein zweidimensionales Abziehbild einer Rolle. Wer ihr zu entgehen versucht wie Schlink und Garga oder Lea Draegers verloren auf schwankendem Boden strauchelnde Garga-Schwester Marie, scheitert. Im Gegensatz zu diesem Abend, dem sich so manches vorhalten lässt. Ja, er gefällt sich sehr in seiner Ästhetik und den cleveren erzählerisch-darstellerischen Kniffen, setzt gern auf vordergründige Effekte und einfach zu generierende Lacher. Ja, er bleibt auf Distanz und in einem unentschiedenen Dazwischen – zwischen Überzeitlichkeit und Heutigkeit, Abstraktion und Konkretheit, allgemeiner Lebensphilosophie und spezifischen Zeitkommentar. Doch ist gerade dies auch seine Stärke: Die mangelnde Eindeutigkeit nimmt er von Brecht und findet sie wieder im dauerüberforderten Heute und seiner irrationale Resultate zeitigenden Sehnsucht nach einfachen Antworten, nach dem Schwarz und dem weiß. Er spielt in seiner stereotypischen Figurenzeichnung damit und unterläuft sie zugleich, untergräbt immer wieder sein eigenes Fundament, lässt das Spiel der Identitäten irisieren und am Ende in seiner Existenzialität kollabieren. Ins Nichts, in die Unsichtbarkeit des vergessenen Menschen. Und das ist bekanntlich sehr heutig. „Das Chaos ist aufgebraucht“, heißt es ganz am Ende. Es bleibt: nichts. kein Ich, keine Welt, kein Leben.

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