Unter der Oberfläche

Pinchas Zukerman und Zubin Mehta zu Gast bei den Berliner Philharmonikern mit Werken von Edward Elgar und Peter Tschaikowski

Von Sascha Krieger

Die Zubin-Mehta-Festspiele in Berlin geht es weiter. Nach fremderen Klängen zum Auftakt seiner drei Programme (zwei mit den Berliner Philharmonikern, eines mit der Staatskapelle) geht es nun zurück in familiärere Gefilde. Romantisch geht es zu in der Berliner Philharmonie, zunächst mit Edward Elgars Violinkonzert, einer spätromantischen Modernitätsverweigerung, anschließend mit Peter Tschaikowskis oft gehörter fünfter Symphonie. Vor allem aber gibt es ein Wiedersehen und Wiederhören mit einem der größten Geigern der vergangenen Jahrzehnte. Dreizehn Jahre gastierte Pinchas Zukerman nicht mehr bei den Philharmonikern, jetzt hat er lange 50 Minuten Zeit, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Und die nutz der 68-Jährige. Nur wenige seiner Zunft sind in der Lage, ihr Instrument so konsequent und dauerhaft zum Singen zu bringen. Mühelos wirkt sein Spiel selbst in den schwierigsten Passagen, von denen das werk einige aufweist. Einen warmen, klaren Ton entlockt er seinem Instrument, lässt die romantische Melodik fließen, was auch das Orchester anspornt, auch wenn das dialogische Zusammenspiel erst im Schlusssatz so richtig zündet. Vor allem im ersten Abschnitt entspinnt sich eher ein Wechselspiel. Wenn die Violine schweigt, spielen die Philharmoniker lebendig auf, zeigen einen farbenreichen, wenn auch wenig transparenten Klang und gehen mit viel Zug zu Werke. Ist das Soloinstrument am Zug, zieht sich das Orchester ein Stück zu weit zu rück, ist mehr klangliche Unterlage als Partner.

Pinchas Zukerman und Zubin Mehta zu Gast bei den Berliner Philharmonikern (Bild: Monika Rittershaus)

Das geht lange gut, weil beide Seiten in der Lage und willens sind, den ausladenden gesanglichen Bewegungen Elgars zu folgen. Ein breiter, kraftvoller, an- und abschwellender Fluss ergießt sich über den großen Saal der Philharmonie, die Streicher dominieren – und decken vor allem im zweiten Satz – die eine oder andere weitere Klangfarbe nicht zuletzt der Holzbläser zu, die Streicherdecken sind massiv und dicht, der Klang betont romantisch aber nie ausschweifend, die Konturen bleiben stets klar und scharf. Und inmitten all dessen singt Zukermans Violine ihr nicht enden wollendes, zweifellos faszinierendes Lied. Ein satter, zuweilen fast schwelgender Grundton eröffnet den Raum für unzählige Nuancen: Das intim Innige beherrscht er so sicher wie das zerbrechlich Zarte, die virtuosen Passagen stemmt er wie selbstverständlich und mit höchster Klarheit, die große Kadenz mit Orchesterbegleitung im Schlusssatz ist ein Fest des Facettenreichtums, in dem der Solist das gesamte Spektrum romantischer Ausdrucksfülle durchmisst. Oder zumindest fast: Denn eine Farbe fehlt Zukermans Spiel: Er vermeidet Härten, das Schroffe, setzt keine Brüche, weicht nie ab vom sanglichen Modus, auch da, wo das musikalische Terrain rauer wird. Und so setzt beim Zuhörer irgendwann eine gewisse Ermüdung ein, erweist sich der Fluss als denn doch ein wenig zu zäh. Bruchstellen zu finden, hinter die Oberfläche zu schauen, das ist Pinchas Zukermans Sache nicht. So wird es mitunter etwas arg gefühlig, bleiben die tieferen Schichten des Werks unerschlossen. Der Glanz ist da, die Substanz macht Pausen.

Das ist anschließend in Tschaikowskis Fünfter anders. Wie schon in Mehtas Programm vor einer Woche erweist sich die Interpretation des reinen Orchesterwerks als stärker, subtiler, vielschichtiger. Bestechend der Beginn: Fast scheu, mit fragendem Gestus stellen die Klarinetten das berühmte Schicksalsmotiv vor, vorsichtig tastet es sich hervor. Hier spricht nicht die Macht des Schicksals, sondern der suchende Blick des verlorenen Menschen. Auch hier übernehmen bald die Streicher die Führungsrolle, doch ist der Klang offener, die Farbigkeit größer. Von Beginn an herrscht eine um etliches höhere Energie, nähern sich die Verdichtungsbewegungen einer gewissen Explosivität an, treiben die Pauken das Orchester vor sich her, bevor vor allem die ersten Geigen diese Aufgabe übernehmen. Statt plakativer Dramatik herrscht hier eine organische Spannung. Der Fluss fließt, aber er hat an Kraft, Schnelligkeit und Gefahr zugenommen.

Der zweite Satz beginnt wunderbar: Schwer ist die Streicherdecken zunächst, bevor sie sich fast magisch aufhellt, Luft und Licht hereinlässt, das Orchester zwischen affirmativem Druck und fragendem Tasten wechselt. Ein organisches An- und abschwellen, das nichts Ermüdendes mehr hat.  Der erste Einbruch der Schicksalsmotivs ergibt sich aus dem Vorangegangenen, färbt dieses dunkler ambivalenter, und bereitet das zweite vor, das dann tatsächlich Bruch ist, harter Einschnitt. Der Walzer-Satz ist wenig mehr als eine Fußnote, sehr lebendig, aber nicht auftrumpfend. Die Ambivalenz, die sich im zweiten Satz einschlich, hält er in der Schwebe. Das Finale besticht dann in seiner Vielgestaltigkeit, seiner explosiven Kraft und treibenden Härte. Scharfe Töne mischen sich in die gesangliche Grundstimmung, der zuweilen fast tänzerische Modus schwankt auf einem immer unruhiger werdenden Boden. Wiederholt droht der lebhafte Gestus in vorantreibende Gewaltandeutung zu kippen. Wo die Oberfläche strahlt, steht ihr eine wachsende untergründige Bewegtheit gegenüber, das ins Dur gewendete Schicksalsmotiv hat seine Moll-Herkunft nicht vergessen. Beinahe bedrohlich wirken die Anschwellbewegungen, die Sonne strahlt über einem Vulkan, der womöglich bald ausbrechen wird. Der triumphale Schluss bleibt Episode, weitere, dunklere werden folgen. Die Müdigkeit ist verflogen, Orchester und Dirigent hellwach. Das Publikum auch.

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