Das Dach unter den Füßen

Junges DT – Rainer Werner Fassbinder: Katzelmacher, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Jessica Glause)

Von Sascha Krieger

„Echt jetzt?“ steht mit Kreide geschrieben auf dem Stück Backsteinmauer am Bühnenrand. Darüber türmt sich eine Dachlandschaft mit schrägen Flächen und Schornsteinen (Bühne: Jil Bertermann) . Ein Ganz Oben, das auch ein Ganz Unten sein könnte und eigentlich ein Nirgendwo ist, ein Reich der Unsichtbarkeit, Heimat der Überflüssigen und sich überflüssig Machenden, der Liegengebliebenen und Nichtgebrauchten. In Rainer Werner Fassbinders Katzelmacher wartet und vögelt und beleidigt sich eine Gruppe Jugendlicher durch den Lebensrest, der übrigbleibt, wenn Ziel und Sinn längst weggebrochen sind. Ein brüchiger Anflug von Gemeinschaft entsteht erst, wenn Jorgos auftaucht, ein griechischer „Gastarbeiter“, so nannte man Migrant*innen damals gern, welcher der Gruppe durch sein Gegenbild ihren Selbstbetrug vor Augen hält und ihnen wiederum als Projektionsfläche für ihren Selbsthass dient und als Ventil für ihre diffuse Wut. Klingt bekannt?

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Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

In Jessica Glauses Inszenierung im Rahmen des Jungen DT gibt es gegenüber dem Original jedoch eine wesentliche Änderung: Jorgos, der Spiegel und Sündenbock, ist abwesend (ähnliches tut Ersan Mondtag übrigens gerade am Maxim Gorki Theater mit der dort titelgebenden Antigone). Und so geht der Hass, geht die Gewalt ins Nichts, in die leere Zwischenwelt der vierten Wand – und landet zurück auf den Tellern der Wütenden. Das Fremde ist hier Projektion, ein notwendiges Mittel, sich der eigenen Überflüssigkeit nicht bewusst werden zu müssen, Selbstwertgefühl zu erschaffen, indem man etwas, jemanden findet, dem man eine noch geringere Rolle zuweisen kann und der auch noch dazu dienen kann, als Schuldiger für die eigene Lage herzuhalten. Das Phänomen, dass Fremdenhass dort besonders groß ist, wo es keine oder nur sehr wenige vermeintlich „Fremde“ gibt, ist bekannt. Jessica Glause und ihr kompromissloses elfköpfiges junges Ensemble setzen es in Szene. Der Fremde, das Fremde sind Projektion, Externalisierung innerer Komplexe, Gefühle des Nichtgenügens, die nach außen gestülpt werden, um sich ihnen nicht stellen zu müssen. Das ist die eine, psychologische Seite. Hinzu kommt die gesellschaftliche: Fremden- und sonstiger Hass ist stets auch ein Mittel, mit dem sich Ausgeschlossene, Zurückgelassene und solche, die sich dafür halten, die Welt vereinfachen, um zu erklären, warum sie sind, wer, wo und was sie sind, ohne dass ihnen ein Vorwurf zu machen wäre – oder den gesellschaftlichen Verhältnissen. Hass als Instrument zur Erhaltung und Nichthinterfragung des Status Quo – auch das ist nichts Neues. Natürlich darf man da an AfD& Co., an Pegida und Trump denken. Falsch ist das sicher nicht.

Die Inszenierung in den Kammerspielen nimmt sich genau diesen Komplex der Entstehung von Hass und Ausgrenzung vor. Es ist ein Theater der Positionen – im Wortsinn. Gruppenbildungen, Ausstoßungen, Zusammenrottungen: Der Abend ist eine sorgfältig choreografierte Abfolge von Aufstellungen, die Machtverhältnisse zeigen und Prozesse der Anziehung und Abstoßung meinen, die Ordnung herstellen im Sinne eines Gleichgewichts der Gewalt, die auf der Ebene derer im Nirgendwo bleibt und nie ion andere Sphären überschwappt. So lange sich „die da unten“ gegenseitig in Schach halten, bleibt alles, wie es ist. Da wird gepost, ziellos angerannt, Zwischenmenschliches endet stets in Unterwerfungsgesten – seiner selbst oder des Anderen – statt einander zu küssen oder zu streichen, werden Gesichter befingert, Köpfe gerieben und niedergedrückt, Menschen zu Boden geworfen. Vermeintliche Alphatiere bauen sich vor einander auf, bewegen sich artistisch auf einem Parkours der Machtgesten, suchen die eigene Größe im Kleinhalten der Anderen. Die Ausgreunzung des Prinzips Jorgos ist dabei nur der Kulminationspunkt – der Mechanismus ist längst etabliert. Hier ist auch Sex Macht oder Machtlosigkeit. Grotesk abstrahier ist er hier nie Liebesausdruck, sondern stets Währung – wie alles andere. Die Ökonomie des Begehrens ist die Schwester jener gesellschaftlicher Hierarchisierung.

Passend zur Mechanik, auf die das Zwischenmenschliche reduziert wird, ist hier auch das Spiel, das sich auf kongeniale Weise aus Fassbinders trocken kalter, selbst mechanisch anmutender, entindividualisierter Sprache ableitet. So roboterhaft die Sprache, so karikaturesk puppenähnlich sind hier die Figuren. kein Naturalismus herrscht hier, sonder die Abstraktion vorgefertigter und -bestimmter Bahnen. Ein wild grotesker Marionettentanz, bei dem Individualität von grellen Haarfarben und plakativ lächerlicher Kleidung bemäntelte Behauptung bleibt, ein Geistertanz der Ökonomisierung sämtlichen Lebens, das nur etwas wert ist, wenn es sich anderen Leben gegenüber aufwiegen  und als schwerer, substanzieller bewerten lässt. Ist das nicht möglich, erfindet man einfach Skalen, die den eigenen Wert behaupten, ohne die Ordnung zu stören. Der Ausgegrenzte, der sich Sex kauft, und dessen Verkäuferin wähnen sich beide am längeren Hebel. Auf diese Weise fällt beiden nicht auf, dass sie kein Dach über dem Kopf, sondern nur eines unter den Füßen haben, eine Ordnung, die ihre eigene Perversion ist. Und so bleibt die Balance aufrecht und führt zur ultimativen Ruhe und Ordnung: der Erstarrung des Schlussbildes. Nein , echt ist hier nichts. Oder alles.

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