Im Zwischenreich des Möglichen

Zubin Mehta dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Ravi Shankar und Béla Bartók

Von Sascha Krieger

Zubin Mehta ist ein gern – und oft – gesehener Gast in Berlin. Seit 56 Jahren ist er immer wieder am Pult der Berliner Philharmoniker zu erleben und auch mit der von seinem Freund Daniel Barenboim geleiteten Staatskapelle verbindet ihn eine langjährige künstlerische Partnerschaft. Doch drei Konzertprogramme mit zwei Orchestern in zehn Tagen – das ist auch für Mehta ungewöhnlich. Das Berliner Konzertpublikum in seiner Mehrheit wird sich, so ist anzunehmen, eher darüber freuen. Nun ist der in Mumbai gebürtige 80-Jährige nicht nur einer der führenden Dirigenten der Welt, er ist auch ein Mittler zwischen den Kulturen, zwischen westlicher und östlicher Musiktradition. Dies hat er mit seinem engen Freund Ravi Shankar gemein, dem weltberühmten Musiker, der einst George Harrison das Sitarspiel beibrachte und zu dessen Mission es gehörte, die Musiktradition seiner Heimat in Dialog treten zu lassen mit der sich oft anderen als überlegen empfindenden musikalischen Welt des so genannten Westens. Ein solcher Dialog ist sein zweites Konzert für Sitar und Orchester von 1981, ein Auftragswerk für das New York Philharmonic Orchestra und seinen damaligen Chefdirigenten Zubin Mehta. Dieses hat Mehta nun bei seinem Gastspiel im Gepäck. Kein klassisches Solokonzert, sondern eine Abfolge indischer Ragas, gegossen in vier Sätze. Keine leichte Kost für ein klassisch geschultes Orchester.

Mehta Z (Oded Antman)

Zubin Mehta (Bild: Oded Antman)

Und so wird der Abend zur Annäherung. Aneinander, an eine oft fremd klingende Musik, an ein ganz anderes, stark improvisatorisch geprägtes Verständnis von instrumentalem Spiel und Virtuosentum. Anoushka Shankar, Tochter des 2012 verstorbenen Komponisten, gastiert mit diesem Werk nun zum ersten Mal bei den Philharmonikern – was auch für ihr Instrument gilt. Und deutlich zu spüren ist bei ihr der Versuch, zu vermitteln, dem Publikum einen Zugang zu geben zu diesen nicht nur in dieser Umgebung ungewohnten Klängen. Die typischen oft hochvirtuosen Gleitfiguren spielt sie mit größter Klarheit und einem Hang zur Deutlichkeit, der zuweilen den musikalischen Fluss an den Rand des Stillstands bringt, doch den Zuhörer mit zunehmender Dauer einlässt in die soghafte Faszination, die nicht nur den „stillen Beatle“ zu einem Fan dieses Instruments und der mit ihm verbundenen Musiktradition werden ließ. Ihr affirmativer, regelrecht plastischer Zugriff kontrastiert vor allem im Kopfsatz auf zuweilen fast magische Weise mit dem suchenden, fragenden, immer wieder Zwischenräume lassenden Gestus ihres Spiel, dem das Orchester mit behutsamer Grundierung viel Raum lässt. Hier darf zunächst das Soloinstrument ankommen, den Saal für sich reklamieren, mit dem Publikum kommunizieren.

Daraus entspinnt sich später ein Dialog mit dem Orchester, bei dem mal die Solistin, mal die Philharmoniker die Führungsrolle übernehmen. Dass sich Shankar leichter zu tun scheint, etwa im dritten Satz, den Anregungen des Orchesters zu folgen, als umgekehrt, wie in den ersten beiden Sätzen, wenn vor allem die Streicher zuweilen etwas kraftmeiernd auftreten und den flirrenden Klangwelten der Sitar mit Massierung und mitunter etwas übertriebener Schwere begegnen, ist Teil dieser Annäherung, die eben keine einfache ist und sein kann. Im Schlusssatz entspinnt sich dann ein echter Dialog, ein wirkliches Zwiegespräch, eine vielgesichtige, aber nie fragmentierte Tour de Force durch unterschiedlichste Ausdrucksformen, bei der sich zunehmend das Wort Spielfreude aufdrängt. Da begegnen sich zwei Traditionen, zwei musikalische Philosophien auf Augenhöhe, finden Gemeinsames im Zusammenspiel, erzeugen einen auch orchestralen Vielklang, der über so manche Schwierigkeit der Philharmoniker hineinzufinden ebenso hinwegtröstet wie darüber, dass Ravi Shankar kein Meister der Orchestrierung war und das fast einstündige Werk viel zu lang geraten ist. Eine Aufforderung, die Ohren zu öffnen und vermeintlich Fremdes einzulassen, in ihm erstaunlich viel Familiäres zu finden, sind Werk und Interpretation allemal.

Ein nicht ganz gewöhnliches Konzert gibt es denn auch nach der Pause: Béla Bartóks Konzert für Orchester bewegt sich in einem Gattungs-Zwischenreich. Symphonische Elemente treffen auf konzertante – vor allem die vorklassische Tradition des Konzerts ohne Soloinstrument, die viele Komponisten um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts wiederentdeckten,  stand Pate. Musikalisch verortet Mehta das Werk denn auch konsequent in einem Dazwischen und verweigert die Eindeutigkeit, die scharfe Formgebung.Stattdessen bleibt es lange im klanglichen Zwielicht, gerade im Auftaktsatz, der sich aus geisterhaftem Beginn zu einer blockhaften Masse entwickelt, um gleich in fast dissonante Schärfe zu kippen. Dabei findet Mehta in semi-transparentem Spiel sein Kraftzentrum. So massig und blockartig das zuweilen daher kommt, so brodelt da doch immer etwas unter der Oberfläche, hat das Orchesterspiel stets einen doppelten Boden.  Dunkelheit und grelles Licht kontrastieren in einem spannungsreichen Kopfsatz, der den Ton vorgibt. Scharfe Kanten stehen neben flirrend Wechselhaftem, dynamische Wechsel sind abrupt, Disparaten prallt kaum gebremst aufeinander. Stark der von Instrumentenpaaren geprägte zweite Satz, bei dem Solospiel und Begleitung stets in Balance bleiben, keiner die Oberhand gewinnt. Auch hier steht das Werden, das Zwielicht, das Sonnenauf- oder -untergang sein kann, im Mittelpunkt.

Erstaunlich rau klingt der elegische Mittelsatz, in dem harte Kontraste die Trauerstimmung aufbrechen, Kanten aufreißen, Unruhe herrscht. Auch wenn die Streicher mitunter nach Mahler klingen, fehlt hier jede Eindeutigkeit, bleibt alles, wenn nicht fließend so doch im Fluss. Fast romantisch dürfen die Streicher im vierten Satz aufspielen, nur um im Fragezeichen der Dissonanz zu enden. Dabei ist der Bruch nicht gewalttätig, sondern überraschend organisch, gehört der Ein- und Abbruch wie selbstverständlich zum Werden der ersten Satzhälfte. Starke Energieschübe prägen den Schlusssatz, unruhig aufgewühlt treibender Gestus steht neben Passagen zunehmender Fragmentarisierung, die fast im Stillstand enden. Auch hier schwankt der Grund, sind die Böden doppelt, der Schluss hart und ohne Auflösung. Eine überraschend raue, keineswegs milde und aufwühlende Interpretation, die angesichts der Entstehung dieses Werks – Bartók fühlte sich verloren im amerikanischen Exil und stand kurz vor seinem Tod – alles andere als unlogisch wirkt. Ein Abend, der Grenzen austestet, überschreitet und sich im Niemandsland niederlässt. Jenseits der Gewissheiten, aber Diesseits unzähliger Möglichkeiten.

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2 Gedanken zu „Im Zwischenreich des Möglichen

  1. Sehr schöne detaillierte Kritik, danke. Shankar habe ich ganz ähnlich gehört. Vor allem gefällt mir, dass Sie die ja offen hörbaren Eigenheiten der Bartók-Interpretation analysieren und würdigen statt sie einfach als verfehlt abzubürsten, wie es der Kulturradio-Kritiker etwas oberlehrerhaft tat.

  2. […] Zubin-Mehta-Festspiele in Berlin geht es weiter. Nach fremderen Klängen zum Auftakt seiner drei Programme (zwei mit den Berliner Philharmonikern, eines mit der Staatskapelle) geht es nun zurück in […]

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